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Dr.
Kurt Maier:
Zeitzeugenvortrag an der Lessing - Realschule
Ein Erinnern und Mahnen Spurensuche und Vergangenheitsbewältigung
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Badische Zeitung, Montag, 21. Oktober 2002.
Bericht über den Vortrag an der Lessing Realschule.
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von
Helko Arnold
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Der von
unserer Geschichts - AG arrangierte, auf Video - Band dokumentierte Besuch
des Zeitzeugen Dr. Kurt Maier sei hiermit festgehalten.
Es war eine ebenso eindrucksvolle wie tief erschütternde Begegnung
mehrerer
Generationen.
Nicht nur Kurt Maiers Vortrag über das SCHICKSAL DEUTSCHER JUDEN
und
seine PERSÖNLICHEN SCHRECKENSERLEBNISSE berührten die Gemüter
aller
anwesenden, sondern auch das folgende Gespräch unter Frau Dienst -
Demuth, der
GESCHICHTS - AG, Ines Meister vom Förderverein EHEMALIGES JÜDISCHES
GEMEINDEHAUS e.V., Robert Krais (DEUTSCH - ISRAELISCHER ARBEITS-
KREIS Südlicher Oberrhein) und dem Ehrengast selbst.
Denn eines hat dieser Tag verdeutlicht:
Geschichte und Vergangenheit lernt man erst zu
verstehen und NIE zu vergessen, wenn man den
Zeugen jener Zeit in die Augen blickt und ihren
Berichten lauscht. |
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Kindheit
in Kippenheim
1930 wird Kurt Maier als zweiter Sohn einer
jüdischen Kaufmannsfamilie in Kippenheim ge-
boren. Sehr bald muss der Junge dem mit der
Machtergreifung Hitlers überhand nehmenden
Auswuchs des deutschen Antisemitismus ent-
gegenblicken. Wie Kurt Maier selbst berichtet,
durchlebt er eine nur kurze Kindheit. Bereits
als Sechsjähriger weiß er um den hierzulande
gängigen Hass auf jüdische Bürger.
Kurts Eltern besitzen ein Kolonialwarengeschäft.
Die Mutter verkauft Lebensmittel wie Kaffee,
Tee, Mehl, Zucker u.ä., der Vater betätigt sich
als im Umland umherfahrender Stoffverkäufer,
da die örtliche Infrastruktur wenn überhaupt
minimal ausgeprägt ist.
Die Familie führt ein bescheidenes Leben. So
meint der 72-jährige heute, dass er und sein
Bruder Heinz selten Spielzeug geschenkt be-
kommen hätten und Gaststättenbesuche absolute
Einzelfälle gewesen seien.
Zum einstigen Kontakt mit Kippenheims Dorfjugend
äußert sich Kurt Maier durchweg positiv hier ruhen
gar seine schönsten Erinnerungen. Er spielt oft und
gerne auf der Straße oder hilft bei der Ernte. Seine
Kameraden sind überwiegend nichtjüdisch; es
exis-
tiert keinerlei rassistische Ausgrenzung. Auch im Schul-
alltag ist die faschistische Doktrin nicht anzutreffen,
wohl aber in Zeitung und Radio Sprachrohr der
zum Aufblühen der braunen Pest mitbeitragenden
NS-Propaganda. |
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1
Elternhaus in Kippenheim,
Querstrasse 46
2 Heinz und Kurt (rechts),
jüdische Fasnacht Purim,
1934 (?)
3 Kurt, 1.v.links, mit nicht-
jüdischen Freunden
4 Jüdische Jugend Kippen-
heim. Kurt in der 1. Reihe
mit langem Schal; neben ihm
Hans Durlacher, der im Osten
umkam, mit seiner Schwester
Gretel neben Kantor und
Lehrer Schwab (2. Reihe links).
5 Familie Maier 1937/38
6 Eltern mit Verwandten aus
Texas bei einem Besuch in
Freiburg, 1933(?)
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Erzwungener
Schulwechsel und
Gurs-Deportation
Als direkte Folge der Reichspogromnacht
(9./10. Nov. 39) müssen alle jüdischen Kinder Kippen-
heims nach Freiburg ziehen, um die dort eingesetzte, sog.
Gesonderte Schulabteilung zu besuchen. Nur am
Wochenende fahren Kurt und Heinz regelmäßig per Bahn
nach Kippenheim zu den Eltern. Dann feiert man ge-
meinsam Sabbat. Kurt Maier erinnert sich noch gut an
eine Lehrerin der lediglich 15-köpfigen Klassen, die
Dr. Hamburger heißt, immer schöne Schuhe und Kleider
trägt und in die sich der damals Zehnjährige schließlich
verliebt.
Zum Tag der Gurs-Deportation badischer Juden schreibt
Dr. Kurt Maier: ... Eines Morgens war die Schule ge-
schlossen.
Wir mussten schnell nach Kippenheim zurück. (Wo sind
meine Schulhefte hingekommen?) Kurz darauf hat uns ein
Militärlastwagen nach Offenburg gebracht. Dort warteten
wir am Bahnhof. Dann sind wir auf einen Zug Richtung
Frankreich ...
Meine persönliche Stellungnahme: In diesen spartanischen
und doch so eindrucksvollen und erschütternden Worten
zeigt sich deutlich, welches Ausmaß an Leid unschuldige,
hilflose Menschen im Terror-Regime der Nazis erdulden
mussten und heute immer noch zu verkraften haben. Denn
die mit Bildern des Grauens verbundene Erinnerung haftet
ein Leben lang und kann seitens der Opfer wahrscheinlich
nur schwer bewältigt werden. |

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1.+2.
Ausflug von Schülern der
jüdischen Schule Freiburg
nach Ostern 1939.
3. 22. Oktober Deportation nach
Gurs. Kurt Maier im Gartentor
seines Elternhauses in Kippenheim.
Mit dem Taxi frühmorgens aus
Freiburg geholt, damit die Familie
nicht getrennt werden würde.
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Der
Aufenthalt im Konzentrationslager
Kurt Maier befindet sich aufgrund seines jungen
Alters im sog. Frauenlager. Wie er selbst berichtet,
verspürt er nie Hunger, da ihn alles anekelt.
Ratten, Schmutz, mangelndes Wasser und Besteck,
aber auch der heimliche Zusammenhalt unter den
Häftlingen sind Dr. Maiers authentischste Verge-
genwärtigung.
Der Junge erkrankt bald an Diphtherie.
Einmal war ich am Stacheldraht als man eine tote
Frau herausgetragen hatte. Ihr graues Haar schleifte
über meine Schulter. Ich lief zur Mutter und sie
musste mir meinen Sweater sofort waschen. Ich trage
Zwangsvorstellungen seither davon. |
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1.
Gräber in Gurs
2. Lageransicht von Gurs
3. Kurts Freundin Liesel Kling
mit Mutter. Kurt und Liesel hatten
Diphtherie in Gurs.Liesel und
Mutter kamen nach dem Osten.
4. Botschaft aus Gurs, vermutlich
angefertigt von einem sozia-
listischen spanischen
Gefangenen.
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Flucht
Familie Maier erhält über US-Verwandte eine Ausreise-
erlaubnis in die Vereinigten Staaten. Per Schiff tritt man
die gefährliche Seereise an, denn überall lauern deutsche
U-Boote, die gezielt Passagierdampfer versenken.

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Visa
Papiere für die USA
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Ankommen
und Leben in den USA
New York war auch kein glückliches Erlebnis. Es gab
viele Arbeitslose und Hass gegen Fremdlinge, besonders
(gegen) Deutsche. In der Schule hat man mich als
Deutscher betrachtet.
Die ganze Familie versuchte zu verdienen. Das Leben war
besonders schwer für die Eltern, denn sie konnten nur lang-
sam Englisch lernen. Ich trug Pakete aus und habe seit
meinem 11. Lebensjahr nicht aufgehört zu arbeiten. Jetzt bin
ich fast 73 - und arbeite immer noch.
Wir gehörten einer deutsch-jüdischen Gemeinde an. Der
Synagogendienst war auf hebräisch und deutsch. Die Ge-
meinde wurde 1960 aufgelöst, weil die meisten Mitglieder
in andere Stadtteile umzogen.
Ich meine dazu: Das Klischee der weltoffenen, toleranten
USA gerät an diesem Punkt stark ins Wanken. Es ist
Utopie zu glauben, dort existierten nie Fremdenhass und
Rassismus. |
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1.
Kurt in New York, 1942.
Er trägt noch seine deutsche
Jacke und Hose.
2. Kurt in der Kochschule, 1948.
3. Kurt in der amerikanischen
Armee in Deutschland, 1953.
4. Kurt arbeitet im KaDeWe,
Kaufhaus in Berlin, 1963.
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Bedeutung
der Kontakte zu deutschen
Schülern und Erwachsenen für
Dr. Kurt Maier heute ...
Jedesmal, wenn ich Deutschland besuche und mich mit
deutschen Schülern treffe, ist dies für mich eine besondere
Genugtuung.
Die Schüler wollen wissen, wie es damals in der NS-Zeit
war. Ich komme als Zeitzeuge nach Deutschland, denn
einen Überlebenden vor sich zu sehen, macht mehr Eind-
ruck als Geschichtsbücher zu lesen.
Viele wundern sich über die Rassentheorie, die
damals
ganz Deutschland vergiftete. Die Jugend heute ist anders
gesinnt. Das Schulwesen in Deutschland sorgt dafür, dass
die Schüler alles erfahren. Das ist in anderen Ländern
nicht
immer so. Ich fühle mich zu Hause, wenn ich Deutschland
besuche und die deutsche Sprache höre.
Ich habe immer Heimweh.
Gedicht
eines Freundes für Kurt Maier zum
62. Geburtstag 1992. Das Gedicht fasst Kurt
Maiers Heimwehgefühl in Worte!

Kippenheimer till the last nutmeg falls
Unvarnished by his love for books,
Remaining true in all he cherishes
To the land that made him exile,
Sent him yet a child across the waters
And never could expunge itself,
Lingering past youth and into manhood
Of home that will not be forgot.
Mention it and you will see the stirring
Of his eyes that conjure vistas
Now but memories before the mad dog
Made him find a new beginning - -
America that lets him seek his loss
In books, discovering once more
Europe of the spirit where his young blood
Rose to be a Kippenheimer.
| James
Reginald Dalton 8.9.1992 |
KURT SALOMON MAIER
Ein Kippenheimer bis zuletzt,
Mit Bodenhaftung noch bei aller Bücherliebe,
Bleibt er bei allem, was er schätzt,
Dem Lande treu, das ihn in die Verbannung trieb,
Ihn als Kind noch übers Wasser schickte,
Und dennoch dann als Jugendlicher wie als Mann
Ihm unauslöschlich im Gedächtnis
Und als Heimat unvergessen blieb.
Wird dieses Land erwähnt, verändert sich sein
Blick,
Denn alte Bilder stehn ihm dann vor Augen
Aus einer Zeit vor jenem Neubeginn,
Zu dem der tolle Hund ihn damals zwang.
Amerika ermöglicht ihm, all dem Verlorenen in Büchern
nachzuspüren,
Den Geist Europas wieder zu entdecken,
Wo er als schäumend junges Blut
Auf immer eines ward: ein Kippenheimer.
Übersetzung:
Jürgen Krause
http://www.translations-uebersetzungen.de
Mein Eindruck war: Reaktionen und Meinungen aller Schüler
der Klasse 10b wurden nach Eintreffen des vorliegenden
Lebenslaufes im Gespräch umfangreich erörtert und an-
schließend via E-Mail Herrn Dr. Maier zugesandt.
Hier nun ein Beispiel:
Ihr Schicksal bewegt uns zutiefst.
Tatsächlich ist es für uns heute nur schwer zu verstehen,
wie
Menschen gleich welcher Herkunft im Namen politi-
scher bzw. krimineller Ideologie grausame Verbrechen,
d.h. Verfolgung anderer Bürger und Völkermord mittragen
und -ansehen konnten (können).
Deshalb müssen wir uns dies immer wieder kritisch vergegen-
wärtigen, um ein nochmaliges Aufblühen von z.B. Fremden-
feindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland zu verhindern
und das langwierige Leiden der Holocaust-Opfer zu ver-
innerlichen.
Wir fühlen mit Ihnen.
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Aufruf zur Friedens-demonstration
am 8. Februar 2003
in der
Badischen Zeitung vom aleman-
nischen Sprachforscher Harald Noth.
Kurzbiographie vom Kurtli.
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Dr.
Kurt Maier als Exil - Schriftsteller
Dr. Maier schreibt Theaterstücke. Paulas Patienten heißt
das letzte Stück in 3 Akten aus
dem Jahr 1999. Nachdem das Original Paulas Patients
bereits eine Lesung in der
Kongressbibliothek in Washington erfuhr, wo der Autor tätig ist,
wurde es in Ettenheim von
der kleinen bühne im Oktober 2002 uraufgeführt.
Wie es dazu kam und mehr über den
Inhalt beschreibt Robert Krais vom DIA im Oktober 2002:
Im Mai 2000 weilte Dr. Maier zu einer Vortragsreihe in Deutschland
und besuchte im
Kulturkeller eine Aufführung von Max Frischs Andorra.
Beeindruckt von diesem Erlebnis
entschloss er sich, der kleinen bühne die Uraufführung seines
Stückes anzuvertrauen. Dazu
übersetzte er selbst das Stück ins Deutsche. Die kleine bühne
inszeniert das Stück in stän-
digem engem Kontakt mit dem Autor. Dem diente u.a. ein Besuch in Washington.
Paula Fichtl, die Titelfigur des Stücks, ist ein einfaches Bauernmädchen
in der Nähe von
Salzburg, das mit seiner ländlich naiven aber gesunden Weltsicht
in Wien als Haushälterin in
die Dienste der Familie von Sigmund Freud tritt. Aus dem Zusammentreffen
dieser Weltsicht
und der komplexen Weltsicht der Freuds ergeben sich zunehmend komische
Situationen, zu-
mal Paula auch beginnt, sich um Sigmund Freuds Patienten zu kümmern.
Aber auch die
Freuds selbst werden
quasi zu Paulas Patienten, die sich um die Sorgen und Probleme der
Familie annimmt. Dabei spielt auch Freuds eigene schwere Krankheit eine
Rolle. Als nach
dem Anschluss Österreichs durch die Nazis die Familie
Freud nach London ins Exil geht,
begleitet Paula diese, obwohl sie keine Jüdin ist. Doch die Geschichte
kennt ihre eigene
Ironie. Als 1939 der Krieg beginnt, wird Paula von den Briten bis zum
Kriegsende als
feindliche Ausländerin interniert. Trotzdem bleibt sie nach dem Krieg
und nach dem Tod
Freuds seiner Tochter Anna treu und wird zu ihrem letzten Halt.
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