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Josefov an der Moldau

Das jüdische Viertel Prag: Josefov, seine Geschichte und Synagogen

Uralte Synagogen, ein dicht bewachsener Friedhof und die Legende vom Golem: Das jüdische Viertel Prag, Josefov genannt, bewahrt eine der ältesten und eindrucksvollsten jüdischen Geschichten Europas – und die Erinnerung an ihre gewaltsame Auslöschung.

Exil-Club · Redaktion

Steine der Erinnerung
Abb. — Steine der Erinnerung

Das jüdische Viertel Prag, auf Tschechisch Josefov, ist der historische jüdische Stadtteil in der Prager Altstadt. Es gilt als eines der besterhaltenen jüdischen Viertel Europas und umfasst mehrere jahrhundertealte Synagogen, den Alten Jüdischen Friedhof und das Jüdische Museum – Zeugnisse einer über tausendjährigen Geschichte und der Verfolgung im 20. Jahrhundert.

  • Tschechischer Name Josefov
  • Lage Prager Altstadt (Staré Město), an der Moldau
  • Benannt nach Kaiser Joseph II.
  • Wahrzeichen Alter Jüdischer Friedhof, Altneu-Synagoge
  • Grabsteine rund 12.000 auf engstem Raum
  • Gedenkstätte Pinkas-Synagoge (ca. 78.000 Namen)
  • Legende der Golem des Rabbi Löw

Josefov: Lage und Name des jüdischen Viertels

Das jüdische Viertel Prag liegt mitten in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Altstädter Ring entfernt, und reicht bis an das Ufer der Moldau. Jüdische Gemeinden sind hier seit dem frühen Mittelalter belegt; über Jahrhunderte lebten die Bewohner in einem streng abgegrenzten Ghetto, das immer wieder von Vertreibungen, Bränden und Pogromen bedroht war. Der heutige Name Josefov geht auf Kaiser Joseph II. zurück: Sein Toleranzpatent von 1781 lockerte die Beschränkungen für die jüdische Bevölkerung, und aus Dankbarkeit wurde das Viertel 1850 nach ihm benannt. Trotz aller Umbrüche blieb Josefov über Jahrhunderte das geistige und religiöse Zentrum des böhmischen Judentums. So spiegelt die Geschichte des jüdischen Viertels über die Jahrhunderte die wechselvolle Geschichte der ganzen Stadt.

Geschichte des jüdischen Viertels Prag

Die Geschichte des jüdischen Viertels Prag ist eine Geschichte von Blüte und Bedrängnis. In der Renaissance erlebte die Prager Gemeinde unter Kaiser Rudolf II. eine kulturelle Hochphase; hier wirkten bedeutende Gelehrte, und das Viertel zählte zu den wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in Mitteleuropa. Zugleich blieb die rechtliche Lage prekär: Die Bewohner waren Sondersteuern, Berufsverboten und dem ständigen Risiko der Vertreibung ausgesetzt. Auch der Schriftsteller Franz Kafka, geboren 1883 am Rand des Viertels, blieb dem alten Josefov zeitlebens verbunden und beschrieb, wie sehr die engen, verwinkelten Gassen sein Lebensgefühl prägten. Erst im 19. Jahrhundert brachte die rechtliche Gleichstellung eine grundlegende Wende. Mit der Emanzipation verließen viele wohlhabende Familien das enge Ghetto und zogen in die bürgerlichen Viertel der wachsenden Großstadt. Das alte Josefov verlor dadurch an Einwohnern, blieb aber als religiöses und symbolisches Zentrum bestehen. In dieser Zeit entstand auch das Bild vom „magischen Prag", in dem sich deutsche, tschechische und jüdische Kultur auf engem Raum berührten und gegenseitig befruchteten.

Der Alte Jüdische Friedhof

Das eindrucksvollste Zeugnis des Viertels ist der Alte Jüdische Friedhof, einer der ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfe Europas. Weil der jüdischen Gemeinde über Jahrhunderte kein weiteres Land zugestanden wurde, mussten die Toten auf engstem Raum bestattet werden – teils in bis zu zwölf Schichten übereinander. So drängen sich heute rund 12.000 verwitterte Grabsteine dicht an dicht, schräg geneigt und von altem Baumbestand überschattet. Hier ruht auch Rabbi Löw, mit dem die berühmte Golem-Legende verbunden ist. Der Ort vermittelt wie kein zweiter die lange Dauer und die räumliche Enge jüdischen Lebens in der Stadt.

Synagogen des Josefov

Das jüdische Viertel bewahrt eine außergewöhnliche Dichte historischer Synagogen. Die Altneu-Synagoge aus dem 13. Jahrhundert gilt als die älteste noch genutzte Synagoge Europas. Die prunkvolle Spanische Synagoge besticht durch ihre maurisch inspirierte Ausstattung, während die Maisel- und die Klausen-Synagoge heute museale Sammlungen zur Geschichte der böhmischen Juden beherbergen. Die meisten dieser Bauten gehören zum Jüdischen Museum in Prag, das eine der größten Sammlungen jüdischer Kultgegenstände weltweit verwahrt. Gemeinsam erzählen die Synagogen von der religiösen Vielfalt und dem kulturellen Reichtum, den das Viertel über die Jahrhunderte hervorbrachte.

Die Legende vom Golem

Keine Erzählung ist mit dem jüdischen Viertel Prag so eng verknüpft wie die Legende vom Golem. Ihr zufolge formte der Gelehrte Rabbi Jehuda Löw im 16. Jahrhundert aus Lehm der Moldau eine menschenähnliche Gestalt und erweckte sie durch ein heiliges Wort zum Leben, um die jüdische Gemeinde vor Verfolgung zu schützen. Der Golem soll schließlich außer Kontrolle geraten und auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge zur Ruhe gebettet worden sein. Die Sage wurde vielfach literarisch verarbeitet und trug maßgeblich zum geheimnisvollen Ruf des alten Prager Ghettos bei. Vom Schriftsteller Gustav Meyrink bis zu zahllosen Filmen und Theaterstücken hat der Golem die europäische Fantasie beflügelt und gilt heute als eine der bekanntesten Figuren der jüdischen Überlieferung. In ihr spiegeln sich zugleich die realen Ängste einer Gemeinde, die über Jahrhunderte um ihren Schutz bangen musste.

Assanierung um 1900

Um die Jahrhundertwende veränderte eine umfassende Stadtsanierung, die sogenannte Assanierung, das Gesicht des Viertels grundlegend. Die überfüllten, als unhygienisch geltenden Gassen des alten Ghettos wurden fast vollständig abgerissen und durch breite Boulevards mit repräsentativen Bürgerhäusern ersetzt. Von der historischen Bausubstanz blieben nur wenige Zeugnisse erhalten – vor allem die Synagogen, das jüdische Rathaus und der Alte Friedhof. So entstand das eigentümliche heutige Bild: prachtvolle Jugendstilfassaden, zwischen denen die uralten Denkmäler jüdischen Lebens wie Inseln einer versunkenen Welt hervortreten.

Verfolgung und Erinnerung im 20. Jahrhundert

Während der nationalsozialistischen Besatzung wurde die jüdische Bevölkerung Prags deportiert und zum großen Teil ermordet. Paradoxerweise blieben die Bauten des Viertels gerade deshalb erhalten, weil die Besatzer hier Kultgegenstände aus dem ganzen Protektorat zusammentrugen. Nach dem Krieg wurde die Pinkas-Synagoge zur Gedenkstätte: An ihren Wänden stehen die Namen von rund 78.000 ermordeten böhmischen und mährischen Juden. Damit schlägt das Viertel eine Brücke zu den Schicksalen anderer verfolgter Menschen des 20. Jahrhunderts, wie sie dieses Archiv sammelt – von der Exilliteratur bis zum Zeugnis der Anne Frank. Josefov ist heute zugleich Museum, Mahnmal und lebendiger Erinnerungsort.

Häufige Fragen

Wo liegt das jüdische Viertel in Prag?

Das jüdische Viertel Prag, genannt Josefov, liegt in der Prager Altstadt (Staré Město) zwischen dem Altstädter Ring und dem Ufer der Moldau. Es ist zu Fuß in wenigen Minuten vom Zentrum aus zu erreichen.

Warum heißt das Viertel Josefov?

Der Name geht auf Kaiser Joseph II. zurück, dessen Toleranzpatent von 1781 den Juden mehr Rechte einräumte. Zum Dank wurde das Viertel 1850 nach ihm „Josefstadt" – tschechisch Josefov – benannt.

Was ist der Alte Jüdische Friedhof?

Der Alte Jüdische Friedhof ist einer der ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfe Europas. Auf engstem Raum stehen rund 12.000 Grabsteine, die Toten wurden über Jahrhunderte in bis zu zwölf Schichten übereinander bestattet.

Welche Synagogen gibt es im jüdischen Viertel Prag?

Zu den bekanntesten zählen die Altneu-Synagoge, die Spanische Synagoge, die Pinkas-Synagoge, die Maisel-Synagoge und die Klausen-Synagoge. Mehrere von ihnen gehören heute zum Jüdischen Museum in Prag.

Was hat das Viertel mit dem Golem zu tun?

Der Legende nach erschuf Rabbi Löw im 16. Jahrhundert aus Lehm einen künstlichen Menschen, den Golem, um die jüdische Gemeinde zu schützen. Die Geschichte ist bis heute eng mit der Altneu-Synagoge verbunden.

Was erinnert an die Opfer der Schoah?

Die Pinkas-Synagoge ist heute eine Gedenkstätte: An ihren Wänden stehen die Namen von rund 78.000 böhmischen und mährischen Juden, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet wurden.