Franz Werfel wurde am 10.9.1890 in Prag als Sohn einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Seinen Ruhm erlangte er im 1.Weltkrieg, den er an der russischen Front erlebte, mit zwei Gedichtbänden („Der Weltfreund” und „Wir sind”). Nach dem Krieg ließ er sich in Wien nieder und heiratete Alma Mahler-Gropius im Jahre 1929. In der Zwischenkriegszeit errang er außerordentliche Erfolge und etablierte sich vor allem als Dramatiker, er schrieb Gedichte, Bühnenwerke, Essays, Romane und Novellen. In den 20er und 30er Jahren zählte Werfel zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. 1933 wurde er aus der deutschen Dichterakademie ausgeschlossen. Im Jahre 1938 musste Franz Werfel Österreich verlassen und lebte bis zum Sommer 1940 im Exil in Sanary-sur-Mer. Von dort aus flüchtete er nach Frankreich und schließlich über Spanien und Portugal in die USA, wo er am 26. August 1945 im Alter von 55 Jahren in Beverly Hills, Kalifornien, starb.

 

Zu seinen wichtigsten Werken zählen:

 

Der Abituriententag                              (Roman, 1928)

Die blassblaue Frauenschrift                 (Erzählung, 1941)

Das Lied von Bernadette                      (Roman, 1941)

Die vierzig Tage des Musa Dagh          (Roman, 1933)

 

aber auch seine expressionistischen Werke (Lyrik, Dramen)

 

Als Franz Werfel sich Anfang des Jahres 1930 in Damaskus aufhielt, welches mittlerweile zum französisch verwalteten Syrien gehörte, begegnete er verstümmelten armenischen Waisenkindern, dies erschütterte ihn derart, dass er den Entschluss fasste, den Abwehrkampf und das Elend des armenischen Volkes festzuhalten. Er begann zu recherchieren und schrieb das Buch 1932-33 nieder.

 

Sein Buch erzählt die Geschichte von dem Armenier Gabriel Bagradian, dem Enkel eines in der Umgebung des Musa Dagh (ein Berg südlich des Golfes von Alexandrette in der Nähe des antiken Antiochia, heute Antakye.) sehr geachteten Mannes, nämlich Awetis Bagradian, dem Begründer eines bekannten Stambuler Welthauses mit Niederlassungen in Paris, London und New York. Gabriel wuchs in Paris auf und studierte dort. Er kam der französischen Lebensweise immer näher, und spätestens, als er die Französin Juliette heiratete, hatte er den französischen Lebensstil komplett übernommen. Als er zurück in seine Heimat muss, zusammen mit seiner Frau und seinem 14-jährigen Sohn Stephan, weil sein älterer Bruder schwer erkrankt war, bricht der Erste Weltkrieg aus und es gibt kein Zurück aus der Türkei. Zuerst hat er Probleme, sich wieder in seine armenische Umgebung einzuleben, doch im Laufe der Zeit entfremdet er sich immer mehr seiner französischen Frau und entdeckt seine Beziehung zu Armenien neu. Die gleiche Entwicklung ist bei seinem Sohn zu erkennen.

Die Situation spitzt sich dramatisch zu, zuerst werden ihnen die Inlandspässe, dann die Auslandspässe weggenommen unter dem Vorwand, sie müssten geändert werden.

Den christlichen Armeniern im Yoghonoluk wurde erst klar, was mit ihnen geschieht, als sie hörten, was mit den Armeniern im Zeitun passiert ist: Ihnen wurde ihr Hab und Gut weggenommen. Sie wurden vertrieben, erschossen, verkauft und vergewaltigt. Den Männer haben sie das Geschlechtsteil abgeschnitten und man hat sie gedemütigt

 

Dann am 30. Juli 1915 erreichte der Befehl Gabriel Bagradjan und seine Mitbewohner, dass sie nur sieben Tage Zeit haben, um sich auf die Verbannung vorzubereiten. Aber bei dem Gedanken die Familien in die Wüste zu schicken, neigten die Frauen wie auch die Männer dazu, sich dem Befehl zu widersetzen, deshalb entschieden sich die Dörfer für den Widerstand unter der Leitung des Priesters Ter Haigasun. Dies geschah mit Ausnahme des protestantischen Pastors Harutium Nikhudian, der beschloss, die Deportation mit einigen Familien unter türkische Bewachung anzutreten.

 

 

Weil die Dörfer selbst schlecht zu verteidigen waren, zogen die zum Widerstand entschlossenen Armenier, über 800 Familien (ca.5609 Seelen), auf den Musa Dagh. Alle Schafe- und Ziegenherden wurden mitgenommen, sowie 120 Büchsen, Gewehre und ungefähr dreimal so viele alte Feuersteinschlossgewehre und Sattelpistolen, aber trotz alledem waren die Hälfte der Männer ohne Waffen.

Es wurde ein Heer errichtet, vier Mann bildeten die militärische Führung. Es wurden Gräber ausgehoben, Steinwälle errichtet und alle Eingänge des Berges wurden gesichert, sie stellten eine Eingreifreserve auf und Gabriel Bagradjan wurde Befehlshaber über die militärischen Angelegenheiten.

Der erste Angriff der türkischen Truppen begann am 5. August. Ungefähr 200 osmanische Soldaten hatten die Pflicht den Berg an einem Tag zu räumen, aber die tapferen Armenier wehrten sich um jeden Preis und schlugen die türkischen Truppen zurück. Bei diesem ersten Angriff erlitten die Gegner  hohe Verluste an Männern, wobei es bei den Armeniern keine Verluste gab. Gleichzeitig setzte ein Regen ein und da die Verteidiger  keine Zeit mehr hatten aus Zweigen Unterschlüpfe zu bauen, verwandelte sich viel von ihrem Brot in Teigmasse.

Am kommenden Tag errichteten die türkischen Soldaten Feldkanonen auf den Berg, die sehr gefährlich für den Armenier wurden, aber ein tapferer Armeniersohn kroch trotz der großen Gefahr zu den Kanonen und eliminierte fünf Kanoniere.

Der türkische Hauptmann Rifaat Bey brachte die Kanonen an einem anderen Platz. Den ganzen nächsten Tag eroberten die Türken einen Bergrücken nach dem anderen, sie nahmen armenische Späher fest und lockten die Kämpfer in Fallen. Zwischen den Armeniersöhnen und den Türken lag nur noch eine tiefe Schlucht. Es wurde  langsam dunkel und da die türkischen Truppen sich auf dem Musa Dagh nicht auskannten, entschieden sie sich vor der Schlucht Halt zu machen und am nächsten Tag den “Krieg“ fortzusetzen. Das war die Gelegenheit für die Armenier ihre Ortskenntnisse zu nutzen und in der Nacht das Türkenlager anzugreifen und zum Nahangriff überzugehen. Der Überraschungsangriff der Armenier zeigte sich als Erfolg: Die türkischen Truppen flohen und ließen über 200 Tote, sieben Mausergewehre und viel Munition zurück.

Danach fand eine Waffenruhe von fast drei Wochen statt. In dieser Zeit stellte die türkische Regierung eine Horde von ca. 8000 Muslimenauf und sie umzingelten den Musa Dagh (auf der Seeseite gab es keinen Hafen und der Berg fiel steil zum Meer ab) von der Landseite, um die Leute darin aushungern zu lassen. In dieser Zeit herrschte im Inneren des Berges volles Chaos. Es kamen immer mehr Armenier, viele wurden krank, es herrschte Hungersnot,

 vielen Säuglingen fehlte die Milch und es gab viele Demonstrationen. Um die Umstände zu verbessern, entschieden sich die Führer zwei gute Schwimmer nach Alexandrette und ein guten Läufer nach Antiochia mit einem Hilferuf an den Russen, Engländer, Franzosen und den Amerikaner zu schicken. Die Frauen nähten eine riesige Flagge mit einem großen roten Kreuz, worauf mit großen Druckbuchstaben auf Deutsch und English „Christen in Not. Hilfe!“ stand.

Gabriels Frau Juliette wurde  krank und merkte nicht, dass sie ihren Mann mit dem Griechen Gonzagues Maris betrog. Das Verhältnis zwischen Gabriel und seinem Sohn Stephan verschlimmerte sich. Als Stephan sich heimlich an den Läufer Haik anschließt und den Weg nach Antiochia über Höhlen und Berge macht, entscheidet er sich jedoch wieder zurück zu kehren und den Rest des Weges Haik zu überlassen. Dieser aber kommt nie an, denn  er wird von den Türken gefangen genommen und mit 40 Messerstichen und mit anderen Mitteln massakriert. Die Schwimmer kamen ohne Erfolg zurück und berichteten gehört zu haben, dass Haik beim amerikanischen Konsul heil angekommen sei und dort Zuflucht gefunden habe.

Als sich am 36. Tag der Pastor Ter Haigasun  auf die kurze Predigt vorbereitet, wird er von dem Lehrer Oskanjan, schreiend und weinend aufgehalten „Pastor! Pastor! Pastor! Ein Kriegsschiff hat auf unsere Fahnen geantwortet. Wenn wir die Rotkreuzflagge schwingen, antwortet das Kriegsschiff mit Signalflaggen.“

Es war der französische Kreuzer „Guichen“. Der Kapitän des Schiffes Joseph Birsson  setzte Boot und holte viele Armenier zu sich und informierte per Telegramm seinen Admiral auf dem Kreuzer „Jeanne d'Arc“, der nur einen Tag brauchte, um an der türkischen Küste aufzutauchen. Auf Befehl des Admirals tauchten drei weitere französische und ein britisches Schiff auf und der Befehl des Admirals hieß, dass jede Seele gerettet wird und es wurden 4058 armenische Seelen gerettet.

 

 

Obwohl Gabriel Bagradjan  das Volk durch seinen militärischen Einsatz rettete, fand er jedoch am Schluss seinen Tod durch türkische Kugeln.

 

„Ich will an diesen Tag nicht mehr erinnert werden", wand sich der Armenier Soghomon Tehlerjan vor Gericht, „lieber will ich jetzt sterben, als diesen schwarzen Tag noch länger schildern."

Es war im Juni 1921 vor einem Berliner Schwurgericht und die meisten Zuhörer erfuhren zum erstenmal von einem Völkermord, den sechs Jahre zuvor Deutsche zwar nicht veranlasst, aber gedeckt hatten: die Vernichtung der Armenier in der Türkei. Es war der erste Genozid dieses Jahrhunderts, der schlimmste, den die Geschichte bis zu jener Zeit kannte. Erst der deutsche Holocaust an den Juden sollte ihn übertreffen. Dem in den Gerichtsakten als "Salomon Teilirian" geführten Armenier wurde zur Last gelegt, am 15. März 1921 den früheren türkischen Innenminister, Großwesir und Hauptverantwortlichen für die Ausrottung der Armenier, Mehmed Talaat Pascha, in Berlin auf offener Straße erschossen zu haben – eine Tat, die Tehlerjan bei seinen Landsleuten zum Helden gemacht hatte. Am Ende des Prozesses befanden die Geschworenen auf "nicht schuldig", obwohl der junge Armenier die Tat freimütig eingestand. So sehr war das Hohe Gericht von dem erschüttert, was es in den nur zwei Verhandlungstagen gehört hatte. Tehlerjan war Anfang Juni 1915, als er in die Fänge eines der Mordkommandos Talaats geriet, gerade 18 Jahre alt und lebte mit seiner Familie in der nordosttürkischen Stadt Ersindschan (dem heutigen Erzincan). Seine Eltern waren wohlhabende Kaufleute, er hatte fünf Geschwister im Alter von 15 bis 26 Jahren. Seine älteste Schwester hatte ein kleines Kind. Zusammen mit anderen Armeniern wurden sie aus ihren Häusern getrieben und zu einem Deportationszug zusammengestellt. Über das Ziel hatte ihnen niemand etwas gesagt. „Als sich die Kolonne eine Strecke von der Stadt entfernt hatte", berichtete Tehlerjan den Richtern, „wurde Halt geboten. Die Gendarmen (Polizist) fingen an zu plündern und versuchten, das Geld und die Wertsachen der Kolonne(Transportgruppe) zu bekommen. Bei der Plünderung bekamen wir Gewehrfeuer von vorn. Einer der Gendarmen schleppte dann meine Schwester weg, und meine Mutter schrie: ›Ich will mit Blindheit geschlagen werden.‹" Der Angeklagte stockte. Mühsam holte der Gerichtsvorsitzende weitere Details aus Tehlerjan heraus: Seine 15jährige Schwester wurde vergewaltigt und kam nicht zurück. Dem Jüngeren der beiden Brüder wurde vor seinen Augen der Schädel mit einem Beil gespalten. Seine Mutter stürzte, „Ich weiß nicht, wovon, ob durch eine Kugel oder von etwas anderem". Er selbst erhielt einen Schlag auf den Hinterkopf und war zwei Tage lang bewusstlos. Als er erwachte, lag sein älterer Bruder tot auf ihm, und „ich sah die Leiche meiner Mutter auf dem Gesicht liegen". Sein Vater hatte sich weiter vorn im Zug befunden und war verschollen, von den Schwestern und dem Kind hörte er nie wieder etwas. „Ich bin dann in ein Dorf ins Gebirge gegangen", berichtete Tehlerjan, „da hat mich eine alte Frau, eine Kurdin, beherbergt. Und als die Wunden wieder geheilt waren, hat man mir gesagt, dass man mich nicht weiter behalten könne, weil es die Regierung verboten habe und weil diejenigen, die Armenier bei sich hätten, mit dem Tode bestraft würden. Es sind sehr gute Leute gewesen, und die Kurden haben mir geraten, nach Persien zu gehen. Ich habe alte kurdische Kleidung bekommen, weil meine bisherigen Kleider mit Blut befleckt waren."

Tehlerjan gelang die Flucht. Der Zeugin Christine Tersibaschjan gelang sie auch. Sie war aus Erzurum, ebenfalls im Nordosten der Türkei gelegen, mit einem Zug deportiert worden, dem insgesamt etwa 500 Familien angehörten. "Unsere Familie bestand aus 21 Köpfen", berichtete sie vor dem Schwurgericht, „Mit eigenen Augen habe ich den Verlust von allen gesehen. Nur drei sind übriggeblieben." „Als wir die Stadt verlassen hatten und vor den Toren der Festung Erzurum waren", so die zur Zeit der Massaker 20jährige Zeugin, „kamen die Gendarmen und suchten nach Waffen, Messern und Schirmen, die uns weggenommen wurden. Von Erzurum kamen wir nach Bayburt. Als wir an dieser Stadt vorbei gingen, haben wir haufenweise Leichen gesehen, und ich habe mit den Füßen über sie hinweggehen müssen. Dann kamen wir in Ersindschan an, aber wir durften dort nicht bleiben, man erlaubte uns auch nicht, Wasser zu trinken. Als wir weitergingen, wurden 500 junge Leute herausgesucht. Auch einer meiner Brüder. Es gelang ihm aber, zu entfliehen und zu mir zu kommen. Ich habe ihn als Mädchen verkleidet, so dass er bei mir bleiben konnte. Die übrigen jungen Leute wurden zusammengebunden und ins Wasser geworfen.“ „Woher wissen Sie das?" fragte der Vorsitzende Richter. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen", antwortete die Zeugin und berichtete weiter: „Die Strömung war so reißend, dass alle von ihr weggerissen worden sind. Wir haben geschrieen und geweint, aber man hat uns nicht einmal das Weinen erlaubt." Die 30 Gendarmen und Soldaten hätten sie dann „mit Stichen weitergetrieben" und geschlagen. „In den Bergen von Malatya hat man die Männer von den Frauen getrennt. Die Frauen sind ungefähr zehn Meter weiter entfernt gewesen und konnten mit eigenen Augen sehen, was mit den Männern geschah. Man hat sie mit Beilen totgeschlagen, und man hat sie ins Wasser gestoßen." „Sind die Frauen und Männer wirklich auf diese Weise massakriert worden?" fragte ungläubig der Vorsitzende Richter, und die Zeugin korrigierte: „Nur die Männer sind auf diese Weise ums Leben gekommen. Als es ein wenig dunkel war, kamen die Gendarmen und suchten sich die schönsten Frauen und Mädchen heraus und nahmen sie als Frauen zu sich. Diejenigen, die nicht gehorchen wollten, die nicht nachgeben wollten, wurden mit dem Bajonett durchstochen und die Beine auseinander gerissen. Sogar schwangeren Frauen wurden die Rippen durchschnitten und die Kinder herausgenommen und weggeworfen." „Große Bewegung im Saal", vermerkte das Protokoll, die Zeugin erhebt die Hand: „Ich beschwöre das. Auch meinem Bruder wurde der Kopf abgeschlagen. Als das meine Mutter sah, fiel sie um und war auf der Stelle tot. Nachher kam auch ein Türke zu mir und wollte mich zu seiner Frau machen, und da ich nicht darauf einging, nahm er mein Kind und warf es weg. Ich habe dann meinen Bruder und die Frau meines Bruders gefunden, die schwanger war und entbunden werden sollte. Da wurde gesagt, dass wir noch an demselben Abend den Ort verlassen mussten, und wir waren gezwungen, die Frau meines Bruders zurückzulassen. Der Vater wurde krank, und da kam der Befehl, dass die Kranken nicht mitgenommen werden dürfen, sondern ins Wasser geworfen werden müssten. Man hat den Vater aus dem Zelt geholt. Nachher hat der Bruder ihn aber wieder zurückgebracht, er ist aber an demselben Abend gestorben." „Und ist das alles wirklich wahr?" fragte der Vorsitzende Richter, „ist das nicht Phantasie?" Christine Tersibaschjan: „Was ich erzählt habe, ist noch viel weniger als die Wirklichkeit. Es war noch viel schlimmer. Alle Armenier von Besitz, Bildung und Einfluss sollten beseitigt werden.“ Mit vorbereiteten Listen waren am Sonnabend, dem 24. April 1915, um neun Uhr abends türkische Polizisten durch Konstantinopel gezogen und hatten die ganze Nacht Armenier verhaftet. Es war das Gotha der armenischen Intelligenz, das in die Gefängnisse geschleppt wurde: alle Politiker von Rang, bekannte Publizisten, Ärzte, Apotheker, Priester, Schriftsteller, Drucker und führende Künstler der Theaterwelt, die von den Armeniern beherrscht wurde. Hunderte weiterer armenischer Intellektueller folgten in den nächsten Tagen, insgesamt etwa 600 Personen, von denen nur wenige überlebten. Zusammengestellt hatte die Liste ein armenischer Kollaborateur. Sogleich nach den Verhaftungen durchsuchten die Türken die Wohnungen der Verhafteten, um belastendes Material zu finden, mit dem nachträglich die Nacht-und-Nebel-Aktion begründet werden konnte. „Aber es fand sich nichts", schreibt Lepsius, der gleich nach Beginn des Völkermords nach Konstantinopel gereist war, „das Resultat aller Nachforschungen war gleich Null." Auch ein eilends gebildetes Kriegsgericht in Angora (der heutigen Hauptstadt Ankara) fand kein Belastungsmaterial gegen die armenische Elite, die daraufhin weiter ins Innere Anatoliens und in den Südosten verschleppt wurde. Schon vor der Verhaftungsaktion am 24. April, ein Datum, dessen seither die Armenier in aller Welt als Beginn des Völkermords gedenken, waren in den besonders stark von Armeniern bewohnten Provinzen Van, Erzurum und Bitlis sowie der Region um Sivas die armenischen Honoratioren verhaftet worden, erst die politischen Führer, dann auch Lehrer, Händler, Rechtsanwälte und Geistliche. Anfang Juni wurden schließlich noch alle armenischen Ärzte verhaftet, auch diejenigen, die in türkischen Militärlazaretten Dienst taten. Mit den Verhaftungen wollten die Osmanen angeblichen armenischen Aufständen vorbeugen. Sie fahndeten nach umstürzlerischen Schriften, worunter sie freilich schon normale Geschichtsbücher verstanden oder Liedertexte, in denen die Armenier ihr Volk besangen. Hauptsächlich aber suchten sie nach Waffen und Munition, deren Besitz auf Befehl des Sultans verboten war. „Es war keineswegs erstaunlich", schrieb der amerikanische Schulleiter Eimer, "dass die Armenier Waffen besaßen. Das war so Sitte in einem Land, in dem die Unsicherheit des Lebens und des Eigentums groß war. Es wurde aber schnell klar, dass dieser Befehl nur gegen die Armenier gerichtet war, denn nur sie mussten ihm nachkommen, während ihre muslimischen Nachbarn, die mindestens genauso viel Waffen besaßen, diese behalten durften." Der Entwaffnungsbefehl, berichtete Eimer, sei von den Armeniern mit großer Sorge aufgenommen worden, denn sie hätten sich daran erinnert, dass die Türken alle früheren Massaker gegen die Armenier mit einer Entwaffnung begannen. Deshalb hätte die Regierung sich besondere Mühe gegeben, den Armeniern Sicherheit und Schutz zu versprechen, wenn sie ihre Loyalität mit der Waffenabgabe bekundeten.

Diesen Auszug habe ich aus dem Buch von Wolfgang Gust „Völkermord an den Armeniern“