Der Schüler Ralph Eisemann aus Breisach


Vorwort


Ralph Eisemann kam mit seiner Frau Beate im November 1998 auf Einladung
der Stadt Breisach in seine Heimatstadt, um an der Einweihung des mit einem Mahnmal gestalteten Synagogenplatzes teilzunehmen. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe von Überlebenden des Holocaust, die am 10. 11. 1998 – sechzig Jahre nach der Zerstörung der Synagoge durch die Nationalsozialisten – der Opfer gedenken wollten. Hier lernte Ralph Eisemann Christiane Walesch-Schneller kennen und gab ihr einige Dokumente, die helfen sollten, Recherchen über seine Familiengeschichte anzustellen. Zu diesen Dokumenten gehörte das Entlassungs-Zeugnis, das er 1938 von der Grund- und Hauptschule Freiburg im
Breisgau bekommen hatte. Das Wissen von der Klasse mit jüdischen Schülern wurde von Else Pripis-Geismar aus Jerusalem im September 2001 bestätigt.


Rosita Dienst-Demuth und Christiane Walesch-Schneller arbeiten heute gemeinsam im
Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach e.V.
Für unsere Recherche stellte uns der Förderverein mit Ralph Eisemanns Erlaubnis das
Familienphotoarchiv zur Verfügung. In Telefonaten und e-mail – Kontakten betonte
Ralph Eisemann seine Freude über unser Interesse. Das ermutigte uns sehr, weiter zu recherchieren.

Wir benutzten folgende Quellen:
1. „Ralph Eisemann spricht als Zeitzeuge in der Hugo – Höfler – Realschule, Breisach” ,
Oktober 2000. Videofilm „Wie soll man sie für einen Augenblick zum Leben nach dem
Tod erwecken?“ von Gary Bron, New York, über die Woche der Begegnung im
Oktober 2000.
Der Film ist Ralph Eisemann gewidmet. (Teilabschrift angefertigt von Fabiola, 10a).
2. Dr. Christiane Walesch – Schneller: „Werkstattgespräche Nr.4” vom 14. Januar 2000.
Manuskript
3. Ralph Eisemann: Manuskript einer Rede bei seinem Besuch in Breisach, Juni 1999
4. Pressemitteilung von C. Walesch-Schneller: „Ralph Eisemann besucht Breisach mit
seiner Familie – 60 Jahre nach der Flucht”, Juni 1999.

Kindheit und Jugend in Breisach.
Ein Jahr an der „jüdischen Schule“ in der Lessingschule Freiburg.

Familie Michael und Clara Eisemann mit der Haushälterin Franziska im Garten des jüdischen Gemeindehauses ungefähr 1934.
"Wir waren eine glückliche Familie!"


Umzug nach Breisach


Der Vater Michael Eisemann, 1894 in Bad Orb geboren, trat 1924 die Stelle eines Kantors
und Lehrers der Jüdischen Gemeinde in Breisach an. Er und seine Frau Klara zogen mit den
beiden kleinen Söhnen Ludwig (geb. 1920) und Rudolf (Ralph, geb. 1923) aus Buchen im
Odenwald in das Jüdische Gemeindehaus in der Judengasse Nr. 552 ein. Seine Ausbildung
zum Kantor, Lehrer und Schächter hatte der Vater im Seminar Würzburg abgeschlossen,
wo später auch der älteste Sohn Ludwig ein Studium begann. Der Bruder Heinz wurde
1925 geboren, starb nach einem halben Jahr und wurde auf dem jüdischen Friedhof in
Breisach begraben.
Ab 1933 von anderen Jugendlichen gemieden, verhöhnt, angegriffen.Besonders ab 1936
wollten oder durften die meisten Schulfreunde nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Ralph Eisemann erinnert sich: „Ich kann Ihnen sagen, dass alle sich abgesondert haben aus
Angst vor ihren Eltern.” „Ich nehme an, dass die Eltern gesagt haben: ’Du kannst nicht mehr
mit dem Juden Rolf Eisemann zusammen sein.’ … Ich werde nie den schönen Wintertag
vergessen, als ich auf dem Schlitten war. Auf diesem Schlitten hatten mich einige frühere
Schulfreunde so gegen die Wand gestoßen, dass ich mit einem Doppelbruch ins Kranken-
haus gebracht werden musste. Man hat mich angespuckt, verflucht und man wollte nicht
mit mir reden.” Die Eltern Michael und Clara Eisemann beschäftigten sich jetzt intensiver
mit der Frage der Auswanderung.
Der Jugendliche Ralph zog sich in diesen Jahren mehr und mehr ins Elternhaus zurück.

Die Jüdische Gemeinde verläßt die Synagoge in Breisach nach einem Sabbatgottesdienst, 1937. Photograph: Heinz Bähr


Aus der Schule in Breisach ausgeschlossen


Die Nazis schlossen 1936 die jüdischen Kinder aus den Schulen aus.
Mit „Erlaß des Ministers des Kultus und Unterrichts Nr. C 21797 vom 4. Juli 1936 bzw.
Nr. C 26794 vom 4. August 1936 wird ab 21. Oktober ds. Js. eine jüdische Schulabteil-
ung in Freiburg eingerichtet.” (Schreiben Stadtschulamt v. 14. Oktober 1936 an Ober-
bürgermeister, Stadtarchiv Freiburg)
Ralph mußte die 8. Klasse im Schuljahr 1937/38 in der Lessing – Schule besuchen; hier
war die „jüdische Schulabteilung” eingerichtet worden.
Sein Zeugnis ist auf den 31. März 1938 datiert und schließt mit den Worten: „Die Schule
entlässt ihn mit den besten Wünschen für sein ferneres Leben.”

 

 

Am 10. November 1938 endet das Familienleben von
Familie Eisemann


Der Vater Michael Eisemann wird ins KZ Dachau verschleppt und in den Selbstmord getrieben.Als Kantor war er der spirituelle Kopf der jüdischen Gemeinde Breisach, die sich als kleiner Ort keinen eigenen Rabbiner leisten konnte.

Das letzte Familienbild, 1938 im Garten des jüdischen Gemeindehauses in Breisach
Ralph Eisemann über seinen Vater: „Mein Vater diente als Breisachs Kantor und Rabbiner – er war mit Wissen gesegnet und durchdrungen von Glauben und Eifer. Er leitete die Gebete in der Synagoge jeden Freitagabend und Sabbatmorgen und – selbstverständlich – an allen jüdischen Feiertagen. Auch
unterrichtete er hebräisch. Die Kinder bereitete er fürihre Bar Mizwa vor, den Aufnahmeritus für jüdische Knaben in die Gemeinde, wenn sie das Alter von 13 Jahren erreichten. Er war ein einfallsreicher und ergreifender Prediger bei seiner Aufgabe, mit seinen Gemeindemitgliedern die bedeutungsvollsten Momente in ihren Leben feierlich zu begehen: Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen.
Ich war nicht überrascht, als ich erfuhr, dass er – während er in Dachau gefangen war – viele ermutigende Ansprachen hielt, um den Glauben und die Hoffnung seiner Mitgefangenen zu stärken.”



Hannelore Wolffers – Weil, eine Breisacherin, die in Bern eine neue Heimat
gefunden hat, sagte auf die Frage, was man unbedingt über Michael Eisemann
wissen sollte: „Er hat gearbeitet, wie heute keiner arbeitet: Er hat Gottesdienste
gehalten, die Menschen in Trauer und Not besucht, er hat unterrichtet, er hat
geschächtet sowohl im Schlachthof als auch das Kleinvieh in den Privathäusern.
Er wurde sehr geliebt und verehrt. …”

Judengasse Breisach vor der Zerstörung der Synagoge. Links: Teil der Synagogenfassade.
Rechts hinten: Blick auf das Jüdische Gemeindehaus, in dem Familie Eisemann wohnte.

Michael Eisemann war gehalten, den Gottesdienst am Sabbat, am Samstag, kurz
zu halten, denn die Viehhändler mussten auf den Markt nach Freiburg, wo die
christliche Zeitrechnung zählte.”
Für seine sehr religiösen Freunde, die Weils, hatte er noch die Courage zu schäch-
ten trotz des Schächte-Verbots der Nazis und riskierte damit sein Leben.
(Ralph Eisemann)
Am 10. November 1938, am Tag der Zerstörung der Synagoge und des Pogroms,
wurde Michael Eisemann mit 30 anderen jüdischen Männern aus Breisach ins KZ
Dachau verschleppt. „Mein Vater litt gesundheitlich unvorstellbar schwer unter den
furchtbaren Bedingungen in Dachau. Er hatte in kürzester Zeit eine ungeheure
Menge an Gewicht verloren und wurde nach seiner Entlassung aus Dachau in einem
Krankenhaus in Freiburg aufgenommen, wo er eine Notoperation erhielt, die er nur
2 Tage überlebte.” (Ralph Eisemann).

  Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 b der Lessing-Realschule besuchten am 3. Februar 2003 - zusammen mit ihrer Geschichtslehrerin Frau Dienst-Demuth und der Lehrerin für evangelische Religion Frau Krogmann das Grab von Michael Eisemann auf dem Jüdischen Friedhof in der Elsässerstraße in Freiburg.
Am 1. Februar 2003 war der 64. Todestag von Michael Eisemann. Die Bedeutung des 10. Nov. 1938 für Familie Eisemann ist sehr deutlich: die beiden Söhne sind mit der Mutter bei der Beerdigung des Vaters anwesend, danach ist die Familie in alle Richtungen versprengt.
Herr Rottberger gibt uns zur Zeit des Todestages eine Führung über den Friedhof.  

„Am 1. Februar 1939 starb er im Krankenhaus. Seine Beerdigung fand am nächsten
Tag in Freiburg statt, wo er auf dem Jüdischen Friedhof begraben wurde. Die Erinner-
ung an ihn wird immer ein Segen für mich bleiben und – ich vermute – auch für die
jenigen, deren Leben er berührt hat.” (R.Eisemann)

Toraschrein und Pult des Vorsängers im Betsaal des Jüdischen Gemeindehauses 1938 - 1940

Ralph Eisemann als Hilfsvorbeter in Breisach

Die jüdische Gemeinde Breisach, aus der die meisten Mitglieder bereits geflohen
waren, richtete im Gemeindesaal des Gemeindehauses einen Betsaal ein, nachdem
die Synagoge in Brand gesetzt und zerstört worden war.
Ralph Eisemann wurde für einige Monate Hilfsvorbeter der Gemeinde und leitete
die Gottesdienste.
Michael Eisemann kam nach der Haft im KZ-Dachau nicht in sein Amt zurück.
Hermann Bähr, der Gemeindevorsitzende (Parnass), schrieb die Bestätigung für
Ralph Eisemann.

Dieses Zeugnis für Ralph Eisemann bestätigt ihn als Vorbeter und war nützlich für die Auswanderung nach Palästina.


Die Rettung von Clara und Ludwig Eisemann

„Als Clara Eisemann vom Tod ihres Mannes erfuhr, verbrachte sie einige Tage und
Nächte bei Familie Weil in der Vorderstadt, den besten Freunden von Eisemanns.
Die Söhne waren beide von den Eltern in Vorbereitungslager zur Emigration (Hachscharalagern), zur Flucht geschickt worden.
Beide kamen zur Beerdigung von Michael Eisemann am 2. Februar 1939 nach
Freiburg.
Wann Clara Eisemann Breisach verließ, wissen wir nicht genau. In den Akten steht,
dass sie „bei Kriegsausbruch Breisach verlassen musste”.

 
Der Ausweis von Clara Eisemann vom Jüdischen Kulturbund in Frankfurt


Danach lebte sie bis zur ihrer Flucht in Frankfurt/Main, wo ihr Bruder Isidor Marx
gemeinsam mit seiner Frau Rosa das Jüdische Waisenhaus am Röderbergweg leitete.
Von dort aus initiierten sie eine beispiellose Rettungsaktion für jüdische Kinder, die
nach England oder Palästina gebracht wurden , und Clara Eisemanns Hilfe wurde
gebraucht.
Isidor Marx begleitete selbst einige Transporte und wurde im Ausland davor gewarnt,
nach Deutschland zurückzukehren. Er hörte auf die Warnung; seine Frau Rosa wurde
aus Frankfurt deportiert und ermordet.

Das erste Wiedersehen nach der Flucht vor 7 Jahren in New York - Clara Eisemann mit Sohn Ralph


Clara Eisemanns Fluchtweg ging von Frankfurt nach München, von München mit
dem Flugzeug nach Lissabon. Sie kam am 9.8.41 mit der SS ” Nyassa” in New York
an. Ihr Schwager Moritz Eisemann half, indem er ein Affidavit für sie besorgte, die
Versicherung, dass sie dem amerikanischen Staat finanziell nicht zur Last fallen würde.
Clara Eisemann sprach, solange sie lebte, nie wieder über ihren Mann, nie wieder
über Breisach.
Nach dem Tod des Vaters konnten Ralph und Ludwig Eisemann Deutschland ver-
lassen.
Ludwig, der sein Studium in Würzburg nicht beenden konnte, ging nach Palästina. Er
ist auf einer Auswanderungsliste der Israelitischen Waisenanstalt zu Frankfurt am Main
vom 29. Januar 1939 unter Nr. 6 genannt. In dieser Gruppe von Jugendlichen wurde
er mit Hilfe seines Onkels Isidor Marx nach Kfar Hanorar, Palästina, gerettet
(nachzulesen bei Helga Krohn: Vor den Nazis gerettet,S. 34f.)

Ludwig Eisemann mit Frau und Sohn in Israel
Ludwig lebte als orthodox gläubiger Mensch in Jerusalem. Nach dem Sechs – Tage –
Krieg schickte er seinem Bruder in New York ein Foto, das an der Klagemauer in
Jerusalem auf genommen wurde. Man sieht ihn mit den Gebetsriemen eines gläubigen
Juden. Ludwig hatte 4 Kinder, er starb 1992 in Jerusalem, seine Frau etwas später.



 
 

Ralph Eisemann gelingt die Flucht

Vorbereitung - illegaler Kindertransport nach Palästina - endgültiges
Exilland USA

Gartenbau, Landwirtschaft u.s.w. eine Vorbedingung.

Nachweis über Kenntnisse in der Landwirtschaft

Auf die Frage von Breisacher Realschülern „Wie haben Sie ihre Flucht erlebt bzw.
überlebt?”, erzählt Ralph Eisemann: „Meine Eltern haben mich nach Frankfurt ge-
bracht, um einen Beruf zu lernen, nachdem es mir nicht mehr erlaubt war zu studieren.
Am 17. November 1939 fuhr ich von Berlin aus mit 180 Kameraden und Freunden
nach Wien. Von dort aus nahmen wir einen Dampfer nach Zagreb*) in Jugoslawien,
(„Uranu” hieß das Schiff). Der Kapitän wollte nicht mehr weiter fahren. Ich hatte das
Gefühl, dass der Kapitän nicht mit der Geldsumme zufrieden war, die ihm angeboten
wurde. Denn das waren alles illegale Kindertransporte („Kladovo – Transport”), die
nach Palästina gingen und so wurden wir auf ein Frachtschiff umgeladen. Auf diesem
Frachtschiff waren circa 1500 Menschen.
60 von ihnen haben Selbstmord begangen. Uns war nicht erlaubt, das Frachtschiff zu
verlassen und Sie können sich das ja vorstellen - : Alles, was wir bekamen, waren
Kaffee, Tee, Brot und Marmelade. Aber wenn man jung ist, kann man manches
ertragen.
Aber für die älteren Personen war das ein schweres Schicksal. Im Jahre 1941
– zwei Jahre später- bekamen alle Jugendliche unter 18 Jahre die legale Einreisege-
nehmigung nach Palästina. Und ich war natürlich in diesem Alter. Ich war 17 Jahre
und hatte das Glück von Zagreb wegzukommen und nach Palästina auszuwandern.
Als wir in Kairo ankamen, ist die Wehrmacht in Jugoslawien einmarschiert und alle,
die noch auf dem Schiff waren, sind umgekommen.

Ralph Eisemann in Palästina
Von 1941 bis 1947 war ich in Palästina. Ich studierte auf einer Schule für Landwirtschaft und man hatte mich gebeten, nach Gaza zu gehen (wo im Moment große Probleme sind), um auf dem Land zu helfen, wo ich mit CA Tepilar - Traktoren
arbeiten sollte. Ich habe das getan als Dank, dass mich das Land aufgenommen hatte.

1947 beschloss ich nach Amerika auszuwandern.
Aus zwei Gründen:
1. Ich konnte in Palästina kein Leben aufbauen. Es war sehr schwer, dort ein Leben zu führen. Man will ja die nächste Stufe erreichen.
2. Der andere Grund, warum ich auswandern wollte, war, weil meine Mutter in der Zwischenzeit in Amerika angekommen war, die ich seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte. Von 1939 bis 1947 hatte ich keine Verbindung mit meiner Mutter.

Ich kam 1947 in den USA an, - nur mit Schulden von der Reise. Aber ich muss sagen,
das Land war sehr gut zu mir. Mein Onkel, der Deutschland im Jahre 1929 verlassen
hatte, hatte sein eigenes Geschäft in New York, ein Fleischgeschäft, und er fragte mich,
ob ich bei ihm arbeiten möchte. Ihr könnt euch doch gut vorstellen, bis 1947 hatte ich
nicht mal einen Pfennig in der Hose, und ich habe beschlossen, für ihn zu arbeiten. Und
so hatte ich ein ziemlich gutes Leben.
Drei Jahre später – ich hatte einen Freund aus Bad Orb, ein christlicher Junge, der auch
in den USA wohnte. Er hatte mit seinen Eltern ein Hotel in Bad Orb gehabt. Er fragte
mich, ob ich mit ihm ein Geschäft aufmachen würde. Und da hab ich mir das gut über-
legt und sagte zu ihm: ‚Auch wenn ich für meinen Onkel arbeite, können wir das tun!’
So verließ ich das Geschäft meines Onkels und wir eröffneten unser eigenes Geschäft.
Wir waren sehr erfolgreich und nach 38 Jahren habe ich es verkauft.”

*) Von der Jahreswende 1939/40 an waren die Flüchtlinge in Kladovo, einem kleinen Ort
östlich von BELGRAD, steckengeblieben. Ungefähr 200 Jugendliche wurden gerettet und
konnten am 16. 3. 1941 die Flucht nach Palästina fortsetzen. G. Anderl und W. Manoscheck
haben die Geschichte erforscht und aufgeschrieben. Anmerkung von C. Walesch-Schneller
 
  Besuche in Breisach
„Die Stadt Breisach sowie der neugegründete Förderverein hat mich, meine Frau und
Tochter mit offenen Armen aufgenommen und für das bin ich äußerst dankbar, und
das werde ich nie vergessen.” Diese Worte waren während der „Woche der Begegnung”
im Jahr 2ooo bei einem Zeitzeugenvortrag an Breisacher Realschüler gerichtet.
Am 1o.November 1998 besuchte er Breisach, seine alte Heimat, anlässlich der
6o. Wiederkehr des Pogroms und der Einweihung des neugestalteten Synagogenplatzes.
Dort sprach er öffentlich und nahm an einer Podiumsdiskussion in der Hugo-Höfler-Real-
schule teil.
Ein intensiver Prozess des Forschens und Aufarbeitens seiner Familien- und Verfolgungs-
geschichte begann mit der Unterstützung durch Breisacher Freunde.
Im Juni 1999 war er wieder in Breisach – diesmal mit seiner Frau Beate und ihren drei
Enkelinnen Elisabeth (18) und Kim (16) Ehrlich aus Richfield, Connecticut, und
Lauren Sonkin (15) aus New York.
Fünf Monate später, am 10. November 1999, wurde der Förderverein Ehemaliges
Jüdisches Gemeindehaus Breisach gegründet, der inzwischen ein Ziel erreicht hat: Im
Juli 2000 kaufte der Verein das mehr als 300 Jahre alte Haus, um darin nach seiner
Restaurierung eine Begegnungsund Gedenkstätte einzurichten.
Im Oktober kamen vierzig jüdische Überlebende mit ihren Angehörigen auf Einladung
der Stadt und des Fördervereins zu einer „Woche der Begegnung” nach Breisach, um
der Deportation ihrer Angehörigen am 22. Oktober 1940 zu gedenken. Sie trafen sich
im Ehemaligen Jüdischen Gemeindehaus, um mit der Erforschung der Geschichten ihrer
Familien zu beginnen. Im ehemaligen Betsaal der Gemeinde leitete Ralph Eisemann,
der dort als Jugendlicher an die Stelle seines Vaters treten mußte, einen Gottesdienst.
 
 

 
Ralph Eisemann in seinem früheren Elternhaus in Breisach am 16. Juni 1999 - 60 Jare nach seiner Flucht
„Es gibt zwei Gründe und viele sehr
gemischte Gefühle bei diesem Besuch in
Breisach:
1. Ich möchte, dass meine Enkelinnen selbst
sehen können, wo meine Wurzeln liegen, die
ihre genauso sind.
2. Ich möchte dafür sorgen, dass dieses Vermächtnis nicht vergessen wird, sondern von
einer Generation zur anderen weiter gegeben
wird.”
„Mein Traum ist die Einrichtung eines kleinen
Museums im Hause zum Gedenken an die jüdischen Bürger Breisachs, damit künftige Generationen aus der Vergangenheit lernen können und damit sich so eine Tragödie nie wiederholt, weder in Deutschland noch woanders.”
 
 

 

Ausblick

Nach einer intensiven Renovierungsphase wird das ehemalige jüdische Gemeindehaus
in Breisach im Juni 2003 eingeweiht werden.

Logo des Fördervereins „Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach e.V.”

Wir freuen uns auf den Besuch von Ralph Eisemann und seiner Familie!

Literatur:
Gabriele Anderl und Walter Manoschek:
Gescheiterte Flucht: Der jüdische „Kladovo-Transport” auf dem Weg
nach Palästina 1939 – 1942.
Wien 1993

Alisa Douer: Kladovo. Eine Flucht nach Palästina.
Mandelbaum Verlag, Wien 2001

Helga Krohn (Hrsg.): Vor den Nazis gerettet
Eine Hilfsaktion für Frankfurter Kinder 1939/40
Schriftenreihe des Jüdischen Museums Frankfurt am Main Band 3,
Frankfurt, Sigmaringen 1995