Arbeitsbericht
zur Gruppenarbeit der Geschichts - AG der Klasse 10b
an der Lessing – Realschule Freiburg

„Spurensuche nach einer jüdischen Schulklasse in Freiburg 1936 bis 22. Oktober 1940.”
(aktueller Titel weicht ab)
Diese jüdischen Schüler/innen und ihre Lehrer/innen waren über 2 Jahre in unserem Schul-
gebäude der Lessingschule in 2 Klassenzimmern untergebracht – und vergessen.
Die nächste vergleichbare Einrichtung zum Zwecke der zunehmenden Isolierung
jüdischer Kinder und Jugendlicher gab es erst in Karlsruhe.
In diesem Arbeitsbericht werden auch 2 Einzelarbeiten und eine Partnerarbeit von
Schülern der gleichen Abschlussklasse erwähnt, da ihre biographischen Jahres-
arbeiten im gleichen Zusammenhang entstanden sind.

1.) Juli 2001: Kurzfristig wird ein Zeitzeugenvortrag von Ellen Mendel, die als
4 – jähriges Kind Hitlerdeutschland verlassen musste, organisiert.
( Anfrage von Dr. Christina Walesch – Schneller, Vorsitzende des Fördervereins
Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus e. V. )
Viele Schüler/innen reagieren in direkt geschriebenen Briefen an Ellen betroffen und
bewundern ihre Offenheit, vor den damals 8. Klassen über ihr schweres Familien-
schicksal zu berichten.
Josipa Mlinar ( 10 b, damals 15 Jahre, aus Bosnien und seit 6 Jahren in Deutschland)
hält Brief – und Email – Kontakt mit Ellen und ist motiviert, ihre eigene Migrationsge-
schichte aufzuarbeiten.

2.)
Oktober 2001: 3 – Tage - Aufenthalt der Klasse 9b in der Selbstversorgerhütte
„Dekan Strohmeyer – Haus” im Schwarzwald. Die Klassenlehrerin Frau
Dienst – Demuth vereinbart mit der Klasse „Biografische Vorspeisen” (vor jeder
Mahlzeit tragen 4 Schüler ausgewählte Aspekte ihrer Familiengeschichte vor).
Nicht alle sind gleich motiviert, aber bei manchen Schülern fängt das große Fragen zu
Hause an.

3.) Herbst 2001: Die Existenz der ehemaligen „jüdischen Schule“ an der Lessingschule
war über den Kontakt zu 2 ehemaligen Schülern im Sommer 2001 deutlich geworden.
(Ralph Eisemann aus Breisach/USA und Else Pripis – Geismar aus Emmendingen/
Jerusalem – Kontakte über Chr. W.- Sch. aus Breisach).
Ende Oktober macht der Schüler Helko Arnold sein 1 – wöchiges Betriebspraktikum
(9.Schulj.) im Stadtarchiv Freiburg und findet wichtige Dokumente sowie eine wichtige
Veröffentlichung über die „jüdische Schule“ vom Sohn des Lehrers Harry Kaufmann.
Die Klasse war vergessen. Deshalb wurde eine Geschichts – AG gegründet mit dem
Ziel die Namen aller jüdischen Kinder und Jugendlichen sowie deren Lehrer zu finden,
um an sie zu erinnern und ihre Schicksale kennenzulernen.

4.) 22. Mai 2002 Erste Briefe (Emails) an Ralph Eisemann(New Jersey), Else Pripis
– Geismar (Jerusalem) und Carl Jaburg(USA).
Schnelle Reaktion nur von Ralph Eisemann. Mehrere Telefonate: Er hilft weiter und
vermittelt Werner Geismar, zu dem wir keinen persönlichen Kontakt herstellen können,
und Harry Kaufman, dem Sohn des Lehrers, der uns weiterhilft.

5.) Am 25. Mai 2002 (Pfingstferien) begleiten Sonja Hummel und Ines Räuber aus der
Geschichts – AG zusammen mit der Geschichtslehrerin Frau DD u.a. Frau Alice
Goldstein–Dreifuß, auch eine ehemalige Schülerin der „jüdischen Schule“ aus Kenzingen,
heute Connecticut, und ihre Tochter einen ganzen Tag durch Freiburg und besichtigen
auch die Lessingschule, die sie nur 6 Monate besuchte (da an Ostern 1939 die Neuer-
öffnung der „jüdischen Schule“ im Jüdischen Gemeindehaus war). Der Kontakt war über
Robert Krais vom Deutsch – Israelischen Arbeitskreis hergestellt worden.

6.) Die Arbeitsgemeinschaft tagt regelmäßig und bespricht Antwortbriefe, weitere Fragen
und das weitere Vorgehen. Es wird ein Antrag bei der LpB in Stuttgart gestellt für die
finanzielle Unterstützung einer Dokumentation. (erfreulicherweise kommt der Bescheid vor
Weihnachten 2002: 3 400 von den geforderten 5 000 Euro werden bis Dez. 2003
zugesagt !) Die Idee der Anbringung einer Gedenktafel steht immer wieder im Raum.
Aber wann? Und wo?
Formulierungen erweisen sich als schwierig.
Die Fragen nach der Lage der 1 oder 2 Klassenzimmer, in denen die „jüdische Schule“
untergebracht war, und nach dem „besonderen” Eingang, den die jüdischen Schüler/innen
benutzt haben, kommen immer wieder hoch. Sie können aber nicht mit Gewissheit geklärt
werden.

Emails werden geschrieben, Telefonate geführt.


7.) Im Mai/Juni 2002 stellten wir die Geschichts – AG im Jahrbuch 2002 der
Lessing – Realschule vor.

8.) Juli 2002: Wir interessieren uns für das Sommercamp von Aktion Sühnezeichen:
Junge Menschen aus Osteuropa renovieren 14 Tage lang die Fensterläden des ehe-
maligen jüdischen Gemeindehauses Breisach, das Elternhaus unseres Zeitzeugen
Ralph Eisemann. Am zweitletzten Schultag vor den Sommerferien besuchen 5 von
uns die Gruppe mit Kuchen und Wein bei der Arbeit. Wir interviewen sie und nehmen
alles auf Video auf. Wir hören Sergej russisch sprechen und sind froh, dass er übersetzten
kann. Der Rest der Klasse bereitet den Grill vor am Rheinufer.

9.) Im August wies uns Robert Krais (DIA) auf eine neue Spur hin. Wir fanden
Kurt Maier als ehemaligen Schüler der „jüdischen Schule„ (nach Ostern 1939 im
Jüdischen Gemeindehaus).
Wir luden ihn zu einem Zeitzeugenvortrag an unserer Schule ein. Am 17. Oktober 2002
sprach er vor 200 Schülern. Seine Ausführungen berührten Schüler wie Lehrer/innen!
Die Geschichts – AG stellte nach seinem Vortrag ihre Recherche – Ergebnisse vor.
Bei einem Mittagessen konnten wir den Morgen gemütlich mit viel Zeit ausklingen lassen,
denn Schülerinnen hatten mit der MUM – Lehrerin Frau Gersemann koscher gekocht.

10.) Dezember2002/Januar,Februar 2003: Wir schreiben unsere Rechercheergebnisse
zusammen. Manches fällt uns schwer. Frau Dienst – Demuth überarbeitet manche Texte,
Frau Walesch – Schneller liest bei Ralph Eisemann und Else Pripis inhaltlich Korrektur.
Da alle im Mai die schriftliche Abschlussprüfung machen, schreiben wir seit Monaten
immer wieder wichtige prüfungsrelevante Klassenarbeiten, so dass wichtige Arbeiten
für den Wettbewerb „SPUREN SUCHEN” immer wieder verschoben werden. Alle
Beiträge werden auch an die Zeitzeugen zum abschließenden Dialog geschickt. Es
ergeben sich neue Informationen, die eingearbeitet werden müssen (v.a.Carl Jaburg,
Ralph Eisemann, Kurt Maier – von Alice Goldstein hören wir leider nichts und
vermuten, dass ihr Mann kränker geworden ist). Die versprochenen Bilder von Kurt
Maier aus Washington kommen wegen widriger Umstände (Schneesturm in Washington,
Spezialverschickung dauert 3 Tage länger) spät an.

In dieser Phase ergeben sich 2 wichtige Besuche:
-Wir besuchen den jüdischen Friedhof in Freiburg. Anlass ist der 64. Todestag des Vaters
vom ehemaligen Schüler Ralph Eisemann.
-Wir besuchen mit der evangelischen Religionslehrerin die Synagoge in Freiburg. Frau
Holländer bietet uns eine interessante Führung. Einen Tag später besucht uns Frau Amitai,
ebenfalls ein Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Freiburg. Frau
Dienst – Demuth stellt unsere Recherche – Ergebnisse vor. Beeindruckt von unseren
Bemühungen weist sie uns auf wichtige Hilfen hin.

11.) TEILNAHME AM WETTBEWERB DES PROJEKTES
DER ELSE LASKER-SCHÜLER - GESELLSCHAFT UND "SCHULE ANS NETZ":

Am 19. März 2003 spricht Hajo Jahn im Ehemaligen Jüdischen Gemeindehaus in Breisach.
Er stellte die Else Lasker-Schüler - Gesellschaft vor. Frau Dienst - Demuth zeigt ihm
unsere Dokumentation über die "Jüdische Schule" in Freiburg. Wir wurden seitdem
mehrfach ermutigt unsere Arbeit im Exil-Club.de im Internet einzureichen.
Der Gedanke gefällt uns, aber die Zehntklässler der Geschichts - AG befinden sich vor
und mitten in der schriftlichen Abschlussprüfung. Da bleibt wirklich keine Zeit für
Arbeiten mit dem angebotenen Homepage - Generator von Exil - Club.de.
Längst wissen wir aber, dass es sowieso notwendig ist, die Arbeit ins Internet zu setzen,
da sich wöchentlich unser Forschungsstand ändert. Während wir 1 ½ Jahre gebraucht
haben, um 10 ehemalige jüdische Schüler zu finden und den Sohn des Lehrers, so haben
wir seit März 2003 schon 13 weitere Namen in eine Neuauflage der Dokumentation
einarbeiten können - und schon wieder ist dieser Stand veraltet. Drei weitere ehemalige
Schüler haben sich per Brief und Email an uns gewandt.
Eine notwendige Aktualisierung und Verbreitung der aktuellen Recherche vor allem an die
überlebenden ehemaligen jüdischen Schüler (sie sind zwischen 71 und 80 Jahre alt und
wohnen in den USA, Israel, Frankreich und England) ist nur per Internet möglich.

Wie die Arbeit für die Internet - Bearbeitung bewältigen?

Frau Elke Bruder will uns und unser Projekt unterstützen und uns weiterhelfen. Sie kommt
in die Schule und stellt der Geschichts - AG (Klasse 10b) einen Homepage - Entwurf vor,
den diese noch beeinflussen können. Stundenlang verbringen Fachfrau und Schüler/innen
zusammen in unserem Computerraum, diskutieren und arbeiten zusammen.
Da das Projekt inzwischen erfolgreich von der Klasse 9a weiter bearbeitet wird, haben
auch 8 Schüler/innen dieser Klasse die Möglichkeit alles zu verfolgen und sich einzumischen.

Die Klasse 9a schrieb inzwischen Briefe an Frau Else Pripis in Jerusalem zum 80 Geburtstag.
Außerdem wird das Legen zweier "Stolpersteine" (Gedenkstein) für die 2 Omas vom
früheren "Lessingschüler" Carl Jaburg vorbereitet. Carl Jaburg wird mit seiner Familie,
Kinder und Enkel am 17. Juni 2003 selbst die Klasse besuchen (Briefkontakt zwischen
C.J. und 2 Schülerinnen besteht schon länger). Zusammen werden wir dann die Gedenk-
steine in der Starkenstrasse 39 besuchen, von wo aus Jette Judas und Rosa Regina
Bloch nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert wurden , wo sie ein
trauriges Ende fanden.