Karla Frenkel - Raveh

Familie und Kindheit - Deportation und Lager - Nachkriegszeit - Aktuelles - Lebenslauf

Namensgeberin einer Schule

Die Idee der Namensgebung

Im Frühjahr 1997 begannen Eltern, Lehrer und Schüler sich Gedanken zu machen, der gegen viele Widerstände errichteten Gesamtschule des Kreises Lippe einen Namen zu geben. 'Georg-Büchner-Schule' hätte sie genannt werden können, wo sie doch schon an der Büchnerstraße liegt, lautete der erste Vorschlag.

Dann kam von einigen Müttern der zunächst zaghaft, doch dann immer konkreter und energischer vorgetragene Wunsch, der sich schließlich zu einem eindeutigen Votum entwickelte:
„Karla Raveh, die Ehrenbürgerin unserer Stadt sollte dieser Schule den Namen geben.“

Briefe wurden hin und her nach Israel und zurück nach Deutschland geschrieben und dann stand fest: „Frau Raveh war einverstanden.“ In der ihr eigenen bescheidenden, aufrichtigen Art sagte sie:
„Ich bin einverstanden und fühle mich hoch geehrt.“

Sie schreibt zu ihrer Entscheidung in einem Brief vom 22.03.2001:

"Was habe ich gedacht und gefühlt, als der Elternrat mir die Frage stellte, ob ich bereit sei, der Gesamtschule meinen Namen zu geben?
Die Frage kam telefonisch und ich sollte schon am nächsten Tag eine Antwort geben. Man kann sich meine Überraschung kaum vorstellen. Gefühle und Gedanken überschlugen sich. Ich fühlte mich geehrt, vergaß aber keinen Moment, welche Verantwortung ich als Namensträgerin übernehmen würde. Schließlich ist es für mich wichtig, immer daran zu erinnern, was mein Name ausdrücken soll, für was er als Namensgeberin stehen sollte, wenn ich zustimmen würde.
Wenn die Frage gestellt werden sollte: ‘Warum gerade Karla Raveh?’ Dann kommt von mir die Antwort: ‘Dahinter steht: Schule gegen Gewalt und Rassismus, für Toleranz und Menschenachtung“. In einer Zeit, als diese Werte nichts galten, wurden jüdische Familien mit Gewalt aus ihrem geordneten Heim und ihren Familien gerissen und schließlich - nach oft noch langem Leiden - ermordet, bis auf wenige Ausnahmen darunter die Namensgeberin der Lemgoer Gesamtschule!
Turbulente Gedanken zur Gegenwart und Vergangenheit flogen mir also durch den Kopf. Warum nicht eher der Name meines kleinen Bruders Uriel? Er war ein Baby, als er in Auschwitz umgebracht wurde, aber er kann nicht mehr für sich reden. Das müssen andere tun und für ihn und alle anderen mache ich es mir zur Aufgabe, solange ich kann zu mahnen und zu berichten, was geschehen ist. Damit so etwas nie wieder geschieht!"

Nun galt es Aufklärungsarbeit zu leisten unter Eltern, Lehrern und Lehrerinnen, Schülern und Schülerinnen. Im Juni besuchte das gesamte Lehrerkollegium Frau Raveh in der Echternstraße 70, in Lemgo. Alle waren sehr beeindruckt von der Offenheit, der Toleranz und dem Engagement der Lemgoer Jüdin und ihrem Motto: „Vergangenes nicht vergessen zu lassen und sich einsetzen für ein friedliches, tolerantes Miteinander der Menschen in Gegenwart und Zukunft“.

Sehr schnell waren sich Lehrer-, Schulkonferenz und Schulausschuss einig: Die Gesamtschule Lemgo des Kreises Lippe soll benannt werden nach der Lemgoer Jüdin Karla Raveh, die als Einzige ihrer Familie die Hölle der Konzentrationslager überlebt und in der Stadt Tivon in Israel ihre zweite Heimat gefunden hat. Ihr Name soll sein:

„Karla-Raveh-Gesamtschule“.

Auf der Namensfeier am 27. September 1997 wurde allen Beteiligten deutlich, dass die Schule mit diesem Namen einen klaren und unmissverständlichen Auftrag bekommen hat. Er heißt:

Geschichtliche Aufklärung und Erinnerung,
Mut, einen jeden Menschen gleich welcher Rasse und Hautfarbe, zu achten und
Aufbruch zu Frieden, Demokratie und Völkerverständigung.

 

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