Vorwort von Helko Arnold

Die im Rahmen unserer Geschichts-AG während der letzten Monate stetig vorangetriebenen
Nachforschungen über die Rolle der Lessingschule unter nationalsozialistischer Machtherr-
schaft seien hiermit samt Anschauungsmaterial und Zeitzeugenbefragung als Resümée
dokumentiert.
So existierte seit Beginn der verstärkten Ausgrenzung jüdischer Kinder an deutschen
Schulen, die hierzulande durch Maßnahmen der badischen Regierung herbeigeführt
worden war, ein spezieller Erlass zur Instandsetzung »gesonderter jüdischer Schulabteilungen«,
dessen Dringlichkeit auf dem sogenannten »Gesetz gegen Überfüllung aller Schulen im
Deutschen Reich« vom 25. April 1933 beruhte.
Daher kam es, dass 1936 das Schulamt Freiburg zwei Klassenräume der Lessingschule zur
Errichtung einer »Jüdischen Volksschule« verfügbar machte, die später in das Gemeindehaus
neben der Synagoge umzog.
Sie war lediglich eine Institution für »Volljuden«, beide Klassen durften jeweils 35-40 Kinder
beherbergen. Als Lehrer dieser »Judenschule« ernannte der Oberrat der Israeliten Badens
Frau Dr.Alice Mendel Weil und Herrn Alfred Kaufmann. Letzterer war in den 20er Jahren
im Vorstand des Jüdischen Lehrervereins beschäftigt und bald darauf der Präsident dieser
Einrichtung, wobei er eine Gleichbesoldung für jüdische und staatlich angestellte Lehrer
durchsetzen konnte.
Die neu ins Leben gerufene Volksschule besuchten Kinder der noch verbliebenen jüdischen
Familien aus allen Teilen der Freiburger Umgebung – einschließlich Offenburg, Lahr, Emmen-
dingen, Breisach sowie Lörrach.
Obwohl die »Jüdische Volksschule« vorläufig 1938 unter fadenscheinigen Beweggründen
geschlossen worden war, wurde sie formal erst 1939 aufgelöst, da jüdische Kinder seit
diesem Zeitpunkt öffentliche Schulen nicht mehr betreten durften.
Man hatte somit den jüdischen Schülern auch in Freiburg nach dem für sie vorgesehenen
Besuchsverbot der Universität endgültig die geistige Grundlage entzogen.
Herr Kaufmann und Frau Dr. Mendel Weil wurden vom Lehrdienst suspendiert.
Frau Mendel Weil flüchtete mit ihrer erst fünfjährigen Tochter nach Basel, Herr Kaufmann
wurde am 10. November 1938 in Schutzhaft genommen und anschließend nach Dachau
deportiert. Er überlebte wider Erwarten das Konzentrationslager und kam einen Monat
später auf freien Fuß.
Schlimmer noch erging es unzähligen Schülern der Lessing - bzw. »Jüdischen Volksschule«;
sie fielen größtenteils der Deportation badischer Juden nach Gurs zum Opfer, die am
22. Oktober 1940 stattfand und neben den Verbrechen in Auschwitz als schlimmste
Erniedrigung jüdischer Bürger durch deutsche Faschisten bekannt ist. Immerhin waren
über 6.500 Menschen betroffen.
Die Emigration rettete den wenigen Schülern, mit denen wir Kontakt aufnehmen konnten,
das Leben. Ihnen sagen wir herzlichsten Dank! Ohne sie wäre die vorliegende Arbeit, die
wir beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten SPUREN SUCHEN einreichen,
nicht möglich gewesen.


Titelblatt unserer Dokumentation