Karla Frenkel - Raveh

Familie und Kindheit - Deportation und Lager - Nachkriegszeit - Aktuelles - Lebenslauf

Familie und Kindheit in Lemgo

Das Leben leben
kann man nur vorwärts,
das Leben verstehen,
nur rückwärts.

Sören Kierkegard

Die Familie Frenkel

KarlaVater Walter wurde als zweite Tochter der Eheleute Herta (geb. 1901) und Mutter HertaWalter Frenkel (geb. 1897) am 15. Mai 1927 in Lemgo geboren. Sie hatte noch 3 Geschwister: Ihre ältere Schwester Helga (geb. 1925) und zwei jüngere Brüder, Ludwig (geb. 1934) und Uriel (geb. 1943).

Vater WalterDie Eltern Karlas hatten viele Freunde in ihrer Heimatstadt. Sie waren anerkannte und geachtete Bürger. Walter war im Schützenverein der alten Hansestadt und als Soldat im ersten Weltkrieg verwundet und ausgezeichnet worden.

Karlas Mutter, Herta, war eine sehr schöne und kluge Frau, die viel Wert auf eine gute Bildung und strenge Erziehung ihrer Kinder legte.

Kindheit in Lemgo

Geburtshaus in der EchternstrasseDie Familie wohnte in Lemgo in der Echternstr. 21 zur Miete, direkt gegenüber der Pauli Kirche im Haus eines Maßschneiders. Frau Raveh hat ihre Kindheit und elterliche Wohnung in sehr guter Erinnerung. "Lemgo, meine Heimatstadt, ist schön! Für mich war es ein Paradies!"

Bis zu Hitlers Machtergreifung verlebte Karla eine unbeschwerte, fröhliche Kindheit in Lemgo. Sie spielte mit allen Kindern, ganz gleich welcher Religion sie angehörten und die Kinder spielten mit ihr. Zu Weihnachten besuchte sie den christlichen Gottesdienst und es machte ihr viel Spaß, beim Martinssingen mit den evangelischen Kindern durch Lemgos Straßen zu ziehen.

Zwischen 1933-1934 musste Karla dann immer häufiger erfahren, dass sie "anders" war. Hitler erhält im März 1933 zwar nur 44% der Stimmen, aber er bringt das Ermächtigungsgesetz im Reichstag durch und setzt damit die Reichsverfassung außer Kraft. Damit wurden die wichtigsten Grundrechte des Menschen angetastet.

Auf Karlas Leben wirkte sich das konkret aus. Sie durfte zu Weihnachten den Gottesdienst in der Pauli Kirche nicht mehr besuchen und einige Kinder machten ihr gegenüber negative Bemerkungen ihrer Abstammung wegen. Selbst die Freundschaften unter den Kindern litten unter den Zeichen der neuen Zeit.
Eines der Ereignisse, das auch dem kleinen Mädchen Karla diese "Andersartigkeit" deutlich machte, war die Beschneidung ihres Bruders Ludwig.

Der Einfluss der Nationalsozialisten wurde in dem kleinen Städtchen Lemgo immer stärker. Dass der Reichstag in Berlin dem Ermächtigungsgesetz zugestimnmt hatte, machte sich auch hier bemerkbar.

Schulzeit

WallschuleDas Kind Karla Frenkel bekam dies weniger beim Spielen auf der Straße als viel mehr in der Schule zu spüren. Die Lehrerin war eine strikte Anhängerin Adolf Hitlers und seiner Rassenvorstellungen. Sie ließ "die Jüdin" dies deutlich spüren. Karla bekam Angst zur Schule zu gehen, und natürlich wurden auch ihre Leistungen dadurch immer schlechter.

Deutschland wurde 'gleichgeschaltet'. Besonderen Wert legte Adolf Hitler dabei auf eine einheitlich nationalsozialistische Erziehung der Jugend. Dies galt natürlich auch für die Schule. So gab es dort keinen Platz für Lehrerinnen und Lehrer, die nicht 'parteitreu' waren und natürlich auch keine Chance für jüdische Kinder, auch wenn sie noch so begabt waren. Gute Abschlüsse dagegen konnten alle nationalgesinnten Jugendlichen erhalten, auch wenn sie unfähig waren.

Karlas Eltern machten sich große Sorgen. Als die Tochter die Schule am Wall schließlich verlassen musste, meldeten sie diese in Detmold in der jüdischen Schule an.

Wohnungswechsel

Auch ihre Wohnung mussten die Frenkels aufgeben. Es war den Parteigenossen der Nazis nicht zuzumuten, ihre Uniformen in einer Maßschneiderei anfertigen zu lassen, in der 'Juden' zu Hause waren. Die Boykottmaßnahmen, die das Dritte Reich beschlossen hatte, machten sich im Alltagsleben immer deutlicher bemerkbar.

So zogen die Eltern mit ihren Kindern in das großelterliche Haus in der Echternstraße 70. Hier wohnten dann alle zusammen, gemeinsam mit den Großeltern und den Geschwistern ihres Vaters. Es war Platz genug da für alle.

Judenfeindlichkeit in Lemgo

Mit dem Tod Hindenburgs 1934 hatte Hitler die Macht in Deutschland endgültig übernommen und damit nahmen die Verfolgungen und Verunglimpfungen der Juden in ganz Deutschland an Schärfe und Intensität zu, so auch in der Kleinstadt Lemgo.

Doch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung wurde immer judenfeindlicher und auch die in Lemgo bisher so beliebte Frenkelfamilie bekam dies zu spüren. Freunde der Familie Frenkel rieten dringend dazu, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen.

Doch die Eltern Karlas wollten nicht. Sie dachten und fühlten wie Deutsche. Deutsch war ihre Muttersprache und sie waren mit der Kultur dieses Landes groß geworden. Mehr noch: Sie hatten, wie so viele jüdische Bürger, diese Kultur mit geprägt. Deutschland war die Heimat der Frenkels und sie liebten dieses Land; trotz allem. Irgendwann würde "der braune Spuk" zu Ende sein, Deutschland war doch ein Land der Kultur, kein Land, in dem Barbaren längere Zeit das Sagen haben könnten.

Die 'Bücherverbrennungen' im Mai 1933 sprachen eine andere Sprache und machten deutlich, wohin die Entwicklung Deutschlands ging.

Gebote und Verbote für Juden

Doch Karlas Eltern irrten, wenn sie glaubten, alles würde sich bald wieder zum Guten wenden. Im Gegenteil: Immer mehr Verbote wurden ausgesprochen, die den Juden das Leben in höchstem Maße erschwerten.

Im Lemgoer Stadtarchiv kann man die Verbote nachlesen, die in der damaligen Zeit in Bezug auf die jüdischen Mitbürger ausgesprochen wurden. Und diese Anordnungen, Ge- und Verbote, die das öffentliche und auch private Leben der Juden betraf, nahmen in der Folgezeit immer mehr zu. Die jüdische Bevölkerung musste Geld und Wertgegenstände abgeben, z. B. Schmuck, Kleidung und Pelze. Besonders hart traf die Kinder der Frenkels "die Abgabe ihres geliebten Radios", wie Karla Raveh berichtet. "Es wurde während einer Razzia am heiligen jüdischen Feiertag 'Jom Kippur' aus dem Haus geschleppt."

Karla Frenkel war damals noch zu klein, um den Ernst der damaligen Situation einschätzen zu können. Doch sie spürte, dass sich das Leben um sie herum veränderte:

Die Juden durften bald auch keine Kino- oder Theatervorstellungen mehr besuchen, die öffentlichen Park- und Schwimmanlagen nicht betreten und die elektrische Straßenbahn nicht mehr benutzen.

Die Kinder mussten die Schulen verlassen und durften auch privat nicht mehr unterrichtet werden. Eine Weiterbildung und damit Weiterentwicklung der jungen jüdischen Menschen sollte so weit wie möglich unterbunden werden.

Und irgendwann, als auch die Erwachsenen der Familie Frenkel begriffen, dass ihr Deutschlandbild nicht mehr dem des "Neuen Deutschland" entsprach und sie sich in großer Gefahr befanden, war es zu spät, sich zu einer Auswanderung zu entscheiden. Die Grenzen Deutschlands wurden für Juden geschlossen.

Während Hitler aufrüstete, verschärfte er die Verfolgung und Ausgrenzung anderer Rassen und Andersdenkender im Inneren des Landes.

Verhaftungen und erste Einweisungen in Konzentrationslager

Karlas Vater wurde verhaftet und mit anderen Juden aus Lemgo nach Buchenwald verschleppt. Ihr Schuldspruch lautete: Sie waren Juden!

Als der Vater als Erster aus dem Lager zurück kam, erzählte er nichts. Es war ihm zur Auflage gemacht worden, über alles Erlebte zu schweigen, andernfalls würde er wieder inhaftiert werden.

Karlas Onkel ErnstSo wurden die Greueltaten, die in den Lagern geschahen, in der Bevölkerung so gut wie möglich geheim gehalten, vor allem vor den Kindern.

Nur eins ließ sich schwer verstecken. Karlas Onkel, der Bruder ihres Vaters, war in Buchenwald schwer verletzt worden und dies ließ sich nicht übersehen. Mit einem Gewehrkolben war ihm die Kinnlade mitsamt den Zähnen zerschlagen worden.

Die großen Kirchen in Deutschland schwiegen größtenteils zu dieser Missachtung der Menschenrechte in Deutschland. Nur wenige mutige Kirchenmänner wagten es, sich dem Terrorsystem entgegenzustellen und viele von ihnen bezahlten mit ihrem Leben für ihr Handeln.

Auch innerhalb der Bevölkerung und der Wehrmacht gab es während der Nazizeit kleinere und größere Widerstandsgruppen, doch inmitten des totalitären Spitzel- und Terrorsystems waren sie nur wenig erfolgreich.

Während der Olympiade 1936 machte der Terror in Deutschland eine kleine Pause. Man wollte den vielen ausländischen Gästen zeigen, dass Deutschland ein demokratischer Staat war und dass es seinen Bewohnern gut ging. Hitler selbst wolle nichts als "Frieden".

Die Reichspogromnacht (Reichskristallnacht)

Von den Geschehnissen der Reichskristallnacht erfuhr Karla Frenkel durch eine Freundin.
Bei ihren Informationsveranstaltungen in Lemgo zeigt Karla Raveh häufig den Schülerinnen und Schülern, wo die alte Synagoge Lemgos stand, die in dieser Nacht angezündet und verbrannt wurde.

Viele Bürgerinnen und Bürger Lemgos lehnten das Vorgehen der Feuerwehr und der Polizei in dieser Nacht ab, doch kaum einer wagte Kritik daran laut zu äußern.

Auch in anderen Teilen Deutschlands gab es Widerstand gegen Hitlers System, doch die Angst vor Denunziation, Verfolgung und Verhaftung ließ die Meisten schweigen. Die Menschen unterstützten Hitlers Politik, spendeten, schränkten sich ein und bereiteten damit den Weg für den kommenden Krieg und seine Schrecken mit vor.

Wenn Karla Raveh in Deutschland ist, zeigt sie interessierten Besuchern die letzte erhaltene Synagogenmauer, die stehengeblieben ist und den ehemaligen Synagogenplatz, der heute als 'Gedenkplatz' gilt.

Neue Pässe für Juden

Eine nächste Schikane der Nazis gegen die Juden war, dass jeder jüdische Mann den Namen "Israel" und jede jüdische Frau den Namen "Sara" dem Vornamen beifügen musste. Dieser 2. Vorname wurde im Pass neben dem Judenstern, der ebenfalls hineingestempelt wurde, vermerkt.

Wie den Juden erging es allen 'nichtarischen' Menschen in Deutschland. Sie wurden verfolgt und gedemütigt, bevor man beschloss, sie endgültig zu vernichten.

Juden sind in Lemgo unerwünscht

Karlas Vater verlor seine Arbeit und die Familie fast alle ehemaligen nichtjüdischen Freunde. Wie die Tochter sich erinnern kann, litt er sehr darunter. Als Heizer versuchte er in einem Sägewerk soviel Geld zu verdienen, dass er die Familie ernähren konnte.

Die Juden hatten in diesem Staat keine Chance mehr, ihnen waren die 'Bürgerrechte' genommen. Schon bald wurde ihnen auch das 'Lebensrecht' in Deutschland abgesprochen, sie wurden deportiert und in Lager verschleppt.

Am 1. September 1939 überfiel Hitler Polen und der 2. Weltkrieg begann.

Bruder urielIm Jahr 1941 wurde dann Karlas jüngster Bruder, Uriel, geboren. Dieses Baby brachte für kurze Zeit noch einmal glückliche Augenblicke in das Frenkelhaus. Karla war zu dieser Zeit 14 Jahre alt. Sie war also verständig genug, um die ängstlich geflüsterten Gerüchte von einer "Verschickung" in den Osten mitzuhören. Allerdings konnte sie sich damals noch nicht vorstellen, was dies bedeutete.
Sehr wohl aber bekam sie mit, dass die Lebensmittelversorgung immer schlechter wurde. Juden durften nur noch bestimmte Nahrungsmittel erhalten. Ihre Lebensmittelkarten wurden mit einem großen "J" versehen, so dass alle Verkaufenden in den Läden Bescheid wussten, wen sie bedienten.

Lebten 1933 noch 67 Juden in Lemgo, waren es im Sommer 1942 nur noch 16 und schließlich wurden auch diese nach Theresienstadt deportiert. Nur drei von ihnen überlebten den Holocaust.

 

Karla Raveh, geb. Frenkel und ihre Großmutter, Helene Rosenberg, sind die einzigen der Familie Frenkel, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt haben. Die anderen Mitglieder dieser Familie, die in der Echternstraße 70 im Zentrum Lemgos zu Hause waren, wurden im Warschauer Ghetto, in Auschwitz und in Theresienstadt umgebracht.

 

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Liedstrophe

 

 

 

 

 

Karla mit Schwester Helga 

 

Bruder Ludwig mit Großvater 

 

 

 

Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief1

 

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Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief2

 

 

 

 

Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief3

 

Elternhaus in der Echternstraße

 

 

 

Elternhaus in der Echternstraße

 

 

 

 

 

Auszug aus dem Stadtarchiv

 

 

 

Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief4

 

 

Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief5

 

 

 

Eingangstor KZ Buchenwald

 

 

 

Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Synagoge in Lemgo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text von Karla Frenkel-Raveh
Brief7