Die Schülerin Else Pripis
geborene Geismar, aus Emmendingen

Gebetsbüchlein von E. Pripis
mit Widmung des Lehrers
Kaufmann zur Schulentlassung
März 1937

Die Begegnung mit einer ehemaligen jüdischen Schülerin
unserer Schule Else Pripis-Geismar besucht im September
2001 Breisach, die Stadt, in der ihr Vater Moritz Geismar
geboren wurde. Vom Förderverein und von ihrem Klassen-
kameraden Werner Schmitthenner war sie im Oktober 2000
zu der „Woche der Begegnung” eingeladen. Sie unterstützt
die Arbeit des Fördervereins und möchte Dokumente und
Bilder dem Archiv übergeben. So trifft Frau Dienst-Demuth
am 15. September 2001 Frau Pripis-Geismar in Breisach
und erfährt von ihr, daß sie eine Schülerin in der jüdischen
Schulklasse in der Lessingschule war.
Auf unseren Brief hat sie nie geantwortet. Im Juni 2002 fasst
sich Frau Dienst-Demuth ein Herz und ruft in Jerusalem an.
Wir stellen fest, daß Else Pripis-Geismars Erinnerungen
nach mehr als 60 Jahren sehr klar und detailliert sind.

 

Das Rätsel um das Klassenzimmer ist noch nicht gelöst
Else Pripis-Geismar bestätigt, dass für die jüdischen Schüler die Schulklingel nicht galt:
Sie sollten sich nicht mit den anderen Lessingschülern auf dem Pausenhof treffen.
Aber den Fachraum für Physik benutzten sie auch.
Besonders interessant ist ihre Beschreibung der Lage des Klassenzimmers. „Es ging
noch eine halbe Treppe hoch und da waren dann zwei kleine Zimmer.” Heute sind in
diesen beiden Zimmern die Sekretariate der inzwischen zwei getrennten Schularten
untergebracht (Real- und Förderschule). Man kann sie heute nur durch zwei verschie-
dene Haupteingänge erreichen. Tatsächlich weiß unsere Sekretärin Frau Foser aber
vom früheren Hausmeister, dass es einmal eine Verbindungstür zwischen den Räumen
gab.
Alice Goldstein erinnerte sich ganz anders, als zwei Schülerinnen der Geschichts-AG
und Frau Dienst-Demuth in den Pfingstferien 2002 sie durch das Schulhaus begleiteten:
„Düster war das Klassenzimmer, als wenn es im Keller gewesen wäre.“
Hier besteht die Möglichkeit, dass sich Alice Goldstein, die die Lessingschule nur
zwischen Ostern und dem 10. November 1938 besuchte, sich nur an das ehemalige
jüdische Gemeindehaus am Werthmannplatz erinnert, in dem die „jüdische Schule“
nach Ostern 1939 untergebracht war.

Else Pripis ca. 1941

 

 

 

 

Wie der Scharlach half, ihr Leben zu retten

Am 10. März 1923 wurde Else Geismar in Gießen geboren.
Ihre Eltern Max und Hedwig Geismar waren aus Breisach und Emmendingen
nach Weilburg/Lahn gezogen und führten dort ein Geschäft.
Als 1932 die antijüdische Stimmung zunahm, zogen Hedwig, Else und ihr
jüngerer Bruder Alfred nach Emmendingen. Während der Ferien besuchte Else
in Breisach ihre Verwandten, die in der heutigen Münsterbergstraße lebten.
In Breisach sind auch ihre Großeltern Rosa und Moritz Geismar begraben.
Nach einer Lehre als Weißnäherin bei den Schwestern Mayer in Emmendingen trat sie in
Köln eine Stelle in einem jüdischen Kinderheim an. Ihr Vater brachte sie zum Zug; sie sah
ihn nie wieder. Max und Hedwig Geismar wurden mit allen anderen Emmendingern,
badischen und saarpfälzischen Juden am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich
deportiert. Davon erfuhr Else Geismar von der Heimleiterin in Köln. Noch konnte sie
Briefe an die Eltern schicken und empfangen, die ein Onkel in der Schweiz vermittelte.
Elses Eltern wurden von Gurs nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
1941 wurde die Situation für Juden in Deutschland immer gefährlicher. Im August 1942
wurde Else Geismar mitgeteilt, daß das Deutsche Reich ihr gesamtes Vermögen „einzieht”.
Die Gestapo bestimmte sie für einen Transport nach Minsk, das wäre ihr sicherer Tod
gewesen. „Ich bekam Scharlach und deshalb wurde ich zurückgestellt.”
Aus Freiburg bekam sie einen Brief, geschrieben am 6. August 1942: „Liebe Else! Es ist
so traurig, wenn man sagen muß: Ich bin so froh, dass du krank bist, und hoffe nur, daß
du noch eine Weile bleiben kannst, wo Du bist.”
Nach einigen Wochen im Krankenhaus bekam sie am 14. 9. 1942 die Mitteilung, daß
sie am 17.9. 1942 zum „Abwanderungstransport” nach Theresienstadt eingeteilt sei.
Else Geismar überlebte ihre Haft im Konzentrationslager Theresienstadt (bei Prag).
Sie musste als Näherin von Wehrmachtsuniformen arbeiten. Das hat ihr wahrscheinlich
ein zweites Mal das Leben gerettet.
Else Geismar erzählt auch von ihrem Bruder Alfred, der in Berlin arbeitete. Er sollte im
November 1942 nach Auschwitz deportiert werden. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs
für alle ermordeten Juden steht, dass er Selbstmord beging.
1946 zog Else Geismar nach Palästina und lebt heute in Jerusalem mit ihrer Familie.
Sie hofft, daß einer ihrer Enkel sie bei dem nächsten Besuch in Deutschland begleiten wird.




Unser sehr unvollkommenes Wissen über den Lebensweg von Else Pripis wurde durch
Christiane Walesch-Schneller in letzter Minute ergänzt.