 |
|
Interview mit Gerhard Zwerenz
Im
Rahmen unserer Schulprojektwoche interviewten wir (drei Wissener Gymnasiastinnen:
Stephanie Jung, Stefanie Seibert und Stella Thisson) mit unserer Fachlehrerin
Birgit Punstein den politischen Schriftsteller Gerhard Zwerenz. Zwerenz,
seit seiner Flucht aus der DDR im Jahre 1957 parteipolitisch ungebunden,
ist als Pazifist und Sozialist eine der schillerndsten Persönlichkeiten
der BRD.
In den Anfangsjahren der DDR vollkommen konform mit der Partei
Nachdem er im August 1944 aus der nationalsozialistischen Armee zur sowjetischen Armee desertiert ist, verbrachte Zwerenz vier Jahre in sowjetischer Gefangenschaft. Ende 48 kam er durch die Verpflichtung zur Volkspolizei zu gehen frei. In der Partei war er anfangs ein treuer Genosse, allerdings mit einigen Schwierigkeiten und war mit der Parteilinie absolut konform. Aus diesem Grunde war die DDR in ihren Anfangsjahren für Zwerenz kein SED Regime.
Vertreter der Linie von Marx und Engels
Zwerenz, der schon sehr früh mit der SED gebrochen hat, ist Trotzkist und vertritt die Linie von Karl Marx und Friedrich Engels.
Dies belegt auch folgende Passage des Interviews:
"Für mich ist Kommunismus - solange dies zusammenhängt mit der Diktatur des Proletariats - etwas absolut Abzulehnendes. Und in sofern bin ich Antikommunist."
"Ich sehe die PDS als Chance, aus der SED das zu machen, was wir, meine oppositionellen Freunde von 1956/1957 und ich, damals schon aus der SED hatten machen wollen."
Zwerenz, der mit dem Kommunismus gebrochen hat, ist aber nach wie vor Sozialist geblieben.
Deshalb und weil er die PDS verändern will (vgl. Zitat), hat er das Angebot von Gregor Gysi für die PDS in den Bundestag zu gehen, angenommen.
Dass er nicht in die PDS eingetreten ist, hat auch etwas damit zu tun, dass die SED, die sich in PDS verwandelte, die Parteiausschlüsse früherer Renegaten wieder rückgängig machen wollte. Dies überlegte sich Zwerenz und kam zu der Einsicht, dass er damals zurecht aus der SED ausgeschlossen worden ist.
"Wir ehemaligen Kommunisten müssen zusammenhalten."(Herbert Wehner zu Zwerenz)
Der Altkommunist Herbert Wehner forderte ihn hier im Westen mehrere Male auf, in die SPD einzutreten. Dies lehnte er ab, da er kein Sozialdemokrat ist, genauso wenig, wie er sich als Kommunisten sieht. Er ist Sozialist und daher ist er für Freiheit, für Ungebundenheit. Zudem sieht sich Zwerenz als Schriftsteller, der seit über vierzig Jahren seinen Beruf frei ausübt, und nicht mehr in der Lage ist eine Parteidisziplin einzuhalten.
Es ist ihm zwar möglich mit der SPD zusammen zu arbeiten, aber er sagt ganz offen:
"Wenn ich in die SPD eingetreten wäre, hätte ich Schaden an meiner Seele genommen."
Für ihn wäre allerdings auch ein Beitritt in die PDS undenkbar, da er befürchtet, dass er dann seine Äußerungen nicht mehr so radikal und unabhängig wie als Parteiloser tun wird. Dies würde jedoch für ihn einer seelischen Niederlage gleichkommen. Er nennt sich einen "praktizierenden Sympathisanten" mit der PDS, nicht mehr und nicht weniger.
"Solange Deutschland keine linke Politik hat, ist es nicht vollgültig europäisch." (Zwerenz)
Zwerenz erwartet von der PDS, dass sie einen "weiterreichenden Erneuerungsprozess durchmacht und außerhalb der Deutschen Sozialdemokratie den linken Flügel der SPD ersetzt"; dahinter steht seine eigentliche Überlegung eine linke Politik in Deutschland wieder möglich zu machen.
Schwierigkeiten mit der Partei
Zwerenz` Schwierigkeiten mit der Partei entstanden unter anderem dadurch, dass er Philosophie bei Ernst Bloch studiert hat. Zusammen mit Wolfgang Harich war Zwerenz mit 28 Jahren einer der ältesten Studenten. Schnell waren die beiden mit ihrem Professor befreundet und diskutierten ganze Nächte mit diesem über aktuelle und politische Themen.
Außerdem begann Zwerenz 1954 - damals studierte er im zweiten Semester Philosophie - sein schriftstellerisches Schaffen. Während seine Werke im ersten Jahr noch Anklang fanden, galten sie ab 1955 in der DDR als eindeutig oppositionell. Drei seiner Schriften wurden 1957 in seinem Parteiausschlussdokument erwähnt. Zwerenz ist heute der Ansicht, dass man ihn damals zurecht aus der SED ausgeschlossen hat.
Besondere Beziehung zwischen PDS und Grünen
Zwischen den Grünen und der PDS existiert laut Zwerenz eine besondere Beziehung, da die Grünen eine Oppositionspartei in der Bundesrepublik Deutschland waren und wie die PDS politisch links von der SPD stehen.
Desweiteren gibt es eine Nähe in personeller Hinsicht. Zwerenz war früher mit dem jetzigen Außenminister Fischer und anderen Politikern befreundet, als diese noch keine Grünen waren, sondern der außerparlamentarischen Opposition angehörten. Damals berichtete Zwerenz als Schriftsteller von den Geschehen, die in Frankfurt vor sich gingen, und forderte aus seiner pazifistischen Haltung heraus mehrfach auf, von Gewalt abzulassen.
Unter anderem schrieb er über diese Vorgänge den Roman "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond", der diese Ereignisse auf eine skandalöse Weise darstellte. Nach diesem Roman hat Fassbinder sein Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" geschrieben. Sowohl Zwerenz` Roman als auch Fassbinders Theaterstück wurde Antisemitismus vorgeworfen.
Zwerenz` Gründe für die PDS in den Bundestag zu gehen
Unter anderem wollte er erreichen, dass die PDS, die gewissermaßen die Nachfolge-Partei der SED ist, sich entstalinisiere und so zu einer "freiheitlichen, sozialistischen Partei" würde, welche über 5 Prozent der Wählerstimmen erreicht und somit die volle Fraktionsstärke im Bundestag erlangt, wo sie die linke Seite des Parlaments, also den Linken Flügel der SPD, verstärkt.
"Mir haben vier Jahre Abgeordnetendasein bei weitem gereicht." (Zwerenz)
Zwerenz ist über die hessische Landesliste für die Legislaturperiode 1994-1998 in den Bundestag gewählt worden. Zwischen 30 000 und 50 000 hessische Wähler haben den einzigen Kandidaten der PDS in Hessen gewählt. Als er 1998 wieder für eine Kandidatur aufgestellt werden sollte, lehnte er dies ab. (vgl. Zitat).
"Die Politik ist unser Schicksal, und sie wird es immer mehr." (Zwerenz)
Zwerenz sieht sich nicht als Politiker, sondern als politischen Schriftsteller. Auch in den vier Jahren als MdB hat er sich eigentlich als Schriftsteller gefühlt. Er möchte über die Literatur zum einen eine Abklärung von unklaren Verhältnisse erreichen, das heißt eine Analyse möglichst über Sensibilisierung, und zum anderen eine Analyse von direkten Vorgängen, das heißt eine politische Analyse.
Jedoch ist sein "Ding ein erzählendes". Dies hat die große Schwäche, dass er bestimmte politische Vorgänge nicht so ausdrücken kann, wie das ein Analytiker tun würde.
Flucht aus der DDR
Nachdem die Stasiverhörungen immer mehr zunahmen, siedelte er zu den Eltern seiner Frau in die Nähe von Berlin über. Aber als auch dort die Vernehmungen durch die Staatssicherheit weiter gingen, tauchte er unter und lebte 2 Wochen illegal in der DDR. Nachdem er jedoch die Stasidurchsuchung seines Hauses gesehen hatte, floh er im August 1957 nach West-Berlin.
Er hatte viele Verbindungen zum inneren Apparat des Innenministeriums und auch zur Staatssicherheit; diese Verbindungen stammten noch aus der Zeit seiner sowjetischen Gefangenschaft und seiner Zeit bei der Volkspolizei. Als Walter Ulbricht in Moskau weilte, erhielt Zwerenz die Warnung, dass der Generalstaatsanwalt der DDR einen Haftbefehl gegen Bloch ausgestellt hat.
Darauf fuhr Zwerenz aus dem für ihn sicheren West-Berlin noch einmal illegal nach Leipzig um Bloch und Loest zu warnen. Loest hat seine Warnung missachtet und sich dafür 7 Jahre Haft in Bautzen eingehandelt. Nachdem Zwerenz die beiden gewarnt hatte, fuhr er wieder illegal nach West-Berlin zurück und dort ist er geblieben.
"Ich bin in West Deutschland von niemandem unterstützt worden." (Zwerenz)
Im Interview verwies Zwerenz darauf, dass er in West- Deutschland ein völlig unbekannter Schriftsteller gewesen sei, der die Annäherungsversuche von Geheimdiensten konsequent abgelehnt hätte.
Von West-Berlin aus gelang es ihm dennoch, die Verbindung zu zahlreichen Rundfunkstationen aufzunehmen und über RIAS, SFB und NWDR Beiträge zu veröffentlichen.
Der in London lebende Schriftsteller Erich Fried, der im Dritten Reich aus Deutschland geflüchtet war, verschaffte ihm eine Serie im German Service BBC.
Schon bald nahm Zwerenz Verbindung mit dem Ostbüro der SPD auf, weil er Schutz bekommen wollte. Das ermöglichte ihm einen Flug in die Bundesrepublik Deutschland.
Von nun an lebte er in Kasbach, bei Linz am Rhein. Ab 1959 erschienen seine Bücher bei einem der damals renommiertesten Verlage, Kiepenheuer und Witsch (KiWi) in Köln.
"Die Westdeutschen Schriftsteller sind zur Solidarität kaum gekommen. Sie mussten stets zum Jagen getragen werden." (Zwerenz)
Zwerenz kritisiert sowohl im "Krieg im Glashaus" als auch im Interview, dass um 1960 wenige westdeutsche Schriftsteller gegen das Los ihrer ostdeutschen Kollegen protestiert haben. Er äußert, dass nur noch Erich Fried und einige ältere im Dritten Reich vertriebene Schriftsteller mit ihm zusammen Solidarität geübt haben.
"Bis auf die Frage der Grenzveränderung stimmten Wolfgang Harich und ich weitestgehend überein." (Zwerenz)
Harich gehört zu Zwerenz` ältesten Freunden. Die beiden lernten sich während des Studiums bei dem Philosophen Ernst Bloch kennen. Schon bald tauschten Zwerenz und Harich oppositionelle Gedanken aus. Mit der Zeit wurde Zwerenz jedoch etwas vorsichtiger, da er merkte, dass Harich in den Berliner Intellektuellenkreisen sehr redselig war.
Zwerenz hält die von Harich in zwei oppositionell geschriebenen Papieren geforderte Grenzdivision an der Ostgrenze für unüberlegt, da dies zur Todesstrafe hätte führen können.
Befreundet mit Erich Loest in Leipzig
Gerhard Zwerenz und Erich Loest wurden in der DDR kritisiert und im Schriftstellerverband zusammen unter Druck gesetzt. Loest, der Zwerenz` Warnung missachtete, wurde nur für das "Hegen oppositioneller Gedanken" zu sieben Jahren Haft im Bautzener Zuchthaus verurteilt.
Als die DDR-Regierung Loest in den siebziger Jahren die ersten Reisen in die Bundesrepublik Deutschland genehmigte, kam er bei Zwerenz unter.
Nach der Wiedervereinigung veranstalteten die beiden Doppellesungen. Seit Zwerenz jedoch mit der PDS sympathisiert, ist zwischen ihnen eine Entfremdung eingetreten.
Verhältnis zu Ralph Giordano
Ralph Giordano ist Zwerenz noch aus der Zeit in Leipzig ein Begriff. Um 1956 belegte Giordano am Literaturinstitut Johannes R. Becher denselben Lehrgang wie Erich Loest.
Damals haben sich Zwerenz und Giordano nur kurz kennengelernt, aber ab 1960, als Zwerenz in Köln lebte, sind sie miteinander befreundet. Allerdings trat zwischen den beiden vor zwei oder drei Jahren auch eine Entfremdung ein, da Giordano genau wie Erich Loest Zwerenz ` Annäherung an die PDS ablehnt.
"Kommunist zu sein, ist eine anständige Art zu leben." (Zwerenz)
Zwerenz wiederum lehnt es ab, dass Giordano seine "berechtigte Vergangenheit" in der kommunistischen Partei verleugnet und als falsch diskreditiert. Er ist desweiteren der Ansicht, dass Giordano das, was er als kommunistischer Journalist z.B. über die Nürnberger Prozesse veröffentlicht hat, nur von dem gesellschaftskritischen Standpunkt, den er als Kommunist eingenommen hatte, schreiben konnte.
Giordanos Bruch mit der SED sieht Zwerenz wieder als etwas vollkommen Legitimes an, da er und zahlreiche andere dies auch getan haben.
Schwieriges Verhältnis zu Marcel Reich-Ranicki
Zu dem ehemaligen Kommunisten Marcel Reich-Ranicki, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung in der NS-Zeit aus Deutschland ins Warschauer Ghetto deportiert wurde, später in Polen ein schweres Leben führte und während des jüdischen und gesamt polnischen Aufstandes nur knapp mit dem Leben davon kam, gibt es keine "Annäherung". Zwerenz sagte im Interview: "Ich achte ihn, aber er kann tun und lassen, was er will, es ist sein Problem."
Allerdings vertrat Zwerenz diese Auffassung nicht immer, Zwerenz und Reich-Ranicki hatten Zusammenstöße; sie haben sich "befehdet".
Seit Zwerenz jedoch weiß, dass er (Zwerenz) als Soldat der Wehrmacht bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, der sich in den Tagen, bevor er desertierte, ereignete, auf Reich-Ranicki hätte treffen können, sagt er sich, dass er von jetzt an nichts mehr über Reich-Ranicki äußern wird.
Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es, wie Zwerenz erzählt, eine "kuriose Situation", und zwar gibt der Journalist Ralf Schröder vier mal im Jahr unter dem Titel "Schröder erzählt" eine "Art Luxusausgabe von Samisdat" heraus, in der er seine ungewöhnlichen biographischen Erfahrungen mit der Literatur und der Kultur schildert. Im letzten Heftchen, mit dem die Serie jetzt abgeschlossen ist, schildert er, wie er in den 70er Jahren in Zwerenz' Zweitwohnung in Frankfurt zu Gast war, als auch Marcel Reich-Ranicki dort zu Besuch war. Damals wollte sich Zwerenz mit Reich-Ranicki versöhnen und als sie am Tisch saßen, sagte Schröder zu ihm: "Nun hören Sie mal zu. Was sind Sie eigentlich für ein Kerl. Sie haben doch nun wirklich für den polnischen, kommunistischen Geheimdienst gearbeitet."
Daraufhin hat Reich-Ranicki wütend die Wohnung verlassen und aus dem Friedensangebot ist eine "Verlängerung des Kriegszustandes" geworden.
Rolle des PEN-Clubs in der DDR
Welche Rolle der PEN-Club in der DDR spielte, kann Zwerenz nicht erläutern, da er erst im Jahre 1966 in den West-PEN gewählt wurde.
Beziehung zum Aufbau-Verlag
Zwerenz war in der DDR ein junger, aufstrebender Schriftsteller, dessen Verhältnis zum Aufbau - Verlag angespannt war. Er war mit dem aus Mexiko zurückgekehrten Walter Janka befreundet, der dort Leiter des Verlages El Libro Libre gewesen war, welcher unter anderem Anna Seghers Roman "Das Siebte Kreuz" publiziert hatte. Nachdem sein Freund Walter Janka, der lange Zeit der Leiter dieses DDR-Verlages war, eine Woche nach Wolfgang Harich verhaftet wurde, war die Verbindung zum Aufbau-Verlag zerstört.
Außerdem konnte Zwerenz, der mit der Partei gebrochen hatte, in der DDR sowieso nicht mehr publizieren.
Preisverleihungen:
Als wir Zwerenz nach den Preisen, die er verliehen bekommen hat, fragten, musste er sehr überlegen, wofür er diese Preise denn eigentlich bekommen hatte:
1. 1974 erhielt er den Ernst-Reuter-Preis für ein Hörspiel, welches den Briefwechsel, den er in den 70er Jahren (nach Loests Freilassung) mit Loest in Leipzig geführt hat, real und leicht fiktional darstellt.
2. 1986 wurde er mit dem Karl-von-Ossietzky-Preis ausgezeichnet. Diesen Preis erhielt er wohl, weil er zu jener Zeit bei der Auffindung der verschwiegenen oder ungenau gemachten Tucholsky Biographie und des Lebens von Ossietzky sehr engagiert war.
3. 1991 wurde er mit dem alternativen-Büchner-Preis bedacht. Diesen Preis erhielt er, weil er 1990 nicht in den allgemeinen Strom der Verurteilung seiner ehemaligen Genossen eingefallen ist. Zwerenz hat zwar mit dem Staat und der Partei gebrochen, nicht aber mit den Menschen, die in der DDR gelebt haben, ob sie nun in der Partei waren oder außerhalb.
"Was ist der Exil-Club?" (Zwerenz)
Mit dieser Frage verblüffte uns Zwerenz, als wir ihn zu seiner Meinung über die Arbeit des Exil-Clubs befragten. Er sagte jedoch, dass er Else Lasker-Schüler für eine großartige Frau und hervorragende Dichterin hält.
Chronologie seines künstlerischen Schaffens
Zuerst hat Zwerenz in seinen Büchern die DDR -Vergangenheit aufgearbeitet. Anschließend schrieb er wieder Romane, unter anderem zu gesellschaftlich wichtigen Fragen. So zum Beispiel den Roman "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond", den er zum "Frankfurt - Roman" deklariert.
Oder den Roman "Die Quadriga des Mischa Wolf", den er schrieb, als der DDR Spion Dieter Guillaume aufflog und den Sturz Willy Brandts als Bundeskanzler auslöste. In der Gestalt des Mischa Wolf porträtierte er dabei den DDR-Geheimdienstgeneral Markus Wolf. Dieser Roman ist entstanden, da Zwerenz bei dem Prozess gegen Guillaume gegen als Berichterstatter für das Fernsehen vor Ort war. Im Roman "Der Bunker" befasst sich Zwerenz mit dem Regierungsbunker in der Eifel und spielt die ganze Situation bis zum eventuellen Atomkrieg durch.
Durch die Zusammenarbeit mit Fassbinder hat er nach dessen Tod ein Buch über den Regisseur geschrieben. Außerdem verfasste er zahlreiche Texte für Fassbinder und schrieb ein Taschenbuch zu dessen Film "Die Ehe der Maria Braun", welches im Stern abgedruckt wurde.
Veröffentlichungen im Playboy
Zu der Zeit als in Amerika im Kontext die Anti-Vietnam-Krieg-Bewegung erotische Bücher modern, schrieb Zwerenz erotische Satiren, die als Taschenbücher verlegt wurden und unter anderem im amerikanischen Playboy veröffentlicht wurden.
Mitte der siebziger Jahre verlagerte sich sein Schaffen wieder auf Romane und er schrieb die große Tucholsky Biographie und den kleinen Tucholsky Roman.
Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Neuaufbereitung des Tucholsky Romans auf den Buchmarkt gekommen.
Für sein "Lachbuch", das es offiziell gar nicht gibt, wählte er einen völlig neuen Vertriebsweg und verkaufte das Buch an den Geschäftsführer einer Supermarktkette. Auf diese Weise wurden 100 000 Lachbücher über Supermärkte vertrieben.
Zusammen mit seiner Frau hat er zwei Chau Bücher herausgegeben.
Übergang zur ernsthaften Antikriegsliteratur und zur Biographie
1988 schrieb Zwerenz nach dem Tucholsky-Satz "Soldaten sind Mörder" einen gleichnamigen Roman.
1989 publizierte er den autobiographischen Roman "Vergiss die Träume deiner Jugend nicht".
Und 1993 veröffentlicht Zwerenz die Essays "Rechts und dumm?" und "Links und Lahm" in denen er sich mit Rechtsextremismus und Kommunismus beschäftigt.
Für die ehemalige DDR-Bevölkerung publizierte er nach der Wiedervereinigung den autobiographischen Roman "Das Großelternkind", welches in der Bundesrepublik Deutschland bereits erschienen war. Hier schildert Zwerenz seine Jugendzeit, in der er bei den Großeltern lebte sowie Kurznotizen "Die Antworten des Herrn Z.", die im Neuen Deutschland und in Rundfunksendungen von ihm gesendet wurden. Diese Kurznotizen entwickelten sich zu einer Art "politischen Bibel für progressive PDSler". Sowohl das Großelternkind als auch die Antworten des Herrn Z. erschienen beim EinMann-Verlag.
Als letztes Werk schrieb Zwerenz dann den Roman "Krieg im Glashaus oder der Bundestag als Windmühle", welches seine Zeit als Abgeordneter für die PDS im Bundestag darstellt.
"Ich glaube nicht an einen rechtsradikalen Kern, der in der Zusammenführung, also in der Wiedervereinigung, eine Rolle gespielt hat." (Zwerenz)
Zwerenz äußert in dem Interview, dass Westdeutschland nicht völlig frei von Rückfällen in Faschistisches ist. Dies hat er in seinem Roman "Krieg im Glashaus oder der Bundestag als Windmühle" vor allen Dingen in den Kapiteln über den Verteidigungsausschuss deutlich machen wollen; hierbei geht es um die nach dem Nazigeneral Dietl benannte Kaserne, wogegen Zwerenz lange Zeit,bis zur Umbenennung, gekämpft hat.
"Und wenn ich auch sonst gegen staatliche Unterdrückung bin, ,Neonazismus muss unterdrückt werden." (Zwerenz)
Die DDR war im Grundsatz durch Kommunisten begründet, die in KZs gesessen haben, das war im Kern genommen erst einmal antifaschistisch. Jedoch ist "die Politik, die antifaschistisch gemacht worden ist,(...) äußerst mangelhaft betrieben worden."
In der DDR vollzog sich nach Ende des Dritten Reiches der Wechsel von einem totalitären System ins andere, Faschismus wurde bekämpft und unterdrückt. Jedoch fand hier die Aufarbeitung des Nationalsozialismus quasi nicht statt. Und "insofern ist die DDR einschließlich der Stasi in dieser Hinsicht gerechtfertigt."
Allerdings konnte ein oder zwei Jahre vor Ende der DDR der Staatssicherheitsminister Mielke, der den größten Ostberliner Fußballklub anführte, nichts dagegen tun, dass Skinheads während eines Fußballspieles eine mit Hakenkreuzen bemalte Sau auf das Fußballfeld drängten und dabei Sieg-Heil-Rufe ausstießen.
Fehlende Jugendausbildung in der DDR
Zwerenz sieht das Problem mit der Wiedervereinigung darin, dass in Ostdeutschland keine Volksbildung, bzw. Jugendbildung, wie sie sich in Westdeutschland, auch aufgrund der Jugendverbände der Parteien, seit Kriegsende hat etablieren können, stattgefunden hat.
Den Jugendlichen wird nun bewusst, dass ihre Eltern, wenn sie mit der DDR und der SED konform gegangen, benachteiligt und oftmals arbeitslos sind.
"Alles was an neonazistischem Führungspersonal in Westdeutschland war, ist mit der Wiedervereinigung nach Ostdeutschland gegangen." (Zwerenz)
Zwerenz meint genau sagen zu können, welche Politiker und Vermögen nach der Wiedervereinigung nach Ostdeutschland gegangen sind und welchen Umfang an neonazistischer Propaganda das angenommen hat.
Seiner Auffassung nach zerfällt die "bodenständige Bevölkerung" in ihre Vergangenheitsgruppierungen und zwar in die ehemaligen SEDler oder jetzt PDSler, die zwar etwas gegen Neonazismus tun wollen, aber selbst als halbe Faschisten diskreditiert werden.
"Die Sozialdemokraten, die früher etwas anderes gewesen sind und nun im Osten Sozialdemokraten geworden sind, sind auf diesem Gebiet zu 90 Prozent inaktiv. Das hab ich selbst untersucht."
Zwerenz sagt, dass die bürgerlichen zwar offiziell gegen Faschismus sind, aber auch nichts dagegen tun.
Er meint, dass es "weniger in den großen Städten, aber auf dem flachen Land und in den kleinen Ortschaften, (...) dazu gekommen (ist), dass sich gewissermaßen eine neue Ostzone bildet, das sind also die "Linken-freien" oder die "Zecken-freien" Räume. Dort herrscht der Neonazismus und dort geschehen die eigentlichen kriminellen Handlungen."
Renegat statt Dissident
Zwerenz zählt sich selbst nicht zu den Dissidenten, sondern noch zu den Renegaten. Er und seine Mitstreiter waren die frühesten Oppositionellen in der DDR und wurden von der SED als Renegaten bezeichnet. Sie wurden am härtesten verfolgt und zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Sein Freund Leo Bauer bekam erst sogar die Todesstrafe, wurde dann jedoch zu 25 Jahren Veukuda begnadigt.
Von Zwerenz favorisierte Politik
Nachdem er ab 1957 im Westen lebte, favorisierte Zwerenz eine Politik, in der man Kriege unterlässt und versucht den Osten und Westen in friedliche Zustände zu überführen. Aus diesem Grunde heraus hat er mit der SPD zusammen gearbeitet. Er vermisste es jedoch, während 1956 in Polen und Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei Dissidentenbewegungen entstanden sind, dass dies in der DDR verhältnismäßig nicht der Fall gewesen ist. Über diesen von ihm kritisierten Missstand hat er sehr viel geschrieben und sehr viel gesendet, sowohl im Fernsehen als auch im Radio.
"1989 war ich vollkommen einverstanden mit den Demonstranten. Ich habe es für richtig gehalten, habe allerdings dann sehr schnell gemerkt, dass in der Dissidentenbewegung nichts anderes an Kraft vorhanden war als der Anschluss an den Westen." (Zwerenz)
1989 realisierte er früh, dass die Demonstranten größtenteils nur den Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland erreichen wollten, um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern.
Während in den Jahren 1989 bis 1990 hinein die
Dissidentenbewegung mit den Reformkräften der SED, die dann PDS wurden, zusammengearbeitet haben, entstanden schon bald Feindschaften, und die Dissidentenbewegung wandte sich vollkommen gegen die Reformkräfte der PDS.
"Da zeigte sich, dass die Dissidentenbewegung keine wirkliche revolutionäre Bewegung war, sie hatte kein anderes Ziel als bloss den Anschluss.
Diesem ganzen östlichen Deutschland fehlt eine Reformalternative, Reformmenschen, das, was Schäuble eine Elite nennt."
"Schorlemmer hat es vor dem Kosovo-Krieg nicht fertiggebracht sich vor eine Kirche zu stellen und Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden"
Als Schorlemmer damals in der DDR "Schwerter zu Pflugscharen umschmieden" wollte, waren viele, auch Zwerenz, dafür, weil diese Handlung für die Abrüstung stand. Trotzdem betrachtet Zwerenz die Situation kritisch und ist enttäuscht, dass vor dem Kosovo-Krieg solche Aktionen unterlassen worden sind.
"Unsere ursprünglichen Ziele Sozialismus, Pazifismus, Demokratie sind derartig im Verschwimmen und Vergehen begriffen, dass ich fürchte, wir gehen also auf ganz große Konfrontationen von heute zu."
"Meine Politik war, im Schriftstellerverband, im PEN, und in den Gewerkschaften auf Annäherung der beiden Deutschen Staaten hinzuarbeiten." (Zwerenz)
Um dieses Ziel zu erreichen, nutzte er verschiedene Möglichkeiten. Zum einen eine feste Rundfunksendung im SWR, in der er sich jeden Sonntag 10 Minuten lang zu Deutschen Fragen äußerte.
Außerdem versuchte er über Zwischenorganisationen in die DDR einzuwirken. Für wie gefährlich ihn die DDR-Regierung hielt, lässt sich an der Strafe aufzeigen, die derjenige bekam, der eine von Zwerenz verfasste Schrift in die DDR schmuggelte.
Wenn jemand ein Böll Buch geschmuggelt hatte, bekam er höchstens eine Verwarnung. Bei einem Zwerenz-Buch wurde man zu mindestens 3 Jahren Haft verurteilt.
"Meine Programmatik: "Sozialismus, Pazifismus, Liberalität, Demokratie" ist in ganz bestimmten Büchern enthalten gewesen und in den Aktionen, die ich gemacht habe."(Zwerenz)
"Ich habe stets versucht, mir als Einzelkämpfer Organisationen zu öffnen." (Zwerenz)
Zwerenz ist als Einzelkind bei seinen Großeltern, die eine Linke Politik favorisierten, aufgewachsen. Er hatte mit Trotzkisten zu tun und bei der Wehrmacht merkte er schon bald, dass er dort nicht hingehörte. Aber wenn er dies gesagt hätte, hätte man ihn wegen Verrats hingerichtet.
In der DDR glaubte er, dass er sich jetzt unter Genossen befindet und seine Meinung frei äußern kann. Aber schnell wurde auch in der DDR seine Meinung nicht mehr geduldet, also war er stets ein Einzelkämpfer, aber er hat immer versucht, sich Organisationen zu eigen zu machen.
Deshalb war er aktiv im PEN-Club, im Schriftstellerverband. Deswegen hat er zu APO-Zeiten als Schriftsteller von dem, was in Frankfurt passierte, berichtet.
"Ich habe aus dem Krieg mitgebracht: Nicht schießen. Das Schießen verhindern." (Zwerenz)
Zu der Zeit, als sich in Frankfurt der Häuserkampf ereignete war er schon 50, Fischer erst 25. Wenn Fischer einen Stein schmeißen wollte, sagte Zwerenz: "Laß den Scheiß, wir haben bessere Möglichkeiten." Als sie einmal zusammen geschlagen worden sind, gab es eine große Veranstaltung im TAT(Theater am Turm), ich habe diese Veranstaltung geleitet und sie gegen die Polizei verteidigt.
"Ich habe die Praktiken der RAF nicht gut geheißen." (Zwerenz)
Zwerenz kannte auch die Mitglieder der Roten Armee Fraktion. Als sich diese Anfang der 70er Jahre formierte, war Zwerenz schon ein bekannter Schriftsteller. Er schrieb unter anderem auch im Konkret, in dem die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhoff Leitartiklerin war.
Als sie eine Konferenz von Konkret hatten, fand am Abend eine große Diskussion zum Thema "APO- Gewalt- Frieden?"
in der Hamburger Universität statt. Dort saß Zwerenz neben Ulrike Meinhoff auf dem Podium. Nachdem ihr Mann Röhl äußerte, dass Steineschmeißen keine Gewalt sei und die Bullen Gewalt machen würden, sagte Ulrike Meinhoff, dass dies Schweine seien und man zum bewaffneten Kampf übergehen müsste.
Zwerenz sprach wie er im Interview darlegt - aus seiner pazifistischen Einstellung heraus sofort dagegen und da meinte sie: "Der Kapitalismus ist das Verbrechen". Als Beispiel dafür lieferte Ulrike Meinhoff, dass in Kühlschränke Fehler eingebaut werden, damit der Kapitalismus funktioniert. Zwerenz hatte in dieser Zeit von Erich Loest erfahren, dass 70% der Kühlschränke, die damals in Deutschland verkauft wurden, in der DDR hergestellt wurden. Also sagte er zu der Meinhoff: "Aha, da arbeitet also die DDR, das Sozialistische mit dem Kapitalismus soweit zusammen, dass die die Fehler einbauen, damit die Kühlschränke schnell kaputtgehen und schnell neue liefern können."
Alles lachte, so Zwerenz.
Ostermärsche mit Niemöller
Ganze Osterfeiertage haben Niemöller und Zwerenz auf Ostermärschen verbracht. Erst sprach Niemöller für die Christen, dann hat Zwerenz für die Atheisten gesprochen.
Trotzdem konnte Zwerenz im Gegensatz zu Niemöller, welcher der hessische Kirchenpräsident war (Hessen- Nassau Evangelisch), nie von sich behaupten, dass er irgendwo fundiert in einer Organisation gewesen ist.
"Ich bin zu nüchtern und zu realitätsversessen, als dass ich mich auf Wunschträume einlassen würde."
Zwerenz ist ein gebranntes Kind, was Utopie und auch konkrete Utopie betrifft, da er 6 Semester bei dem aus der amerikanischen Emigration zurückgekehrten Philosophen Ernst Bloch in Leipzig Philosophie studierte und er nächtelang mit ihm über diese Themen diskutierte.
Dennoch sagt er im Gespräch, dass man das Leben eines Tieres führt, wenn man nicht bedenkt, was wünschbar und eventuell durchaus machbar ist. Außerdem wies er darauf hin, dass er sein Denken nicht durch zu niedrig gezogene Decken begrenzen lassen will.
"Herkömmlich sind wir in einer guten demokratischen Kultur, in einer radikalen Literatur gut aufgehoben, weil wir dort solche Auswege finden."
Die kann Zwerenz selbst bei Goethe finden, den er nicht besonders mag, aber bei Goethe findet er ungeheuerliche Sätze, die ihn schlussfolgern lassen, dass Goethe bei dem Geschriebenen enorm weitergedacht hat.
"Dieses Weggehen in die dümmste Privatheit, wo jeder nur noch sagt, ´Jetzt will ich Kohle machen` - zum Schluß hat nämlich keiner mehr Kohle - dies alles, glaube ich, hat mit dem Verlust von konkreter Utopie zu tun."
Zwerenz ist der Auffassung, dass die Globalisierung nicht so weiterlaufen kann wie bisher, da die immer übermächtiger werdende Kapitalmacht einen Unwillen herbeizürnt, menschliche Ziele zu verwirklichen, bzw. sich für menschliche Ziele einzusetzen.
"Ich halte die einzige Epoche, die Leben garantiert, für die Demokratische Revolution." (Zwerenz)
Zwerenz ist der Ansicht, dass eine demokratische Revolution immer mit Mehrheiten arbeiten muss. Dass jedoch "diejenigen, die sie machen könnten, immobil werden".
So sieht er in der SPD nicht mehr die SPD, sondern einen Schatten. Fast schon einen Ersatz für die CDU. Wohingegen die CDU jetzt schon die SPD zu kopieren versucht, indem sie mit den Truckern auf die Straße geht. Auch die Grünen sind für ihn nicht mehr die Grünen, da sie sogar einen Krieg mitmachen.
"Das Blair Schröder Papier war eine Verlegenheitslösung." (Zwerenz)
Zwerenz glaubt nicht an die Neue Mitte, da er der Auffassung ist, dass diese Konzepte nicht tief genug gehen und fordert, dass man zu Maßnahmen greift, "die wesentlich demokratisch revolutionärer sind". Er stellt fest, dass sich der Zerfall der neuen Mitte verschnellert und wir tiefer gehende Strukturwechsel brauchen, die von den Parteien, so wie sie momentan beschaffen sind, nicht durchgeführt werden können.
"Wir bräuchten nur das Rentenmodell der Schweiz zu übernehmen, das können wir nicht aus Klassenkampfgründen:" (Zwerenz)
Zwerenz ist der Ansicht, dass es eine Rettung in sozialen Fragen gäbe, wenn alle erwerbstätigen Bürger die gleichen Anteile in die Rentenkasse bezahlen müssten. Er bewertet die Rentenreform der SPD und der CDU als Fortschritt falls sie durchkommt aber bemerkt auch, dass sie gegenüber dem, was sein müsste, ein Nichts ist.
"Mit unserer neuen Euroaufrüstung steuern wir auf neue Kriege zu." (Zwerenz)
In der neuen Euroaufrüstung sieht Zwerenz das Rüsten von den beiden Kapitalmächten Europa und Amerika gegen Asien. Er fürchtet, dass es, wenn diese Punkte nicht tiefgründiger angepackt werden, zu einem ganz großen Weltkrieg kommen wird.
"Die Politik ist nicht in der Lage diese Fragen zu stellen, geschweige denn zu beantworten. Das heißt Demokratische Revolution." (Zwerenz)
Permanente Revolution
Im Krieg im Glashaus behandelt er auf den" letzten schwer lesbaren 140 Seiten", auf denen er mit Fischer, den Grünen und anderen wegen des Kosovo Krieges abrechnet, am Rande auch Trotzki und seine Theorie von der permanenten Revolution.
Trotzkis Theorie wird laut Zwerenz sowohl im Osten als auch im Westen etwas naiv gesehen, nämlich dass man eben stets revolutionär sein muss.
Er erläutert, dass er "nicht morgen der bloße Schatten seiner gestrigen Existenz sein will", und dass dies in ihm drinsteckt. Wenn man diese Erkenntnis aus dem gesellschaftlichen Kontext herauslöst, kommt man, so Zwerenz, zu der permanenten Selbstrevolution und dies macht den modernen Trotzki aus.
Verhältnis zu dem marxistischen Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth
Zwerenz trat des öfteren mit dem marxistischen Politikwissenschaftler Abendroth, der in Frankfurt lebte und an der von ihm quasi gegründeten roten Universität Marburg lehrte, in der Öffentlichkeit auf. Wenn die beiden zusammen waren, waren sie wegen der DDR stets etwas kontrovers. Abendroth ist aufgrund seiner marxistischen Gesinnung aus der DDR vertrieben worden. Die ehemaligen Abendroth- Schüler, zu denen auch Deppe und Fülberth gehören, lehren weiter an der Marburger Universität und sind zum Teil DKP Führer. Wobei Zwerenz findet, dass Fülberth, der als Abendrot Schüler ein DKP Mitglied ist, "ein so unorthodoxer Kommunist" ist, dass sich bei ihm ein Trotz, nachdem die Kommunisten geschlagen worden sind, wiederfindet nach dem Motto: "Jetzt werde ich gerade Kommunist".
Konflikt mit Abendroth
Als Zwerenz irgendwann einmal im Auto mit Abendroth und dessen Frau von der Frankfurter Buchmesse wegfährt, sieht er den Rudi Dutschke auf dem Gehweg. Zwerenz hält und fragt Dutschke, ob er ihn mitnehmen soll. Abendroth ist außer sich, dass Zwerenz den jugendlichen Revolutionär Dutschke ins Auto holen will. An dieser Reaktion wurde Zwerenz klar, dass dies eigentlich nicht gut gehen könne, aber er hat Dutschke dann ins Auto geholt und Abendroth und Dutschke haben sich ganz normal unterhalten.
"Havemann war ein Stalin treuer Kommunist, der im Dritten Reich zum Tode verurteilt wurde, jedoch am Leben blieb, da er ein dem Krieg wichtiges, wissenschaftliches Programm gestellt bekam"
Er behielt die Linie des Stalin treuen Genossen relativ lange bei und hat, als Zwerenz, Harich, Loest, usw. oppositionell wurden, noch in der Partei und im Kulturbund gegen diese Stellung bezogen.
Havemann selbst wurde oppositionell als Professor an der Humboldt Universität Anfang der 60er Jahre und bekam dann seine Schwierigkeiten mit der Partei. Nachdem 1964 seine Schrift "Dialektik ohne Dogma" , in der er den fundamentalen Rang der Freiheit für die kommunistische Weltanschauung betonte, in der Bundesrepublik Deutschland erschien, verlor er seine Stellung. 1966 wurde er aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen.
Obwohl er bis zu seinem Tod 1982 von der Staatssicherheit observiert wurde, weigerte er sich die DDR, die er trotz allem für das bessere Deutschland hielt, zu verlassen.
"Ich habe auf diese Dissidentenbewegung sehr gesetzt. Ich bin der erste gewesen, der in Westdeutschland in den Medien vor allen Dingen für Biermann geschrieben hat." (Zwerenz)
Havemann hatte die Schüler Fuchs und Biermann, welche die Dissidentenbewegung in der DDR mit darstellten. Diese Dissidentenbewegung operierte weitgehend auf dem Kirchlichen Sektor, da die SED den Kirchen da etwas Freiheit ließ. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 entstand die eigentliche Dissidentenbewegung, welche dennoch nie auch nur annähernd die Stärke der polnischen Bewegung erreichte.
"Erstaunlicherweise mache ich jetzt mit denjenigen, die mir am unsympathischsten gewesen sind, mit den wirklichen harten SED Parteifunktionären, den Betonköpfen, die besten Erfahrungen. Die sind am ehesten wandelbar."(Zwerenz)
Zwerenz stellt fest, dass die harten SED Parteifunktionäre nun gewissermaßen Demokraten geworden sind und, dass den jungen früheren Oppositionellen die Luft ausgegangen ist.
Zwischen Schorlemmer und mehreren Schriftstellerinnen, die sehr spät Dissidenten geworden sind, gibt es einen Streit und die Schriftstellerinnen beschimpfen ihn, dass er nicht oppositionell genug gewesen sei. Zwerenz äußerte, dass er nur diese privaten Streitigkeiten sehe und nichts was darüber hinausgeht.
"Ich lege umso mehr Wert darauf, dass es eine Pluralisierung innerhalb der PDS gibt, wo ökologische Fragen, pazifistische Fragen, etc. aufgearbeitet werden, weil ich außerhalb nichts mehr erkennen kann."
Verfasst von Stefanie Seibert
Quellen:
Interview zum Thema Opposition und Widerstand in der DDR, geführt von drei Wissener Schülerinnen und ihrer betreuenden Lehrerin (Stefanie Seibert 10 a ; Stephanie Jung 10 c ; Stella Thisson 10 c und Birgit Punstein) mit Gerhard Zwerenz, Schmitten, 27.09.2000
Zwerenz, Gerhard, Krieg im Glashaus oder der Bundestag als Windmühle, Berlin 2000
Zwerenz, Gerhard, Der Widerspruch, Aufbau-Verlag Weimar 1991/92 |