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1. Einleitung
1.1. Der Konflikt
Die Geschichte des Vielvölkerstaates Jugoslawien ist es sehr komplex und es ist nicht leicht, Einblicke in die Zusammenhänge zu erlangen. Geprägt ist die Geschichte des Landes durch Konflikte, Zerrissenheit und Kriege. Die Ursprünge und Hintergründe dieser Konflikte sind im Nachhinein nur sehr schwer zu erfassen. Nicht zu übersehen aber ist, das erschreckende Resultat – die Kriege haben mehrere Millionen Flüchtlinge, ein weitgehend zerstörtes Land sowie hunderttausende Tote und Verletzte hinterlassen. 1
Wie also konnte es in Jugoslawien zu diesen tiefgreifenden Konflikten kommen?
Wann und wodurch wurden diese ausgelöst? Warum mussten sie mit einer solchen Brutalität ausgetragen werden? Wie sieht die Zukunft der Region aus und welche Perspektiven haben die Nachfolgestaaten?
Verstanden werden kann der Zerfall Jugoslawiens nur durch Einblicke in die komplizierte Geschichte des Landes.
1.2. Ein erster Überblick
In der Geschichte Jugoslawiens lässt sich von zwei Einigungsversuchen sprechen.
Bereits das erste, 1918 gegründete Jugoslawien, damals „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ ,1929 umbenannt in „Königreich Jugoslawien“2, war von Anfang an instabil. Es zählte zu den kompliziertesten modernen Staatsschöpfungen und entstand aus einer Vielfalt von Völkern, die über ein halbes Jahrtausend hinweg durch sehr gegensätzliche Kulturkreise geprägt wurden. Das Königreich setzte sich zusammen aus katholischen Kroaten, muslimischen Albanern und Bosniern, orthodoxen Serben, Montenegrern und Makedoniern, Deutschen, Juden, Sinti und Roma u.a..
Besonders der serbisch-kroatische Gegensatz und die serbische Dominanz bestimmten die innere Labilität des Staates und führten 1941 zu seinem ersten Zerfall.
Das zweite Jugoslawien (1945-1991) hat eine weitaus längere Existenz vorzuweisen, was in erster Linie auf die herausragende Integrationsfigur Josip Tito zurückzuführen ist. Er kämpfte für die Zurückdrängung serbischer Vorherrschaft und verfolgte eine Politik des Ausgleiches zwischen den Völkern. Doch mit Titos Tod wurde der zweite Zerfall Jugoslawiens eingeleitet. Die Gründe für das erneute Auseinandergehen und das Verlorengehen von der von Tito geschaffenen Balance sind vielfältig. Sowohl die unbewältigte Vergangenheit, als auch Unterschiede in Religion und Kultur sowie innenpolitische und außenpolitische Einflüsse spielen eine Rolle.
Der Austritt Sloweniens, Kroatiens und später Bosnien-Herzegowinas machten den zweiten Zerfall dann offiziell und waren endgültige Auslöser für die blutigen Brüderkriege.
1.3. Geographische Übersicht
Das ehemalige Jugoslawien mit der Hauptstadt Belgrad entstand 1918 aus verschiedenen südosteuropäischen Regionen. Dazu gehörten österreichische Kronländer, ein Teil des Königreiches Ungarn, das Königreich Kroatien-Slawonien, Bosnien-Herzegowina, das Königreich Serbien, 1913 an Serbien angeschlossene Gebiete sowie das Königreich Montenegro. Umfasst waren diese Territorien von Italien, Österreich und Ungarn im Norden, von Rumänien und Bulgarien im Osten, Griechenland und Albanien im Süden und dem Mittelmeer im Westen.
2. Geschichtliche Übersicht
2.1. Entwicklung des Landes - Vielvölkerstaat
Die sechs jugoslawischen Staatsnationen unterschieden sich unter anderem nach Sprache und Konfession. Bereits diese beiden Kriterien weisen große Probleme auf. So haben z.B. Kroaten und Slowenen die gleiche Religion, sprechen aber unterschiedliche Sprachen. Kroaten, Serben und bosnische Muslime dagegen, haben keinerlei Kommunikationsschwierigkeiten, unterscheiden sich aber in ihrem Glauben. Entstanden sind diese sechs Staatsnationen aus mehr als zwanzig verschiedenen Völkerschaften, die jahrhundertelang durch verschiedene Kulturräume geprägt wurden.
Durch das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan seit dem 14. Jahrhundert, gerieten Serben, Montenegrier, Bosnier, Makedonier und Albaner in das islamische Osmanenreich und wurden geprägt durch islamsiche Traditionen. Die Slowenen wurden hingegen bereits im 9. Jahrhundert christianisiert und wurden weiterhin durch die westkirchliche Zivilisation geprägt, als ihr Siedlungsgebiet im 14. Jahrhundert in den Besitzstand der Habsburger fiel. Romanisch-venezianische Einflüsse wirkten hingegen auf die katholischen Kroaten und das adriatische Küstenland, welches erst Ende des 17. Jahrhunderts in den Besitz des Habsburger Reiches fiel. Altbalkanische, byzantinische und ostkirchliche Elemente finden sich in den Teilen südlich von Donau und Save. Die kulturhistorischen Erfahrungen, auf die die in Jugoslawien lebenden Völkerschaften zurückblickten, ist daher recht unterschiedlich.
Die Herausbildung eines süd(jugo)slawischen Staates nahm engültig erst 1918 Gestalt an. Das Vereinigungsbestreben der südslawischen Völker begann allerdings bereits im 19. Jahrhundert. Zwischen 1830 und 1848 formierte sich in Kroatien der Illyrismus, aus dem später der Jugoslawismus hervorgehen sollte. Geprägt waren diese Bewegungen durch den Wunsch nach Vereinigung der üdslawischen Länder. Die jahrhundertelange Fremdherrschaft sollte abgeschüttelt werden, die Streite über die Zugehörigkeit ethnischer Mischregionen verhindert werden und ein ausreichend großer und lebensfähiger Wirtschaftsraum sollte entstehen. Doch erst nach Abschluss des Ersten Weltkrieges wurde mit Unterstützung der Siegermächte der erste südslawische Staat gegründet.
2.2. Der Weg zum ersten Zerfall
Die Bedingungen, unter denen das erste Jugoslawien-Experiment gestartet wurde, waren extrem schwierig, da der geschaffene südslawische Staat aus einer Vielzahl von Völkern, staatstragenden Nationen und nationalen Minderheiten bestand. Der Zusammenhalt des jungen Staatswesens war von Beginn an durch Auseinandersetzungen zwischen den regionalen Eliten gefährdet.
Der Streit um die innere Ordnung führte 1921 zu einer zentralistischen Verfassung,
welche die Serben als zahlenstärkste Bevölkerungsgruppe begünstigte. Viele wichtige Posten in Staat, Militär und Gesellschaft wurden nun von Serben besetzt. Die serbische Dominanz, die im Laufe der Zeit immer mehr verstärkt wurde, führte zu einer großen Unzufriedenheit der nicht-serbischen Eliten, was wiederum die Instabilität des politischen Systems verstärkte. Der Versuch der kroatisch republikanischen Bauernpartei, die Hegemonialstellung der Serben zu verhindern, scheiterte, als ihr Führer Stjepan Radićs 1928 einem Attentat zum Opfer fiel. 1929 wurde dann durch den Monarchen Alexander Karadjordjevic die parlamentarische Verfassung außer Kraft gesetzt, wodurch die Hegemonialstellung Serbiens besiegelt wurde. Der Staat wurde umbenannt in „Königreich Jugoslawien“ und ohne Rücksicht auf die historischen und ethnischen Gegebenheiten in neue Verwaltungsgebiete aufgeteilt. Die nationalen Gegensätze konnten nicht mehr ausgeglichen werden, obwohl es ein Entgegenkommen zwischen Regierung und der kroatischen Opposition gab, welches Kroatien Verwaltungsautonomie gewährte. Die in den zwanziger und dreißiger Jahren geschürten nationalen Gegensätze, wurden während des Zweiten Weltkrieges durch Besatzung, Terror und rassistische Verfolgung vertieft.
2.3. Der Zweite Weltkrieg
1941 trat Jugoslawien auf Drängen Hitlers dem Dreimächtepakt bei. Die Absicht lag darin, die Südostflanke für den Fall eines Angriffs auf die Sowjetunion abzusichern. Doch noch im gleichen Jahr wurde der jugoslawische Staat ohne Kriegserklärung von Deutschland angegriffen. Das Land wurde zum Teil schwer zerstört und tausende Zivilisten wurden getötet. Nach einigen Tagen eroberten deutsche Truppen Belgrad und Jugoslawien musste kapitulieren. Im Zuge der Zerstörung Belgrads und der politischen Kapitulation entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der die nachfolgende Entwicklung maßgeblich beeinflusste und nie wirklich überwunden werden konnte.
2.4. Die weitere Entwicklung
In den Jahren des totalen Bürgerkrieges von 1941 bis 1945 zerfiel das Land in eine Reihe besetzter und annektierter Territorien. Das Land wurde beherrscht durch Deutsche, Italiener, Bulgaren und Ungarn, wodurch die Verhältnisse noch komplizierter und schwieriger wurden, da die Beziehungen der einzelnen Nationen und Gruppierungen zu den Besatzungsmächten zu Verfeindungen innerhalb der Nationen führten. Verhängnisvoll war das Bestreben der kroatischen Regierung, ein serbenfreies Kroatien zu errichten. Hitler unterstützte dieses Vorhaben, indem er in Kroatien die faschistische Ustascha-Bewegung unter Führung von Ante Pavelić an die Macht brachte.
Diese terroristische Untergrundorganisation war 1929 im Exil gegründet worden und vereinte Serbenhass, Antisemitismus und Antikommunismus und verfolgte das Ideal eines ethnisch homogenen, katholischen Großkroatiens. Die ethnische Identität der kroatischen und bosnischen Serben sollte ausgelöscht werden, was zu Massenvertreibungen, Zwangstaufen, Verfolgungen aller Art bis hin zur Vernichtung führte. Fast ein Drittel der etwa sechs Millionen Einwohner Kroatiens waren Serben. Die Zahl der Verfolgten und Getöteten ist bis heute ungeklärt, die Angaben schwanken zwischen mehreren Zehntausend und mehr als einer Millionen
Toten.
Doch auch die Serben strebten einen ethnisch einheitlichen Staat an, der von allen Nicht-Serben befreit werden sollte.
In Bosnien fühlte sich ein Teil der Muslime den Kroaten zugehörig, andere verstanden sich als eigenständige Muslime und ein dritter, aber sehr kleiner Teil neigte zu den Serben. Serbische Freischärler rächten sich in Ostbosnien und Herzegowina an jenen Muslimen, die mit Kroaten oder gar Deutschen sympathisierten. Die Ustascha hingegen verfolgte und tötete Muslime, die sich gegen Kroaten stellten. Durch den Bürgerkrieg befanden sich in Bosnien über 200 000 Muslime auf der Flucht. Manche von ihnen hofften auf deutsche Unterstützung, um einen eigenen Staat gründen zu können4. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges, die rund einer Millionen Jugoslawen das Leben kosteten ( mehr als eine halbe Million Serben, 200 000 Kroaten und 100 000 Muslime)5, kämpften eine Reihe verschiedener Organisationen gegeneinander. So wurde z.B. die kommunistischen Partisanen, die zu dieser Zeit immer zahlreicher und stärker wurden, von der muslimischen SS-Division Handschar, der rund 20 000 der bosnischen Muslime beigetreten waren6, bekämpft. Die kroatischen Ustascha, die zeitweise mit den kommunistischen Partisanen zusammen kämpften, gingen gegen die serbisch-nationalen Tschetniks vor. Gegen die Tschetniks und Partisanen zugleich kämpfte der von den Deutschen in Belgrad eingesetzte General Nedic mit seinen Truppen. Der Erfolg der Partisanen beruhte darauf, dass der von ihnen geführte Befreiungskampf zunächst nicht auf kommunistischen Vorzeichen basierte, sondern gesamtjugoslawische Ziele verfolgte.
2.5. Jugoslawien unter Tito (1945-1991)
Die Bewegung der Partisanen sollte für das zweite Jugoslawien eine entscheidende Rolle spielen. Sie stand unter der Führung des Kroaten Josip Broz, der sich später den Decknamen Tito gab und die größte und stärkste europäische Widerstandsbewegung gegen Besatzung und Terrorherrschaft einleitete. Sein Ziel war eine kommunistische und föderative Umgestaltung des Landes, um die volle Gleichberechtigung der einzelnen Teilstaaten zu gewährleisten.
Am 7. März 1945 bekam der unbestrittene Führer der kommunistischen Partei die Billigung der Alliierten, eine provisorische Regierung des neuen jugoslawischen Staates zu bilden. Am 29. November wurde dann die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien ausgerufen.
Titos Jugoslawien begann mit hoffnungsvollen Perspektiven, denn neben den beiden großen Nationalitäten der Serben und Kroaten wurden auch anderen Völkerschaften eigene Teilrepubliken gewährt. Außerdem nahm Tito beim Umbau des politischen Systems geschickt Rücksicht auf die historisch begründeten Empfindlichkeiten der verschiedenen Völker. Die Parole lautete nun „Brüderlichkeit und Einheit“ („bratsvo i jedinstvo“)7 zur Vermeidung des großserbischen Zentralismus.
Das föderative Jugoslawien bestand nun aus sechs Republiken (Serbien, Montenegro, Kroatien, Slowenien, Makedonien und Bosnien-Herzegowina) und zwei autonomen Regionen, die aus Serbien gelöst waren (Kosovo und Woiwodina). Serbien wurde durch die Herauslösung der Woiwodina und des Kosovo territorial verkleinert, was dem Ziel diente, eine Hegemonie eines einzelnen Volkes zu verhindern. Nur ein schwaches Serbien ermöglichte ein starkes Jugoslawien. Es folgten zahlreiche Reformen und Verfassungsänderungen, die bereits darauf hinwiesen, dass das föderative System offenbar seine Schwächen hatte. Serbiens Überlegenheit den anderen Staaten gegenüber konnte nicht vermieden werden und sie behielten weiterhin ihre traditionelles Übergewicht in Partei, Armee und Verwaltung. Obwohl die Nationalitätenfrage in der offiziellen Propaganda eine immer kleinere Rolle spielen sollte, blieb der großserbische Nationalismus besonders in der Armee ungebrochen. Titos Idee, die Interessen der einzelnen Nationalitäten zugunsten eines einigen Jugoslawiens zurückzudrängen, scheiterte also daran, dass sich Serben bis zuletzt an jugoslawische Machtpositionen klammerte. Außerdem konnten Unterschiede in Religion und Kultur nicht völlig ausgelöscht werden, obwohl die Religion durch die atheistische Staatsführung an Bedeutung verlieren sollte. Rasch also lebte der historische Streit zwischen Völkern und Religionen wieder auf und die tiefgreifenden Integrationsprobleme führten zu ständigen Rivalitäten und letztlich sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nach mehr als sieben Jahrzehnten sollte Jugoslawien erneut zerbrechen. Wann genau dieser Zerfall begann und wo seine Wurzeln liegen, ist schwer festzulegen. Die vielseitigen und tiefgründigen Ursachen sollen im Folgenden dargestellt werden.
3. Ursachen und Hintergründe
3.1. Faktoren, die zum Zerfall führten
Die Gründe, die zur Auflösung Jugoslawiens führten, sind historischer, politischer, religiöser und ethnischer sowie sozialpsychologischer Natur.
Titos Tod 1980 leitete den zweiten Zerfall ein. Ein Jahr nach seinem Tod forderten die Albaner im Kosovo eine eigenständige Republik.
Als Milosević seit 1986 der großserbischen Idee neuen Auftrieb gab und die Autonomierechte der Provinzen Kosovo und Woiwodina aufhob, provozierte er dadurch Spannungen und heizte die nationalistischen Stimmungen weiter an. Slowenen, Kroaten, Bosnier und Makedonier strebten verstärkt nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und verloren mehr und mehr das Vertrauen in den Gesamtstaat.
Nun sollte die eigene Sprache, die eigene Kultur und die eigene Geschichte wieder mehr Bedeutung gewinnen. 1990 sah nur noch ein Minderheit die nationale Vielfalt des Vielvölkerstaates als eine Bereicherung an.
3.2. Unbewältigte Vergangenheit
Die schwierige und komplizierte Geschichte des Landes mit ihren vielen blutigen Auseinandersetzungen und nicht zu überwindenden Interessenkonflikten hinterließ in den Köpfen der Jugoslawen tiefe Spuren. Die traumatischen Erfahrungen, die durch die von Ustascha-Anhängern verursachten Verbrechen an Serben und Muslimen, die Untaten der Tschetniks an Kroaten und Muslimen oder die Generalabrechnung der kommunistischen Partisanen mit ihren politischen Gegnern nach Kriegsende verursacht wurden, konnten nie verarbeitet oder überwunden werden und vertieften sich in der Psyche der Menschen. Eine Auseinandersetzung mit den nationalistischen Ausschreitungen wurde völligst tabuisiert, um den labilen inneren Frieden nicht zu gefährden. Deswegen konnte es nie zu einer Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen kommen. Dies nährte die Basis für nationalistische Parolen, denn Gefühle wie Wut, Hass, Verbitterung oder Trauer wurden verdrängt und konnten leicht entflammen, selbst bei denen, die nur aus Erzählungen von den Kriegsgräueln wussten. Dieser Umgang mit der Vergangenheit unterdrückte die Komplexe, versteckte die Wahrheit und führte letztlich dazu, dass die Untaten des Zweiten Weltkrieges sich in den Untergrund der Nationalseelen einbrannte. Diese uralten Komplexe traten Jahrzehnte später verstärkt an die Oberfläche und trugen zur Selbstzerstörung des Landes bei.
3.3. Ethnische und religiöse Vielfalt
Aufgrund der in Jahrhunderten entstandenen ethnisch-nationalen Konflikte war es nicht möglich, die einzelnen Völker in territorial abgegrenzte Nationalstaaten oder geschlossene territoriale Autonomien einzuteilen. In den einzelnen Teilregionen vereinten sich also verschiedene Religionen und ethnische Überzeugungen. Lediglich in der Republik Slowenien lebte neben Slowenen ein geringer Anteil anderer Völker (3%Kroaten, 2%Serben, 0,7%bosnische Muslime). Die Republik Kroatien hingegen war ethnisch weit weniger geschlossen. Von den 4,7 Millionen Einwohnern bildeten die Kroaten mit 74% zwar die Majorität, aber seit Jahrhunderten bildeten die Serben mit etwa 12% eine starke Minderheit. Da sich Slowenen und Kroaten seit Jahrhunderten im Einflussbereich der römisch-katholischen Kirche befindet, war der Katholizismus in beiden Regionen vorherrschendes Glaubensbekenntnis (Slowenien:90%, Kroatien:77%). In Makedonien, Serbien, Montenegro, sowie in den süd-kroatischen Gebieten war eher die griechisch-orthodoxe, bzw. russisch-orthodoxe Richtung vorherrschend, da diese Teile, von Byzanz und Moskau ausgehend, im Einflussbereich der Ostkirche standen.
In der Republik Serbien bildeten die Serben mit 66% die Mehrheit, es folgten die Minderheiten der Albaner mit 17%, die jedoch in der Autonomen Provinz Kosovo 82% der Bevölkerung ausmachten, der Ungarn mit 5%, die in der Autonomen Provinz Woiwodina ein Fünftel der Bevölkerung bildeten, der Kroaten mit 6% und der bosnischen Muslime mit 1%. In der kleinsten Republik Montenegro, mit ihren 584 000 Einwohnern waren Montenegrier mit 69% in der Mehrheit. Der Rest der Bevölkerung setzte sich zusammen aus 13,4 % bosnischer Muslime, 7% Albaner und 3% Serben. In der Republik Makedonien (2 Millionen Einwohner) lebten 67% Makedonier, 20% Albaner, 5% Türken und je 2% Serben und Muslime. Mit der osmanischen Eroberung trat die slawische Bevölkerung der Republik Bosnien-Herzegowina nahezu geschlossen dem Islam bei, der damals die dominierende Religion des Balkans war. Erst 1878 wurde die Republik von der türkischen unter die österreich-ungarische Verwaltung gestellt. Ab diesem Zeitpunkt waren die muslimischen Bosnier mit 43,7% der 4,4 Millionen Einwohner noch in der Mehrheit, aber auch die Serben (31,4%) und die Kroaten (17,3%) mussten als starke Volksgruppen angesehen werden. Neben dem Christentum übte seit dem 14./15. Jahrhundert der Islam auf die südslawischen Völker und die Albaner großen Einfluss aus, dessen Kultur und Lebensweise bis heute die Bosnier (Muslime) , Albaner und Türken in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, in Serbien, Montenegro, Makedonien und vor allem in Bosnien-Herzegowina prägt.
Bei einem Zerfall Jugoslawiens und der Neubildung von sechs unabhängigen Staaten war also in hohem Maße voraussehbar, dass zumindest in Kroatien, Serbien und auch Makedonien national-ethnische und religiöse Konflikte unausweichlich scharfe Formen annehmen mussten.
Mit der Parole „Brüderlichkeit und Einheit“ hatten die Kommunisten zwar versucht, die nationalen Gegensätze und Feindschaften zu verdrängen, aber die nationalen Vorurteile und Feindbilder in der Bevölkerung ließen sich nicht unterdrücken und lebten fort.
Die ethnischen Vorurteile und Feindbilder gehörten zum jugoslawischen Alltag, die nationalen Ideologien blieben bestehen. Dieses Nationalbewusstsein führte dazu, dass man in Kroatien, Makedonien und Montenegro mehr Recht forderte und bald der Ruf nach einem kroatischen Nationalstaat lauter wurde. Tito gelang es, diese Forderungen zu unterdrücken, auslöschen konnte er sie aber nicht, so dass die nationalistischen Bewegungen nach seinem Tod neuen Auftrieb erhielten, weil der Widerstand fehlte.
Der Wille der jugoslawischen Bevölkerung, ein geeintes Jugoslawien aufrecht zu erhalten, war so gering, dass der Halt von innen nicht ausreichte, um den die Stabilität des Staates auf Dauer aufrecht zu erhalten.8
3.4. Innenpolitische Probleme – Selbstzerstörung
Weitere Instabilitäten, die von inner her rührten, finden sich in den Verfassungsmängeln. Seit der Gründung 1946 war Jugoslawien bundesstaatlich und föderalistisch organisiert. Dennoch blieb eine maßgebliche Mitbestimmung der einzelnen Republiken aus. Entscheidungen traf die kommunistische Regierung, das höchste Exekutiv- und Verwaltungsorgan. Regionale und nationale Selbstständigkeitsbewegungen und der Wunsch nach mehr Mitbestimmung wuchsen. Erst unter diesem Druck wurden den einzelnen Republiken mehr Rechte zugewiesen und der Staat wurde schrittweise föderalisiert. Die Kompetenzen, die die Verfassung von 1974 den Republiken und autonomen Provinzen einräumte waren teilweise so weitreichend, dass man zeitweise von einer Überföderalisierung des jugoslawischen Systems sprach. 9Nur sehr wenige Aufgaben blieben in der Kompetenz des Bundes und zu allen Beschlüssen des Bundes mussten die Republiken und Provinzen ihre Zustimmung abgeben, das heißt, sie konnten die Entscheidungen der Bundesregierung auch blockieren. In den achtziger Jahren machten die einzelnen Regionen verstärkt von diesem Gesetz Gebrauch, um ihre Selbstständigkeitsbestrebungen zu unterstützen. Dies führte zu einer Handlungsunfähigkeit der jugoslawischen Bundesregierung.
Ende der achtziger Jahre war der Kommunismus weitgehend durch die Demokratisierung unterdrückt, was auch zur Folge hatte, dass durch die Presse- und Meinungsfreiheit nationalistische Parolen an die Öffentlichkeit geraten konnten und dass durch demokratische Wahlen nationalistische Parteien an die Macht gerieten. Dies unterstützte weiterhin die Selbstständigkeitsbestrebungen der Republiken, allen voran Slowenien und Kroatien, bei denen dieser Prozess als erstes begann.
3.5. Sozio-ökonomisches Gefälle Mit dem Tod Titos tat sich sozio-ökonomische Kluft zwischen dem modern industrialisierten Nordwesten und dem zurückbleibenden orthodoxen Südosten immer weiter auf. Ende der vierziger Jahre war das Bruttosozialprodukt der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung in Slowenien mehr als doppelt so hoch als im Kosovo. Während in Slowenien die Analphabetenrate der über Zehnjährigen 1948 nur 2,4 Prozent betrug, so waren es im Kosovo 62,5 Prozent.
Tito hatte noch versucht, die krassen Entwicklungsunterschiede zu verringern und gewährte den ärmeren Regionen, wie Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo und Makedonien seit 1966 Aufbau- und Entwicklungshilfen, die von den reicheren Regionen finanziert werden mussten. Der Abstand zwischen den ärmeren und den reicheren Landesteilen vergrößerte sich aber weiterhin stetig und schließlich fühlten sich beide Seiten als Verlierer der jugoslawischen Ordnung. Die reichen Teile, waren nicht mehr bereit, ihren Wohlstand mit den ärmeren zu teilen und die ärmeren Teile fühlten sich von den reicheren ausgebeutet, zurückgesetzt und zu wenig unterstützt.
Auch die Wirtschaftskrise in den achtziger Jahren, die durch Fehlinvestitionen, technologischen Rückstand, Misswirtschaft und Überbürokratisierung ausgelöst wurde, bewirkte, dass weniger Menschen ihren Wohlstand teilen wollten. Sinkende Produktion, wachsende Arbeitslosigkeit und Verschlechterung des Lebensstandards führten zu einer Dauerkrise, die den Staat vor eine harte Bewährungsprobe stellte und erneut den Hass zwischen den einzelnen Republiken schürte und Basis für nationalistische Parolen bot. 10
3.6. Außenpolitische Einflüsse
Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zerbrachen mit dem Sozialismus die letzten Säulen des titoistischen Jugoslawiens. Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa, die entgültig den Ost-West-Konflikt besiegelten, führte dazu, dass der Sozialismus, an den bereits in den Achtzigern die wenigsten Jugoslawen glaubten, nun auch international diskreditiert wurde. Mit dem Verlorengehen der Balkan-Großmachtrolle der Sowjetunion ging auch die herausragende, strategische Bedeutung Jugoslawiens an der Schnittstelle zwischen den gegnerischen Blöcken verloren. Damit starb auch das Interesse der westlichen Welt an den jugoslawischen Problemen, was dazu führte, dass sie nicht rechzeitig auf den drohenden Zerfall aufmerksam wurde.
3.7. Unabhängigkeitsbewegung in Kroatien und Slowenien
Mit dem Ausscheiden Kroatiens und Sloweniens aus dem Bund der Kommunisten Jugoslawiens zerbrach die Einheitspartei, die den Vielvölkerstaat formal zusammengehalten hatte. Dies geschah 1990, als man sich über die Frage der Reformierung des jugoslawischen Systems nicht einig werden konnte. Die größten Spannungen traten zwischen Slowenien, das eine parlamentarische Demokratie forderte, und Serbien, das an dem Einparteiensystem festhalten wollte, auf. Eine funktionierende Bundespolitik war nicht länger möglich und nach und nach fiel auch der Wirtschaftsraum auseinander;
ein regelrechter Wirtschaftskrieg begann, der alle noch vorhandenen zentralistischen Institutionen zerbrechen ließ.
Dadurch gingen jegliche konfliktregulierenden Gremien verloren und von innen heraus war es nicht mehr möglich, zu verhindern, dass die Konflikte gewaltsam ausgetragen werden würden.
Diese vielseitigen und tiefgreifenden Gründe stellten eine Menge Konfliktmaterial bereit, so dass der Zerfall nicht zu verhindern war und die Jugoslawienkriege ab 1991 sich schnell und gewaltsam ausbreiten konnten.
4. Die neuen Nationalstaaten
4.1. Ausgangssituation
Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems standen zunächst alle Nachfolgestaaten vor der Herausforderung, demokratische Strukturen einzuführen, wie z. B. freie Wahlen und Presse- und Meinungsfreiheit. Außerdem sollte die bis dahin weitgehend vom Staat gelenkte Wirtschaft in eine freie Marktwirtschaft umgewandelt werden. Die größte Herausforderung lag allerdings in der Bewältigung der Kriegsfolgen sowie der politischen Umsetzung des Dayton-Friedens. Das in Dayton geschlossene „Rahmenabkommen für Frieden in Bosnien-Herzegowina“ sollte den jugoslawischen Krieg formell beenden und dem Land Perspektiven öffnen.
4.2. Der Weg in den Krieg
Im Juni 1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien unabhängig, wenige Monate danach folgten Bosnien-Herzegowina und Makedonien. Serbien und Montenegro hingegen gründeten mit der Bundesrepublik Jugoslawien eine neue jugoslawische Föderation.
Die blutigen Kriege auf dem Balkan begannen kurz nach den ersten Unabhängigkeitserklärung mit den Kämpfen zwischen der jugoslawischen Volksarmee und den Republikarmeen, die 1992 auch auf Bosnien-Herzegowina übersprangen. Als Hauptkonfliktpunkt ist die Verselbstständigung der Republiken zu sehen, die Serbien ein Dorn im Auge waren. Fragen, wie das von der UNO garantierte Selbstbestimmungsrecht interpretiert werden sollte, ob oder unter welchen Bedingungen die Republiken sich verselbstständigen durften, welche Grenzen zwischen den Staaten gezogen werden sollten, wer als Rechtsnachfolger Jugoslawiens zu sehen war und wie Schulden und Vermögen aufgeteilt werden sollten, waren es, die die Kriege einleiteten. Die Serben hatten nach wie vor die Vision von einem Groß-Serbien und forderten den Zusammenschluss aller von Serben besiedelten Länder zu einem Staat. Mit ihren militärischen Interventionen versuchten die Serben bereits im Juni 1991 die Entscheidung Sloweniens und Kroatiens, sich aus dem jugoslawischen Staat zu lösen, rückgängig zu machen. Das Ziel sollte ein ethnisch und religiös reines Groß-Serbien sein. Bei der Verfolgung dieses Zieles verwendeten die Serben brutale und menschenrechtsverletzende Mittel und ethnische Säuberungen und Vertreibungen wurden Anfang der neunziger Jahre erneut als Mittel der Politik verwendet und machten über zwei Millionen Menschen heimatlos und kosteten mindestens 200 000 Menschen das Leben.
Auch wenn das Streben Serbiens nach einem Groß-Serbien als ausschlaggebend für den Beginn dieser Politik und Kriegsführung zu sehen ist und auch wenn den Serben die meisten Kriegsverbrechen zuzuschreiben sind, muss erwähnt werden, dass die Kriegs- und Massenverbrechen keinesfalls ein serbischen Monopol waren, da z.B. von Serben geschundene Muslime bald mit ähnlichen und nicht minder grausamen Mitteln zurückschlugen. Dass die ethnischen Säuberungen und massenhaften Geiselnahmen der Muslime sich auch gegen Kroatien richteten, ist dem kroatischen Staatspräsidenten Tudjman zuzuschreiben, da er das anfängliche Not-Bündnis mit den Muslimen zugunsten einer erst verdeckten, dann offenen Kollaboration mit dem großserbischen Genozid tauschte.
Vertreibungen und Deportationen, Belagerung und Vernichtung von Städten und Kulturgütern, sowie Morde und Gewaltanwendung aller Art bildeten schließlich die Grundlage der nachjugoslawischen Staatsgründungen. Im Verlauf dieser Kriege, die nicht als Bürgerkriege bezeichnet werden können, sondern vielmehr als Aggressions- und Vernichtungskriege, wurden alle Völker in unterschiedlichem Ausmaße zu Opfern und Tätern.
4.3. Kroatien
In Kroatien setzte der Demokratisierungsprozess sehr überstürzt als Reaktion auf den serbischen Führungsanspruch erst 1989 ein. Dies steht im direkten Gegensatz zur Demokratisierungsbewegung in Slowenien, die kontinuierlich ab Mitte der 80er Jahre verlaufen war. Durch die ersten freien Wahlen im April/Mai 1990 kam die konservativ-nationalistische Sammlungsbewegung „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ mit dem Vorsitzenden Franjo Tudjman an die Macht. Der neue Republikpräsident steuert einen eindeutig separatistischen Kurs an und auch eine überwältigende Mehrheit der Kroaten votierte im Referendum vom Mai 1991 für Unabhängigkeit und staatliche Souveränität. Der dominanten serbischen Minderheit (12% der Bevölkerung) gelang es jedoch, diese Volksabstimmung zu boykottieren. Dennoch wurde bereits einen Monat später, am 25. Juni 1991, in Zagreb, der Republikhauptstadt, die Unabhängige Republik Kroatien proklamiert. Noch vor der Unabhängigkeitserklärung wurde die kroatische Republikverfassung in wichtigen Punkten geändert. Die Republik wurde von „Staat der Kroaten und der in Kroatien lebenden Serben“ umbenannt in „ Staat der Kroaten sowie der anderen Völker“.
Dies richtete sich eindeutig gegen die in Kroatien lebenden Serben, die mit Recht um den Sonderstatus bangten, den ihnen die alte, titoistische Verfassung eingeräumt hatte. Die serbisch-kroatischen Spannungen nahmen in den überwiegend oder auch nur teilweise serbisch besiedelten Regionen innerhalb Kroatiens zu.
Unter Führung des kommunistischen Slobodan Milošević versuchte Serbien die Unabhängigkeit Kroatiens zu verhindern. Den ersten Erfolg hatte er durch die Besetzung der kroatischen Stadt Vukovar, die in Schutt und Asche versetzt wurde. Von den 50 000 Einwohnern verblieben nur 12 000 in der Stadt. Eingeleitet wurde der Krieg letztendlich dadurch, dass es kroatischen Serbenführern mit Unterstützung der jugoslawischen Bundesarmee gelang, autonome Regionen innerhalb Kroatiens zu schaffen und diese dann kroatenfrei zu machen. Anfang 1991 erklärte sich die Krajina als „Serbische Republik“ unabhängig von Zagreb. Die Republik leistete bewaffneten Widerstand und als sie Belgrad um Hilfe anrief, drangen paramilitärische Verbände in Kroatien ein. Der serbisch-kroatische Krieg hatte begonnen. In der Konfrontation mit Kroatien trat Milosĕvić sehr heftig und radikal auf. „Serbien ist überall da, wo Serben leben“11 .
Belgrad forderte das Selbstbestimmungsrecht der Serben in Kroatien, was in direktem Widerspruch zur Abschaffung eben dieses Rechtes im Kosovo stand. In Angriffen auf die rein kroatischen Adriastrände wurde deutlich, dass es nicht ausschließlich um serbisch besiedelte Gebiete ging, sondern darum, alles zu zerstören, was nicht von den Serben beherrscht werden konnte. Dabei fällt der gezielte Vandalismus der Serben ins Auge, der sich direkt gegen kroatische Kirchen und Kulturstädten richtete.
All dies diente zur Erreichung eines ethnisch reinen Großserbiens, in dem alle historischen Erinnerungen an Kroatien ausgelöscht werden sollten.
In der weiteren Kriegshandlung schaffte es Serbien, das gesamte südkroatische Territorium zu besetzen. Dabei handelte es sich um etwa 30% des kroatischen Territoriums, welches dann von Serben auf blutige und menschenrechtsverachtende Art kroatenfrei gemacht wurde.12 1992, als die territorialen Ziele Belgrads erreicht waren, wurde der Krieg vorübergehend beendet. Verzweifelt suchte man nach einer Autonomie- und Minderheitenregelung, der sowohl Kroatien, als auch Serbien zustimmen konnte. Zunächst wurden friedenserhaltende Truppen der UNO in den serbisch besetzten Gebieten stationiert, um den Waffenstillstand und die Entmilitarisierung zu überwachen. Im Februar 1992 vereinigte sich das gesamte von Serbien besetzte Territorium zu der „Serbischen Republik Krajina“, welche dann den Anschluss an Serbien anstrebte. Kroatien wollte diese Bewegung nicht akzeptieren und drohte, auch mit militärischen Mitteln ihre Gebiete zurück zu erobern. Nachdem die UNO-Truppen aus Kroatien abgerückt waren begann Kroatien, dessen Armee gestärkt war durch illegale Waffenlieferungen, im August 1995 mit der Zurückeroberung der Serbengebiete.
Kurz darauf war die Krajina in kroatischer Hand und insgesamt wurden 170 000 Serben aus Kroatien vertrieben. Die dabei verwendeten Mittel waren vergleichbar mit denen, die nur wenige Jahre zuvor ihr eigenes Land zerstörten. In diesen Jahren bereits richtete sich Kroatien allerdings nicht nur gegen die Serben. Als Antwort auf das serbische Streben, Bosnien-Herzegowina zu besetzen, und muslimen- und kroatenfrei zu machen, gründeten die herzegowinischen Kroaten ihre unabhängige Republik, die sich auf den Anschluss an Kroatien vorbereitete. Damit richtete sich Kroatien gegen die Muslimen und zerstörte das einst gegen die Serben geschmiedete Bündnis zwischen bosnischen Kroaten und Muslimen. Somit begannen bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Kroaten und Muslimen. 1994 wurden die Vertreter der bosnischen Kroaten und Muslime durch internationale Vermittler dazu verpflichtet, eine gemeinsame Föderation zu gründen. Ab diesem Zeitpunkt wurde wieder gemeinsam gegen die Serben gekämpft. 1995 wurde der Krieg durch den Vertragsschluss von Dayton beendet.
Obwohl die Schäden des Krieges in Kroatien sehr groß waren, ist es, im Vergleich zu den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens, gestärkt aus den Kriegen hervor gegangen. Die traditionell guten deutsch-kroatischen Beziehungen und auch die Unterstützung der USA bei der Rückeroberung der Krajina trugen ihren Teil dazu bei. 1996 wurde Kroatien in den Europarat aufgenommen und strebt nun eine Aufnahme in die EU an.
Die amtliche Bezeichnung der Republik lautet „Republika Hrvatska“. Das Land hat eine Fläche von 56 542 km² und 4,38 Millionen Einwohner.
Die Hauptstadt Zagreb hat eine Einwohnerzahl von 682 600. Die heutige Republik umfasst ein seit sieben Jahrhunderten von kroatischer Bevölkerung besiedeltes Territorium, welches allerdings immer wieder zu unterschiedlichen politischen Gemeinwesen gehörte. Heute ist die Republik eingeteilt in zwanzig Bezirke und einen Hauptstadtbezirk. Die Verfassung vom 22. 12. 1990 sieht Kroatien als einen einheitlich und unteilbar demokratischen Sozialstaat vor, in dem alle Macht vom Volke ausgeht. Die Amtssprache ist kroatisch und die Währung sind Kuna, wobei 7,75 Kuna (K) einem Euro entsprechen.13
Zwischen 1990 und 1993 büßte Kroatien ca. 45% seiner Wirtschaftskraft eine und eine Besserung war erst 1994 zu vernehmen, nachdem die Regierung ein Programm zur Senkung der Staatsausgaben und der Inflation eingeleitet hatte und der Kuna den jugoslawischen Dinar als Zahlungsmittel ersetzte. Außerdem wurde eine internationale Finanzhilfe bewilligt, was dazu führte, dass 1995 ein deutlicher Aufschwung einsetzte.14
4.4. Bosnien Herzegowina
Diese Teilrepublik Jugoslawiens erklärte am 3.3.1992 ihre Unabhängigkeit und wird mit ihrer ethnisch-religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung (44% moslemische Bosnier, 31% Serben, 17% Kroaten) oft als „Jugoslawien im Kleinen“ bezeichnet. Die nichtserbische Bevölkerung hatte mit 99,4% für die Unabhängigkeit gestimmt, woraufhin die Serben im April eine eigene Republik ausriefen.15 Der Krieg, der bis 1995 andauerte und in den sich auch die kroatischen Bosnier einmischten, verlief unvorstellbar brutal und forderte besonders auf bosnischer Seite eine große Anzahl an Opfern. Charakteristisch waren die Vertreibungen der jeweils anderen Gruppen aus eroberten Gebieten, bis 1994 gelang es Serbien, welches durch Jugoslawien gestützt und dadurch militärisch stärker war, fast 70% des Territoriums von Bosnien-Herzegowina unter ihre Kontrolle zu bringen.16
Ein Ende der blutigen Auseinandersetzungen war erst in Sicht, als die NATO unter Führung der USA mit ihren Militärschlägen begann und die Einigung von Kroaten und Bosniern zu einer gemeinsame Föderation auf dem Staatsgebiet von Bosnien-Herzegowina forderte. Im November 1995 wurde von den Präsidenten von Serbien (Milosěvić), Kroatien (Tudjman) und Bosnien-Herzegowina (Izetbegović) in Dayton/Ohio ein Friedensabkommen unterzeichnet, welches den bosnischen Gesamtstaat bestehen ließ, aber trotzdem zwei Teilstaaten, die moslemisch-kroatische Föderation und die Serbische Republik, mit eigenen Repräsentativ- und Exekutivorganen schuf.
Das Land und seine Infrastruktur wurden durch den Krieg stark zerstört und es stellte sich als extrem schwierig heraus, territoriale Streitigkeiten und bestehende Feindschaften zu bekämpfen, die Infrastruktur zu stärken und allgemein eine Erholung der Wirtschaft zu bewirken.
Die politische Instabilität des Landes machten es abhängig von umfangreichen Außenhilfen, so dass in den Jahren 1995-1999 ca. 5,1 Milliarden US-Dollar zum Wiederaufbau des Landes bereit gestellt wurden.17
4.5. Slowenien
Slowenien kann als die wirtschaftlich stärkste Teilrepublik Jugoslawiens betrachtet werden.
Bereits im Mai 1990 wurden die ersten freien Wahlen durchgeführt, bei denen das Oppositionsbündnis DEMOS (bestehend aus sechs Parteien) gewann und den Befürworter der Unabhängigkeit Milan Kučan zum Präsidenten machte. 1991 gab sich das Land eine demokratische Verfassung und löste sich am 25.6.1991 mit ihrer Unabhängigkeitserklärung zusammen mit Kroatien von Jugoslawien, worauf auch in Slowenien bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Bundesarmee und der slowenischen Territorialverteidigung folgten. Diese konnten allerdings schon nach wenigen Tagen durch die Vermittlung der EG beendet werden.
Für Slowenien brachte der Krieg zwar nur geringe Schäden, aber bereits die Trennung von Jugoslawien brachte deutliche wirtschaftliche Einbußen, die das ethnisch weitgehend homogene Land zur Westorientierung und baldigen Umstellung auf die Marktwirtschaft zwang. Das Land wurde zum ökonomisch stärksten ostmitteleuropäischen Reformstaates und gehörte zu den ersten Kandidaten für einen EU-Beitritt.18
4.6. Makedonien
Dieser Nachfolgestaat war der einzige, dessen Unabhängigkeitserklärung keinen Krieg nach sich zog, obwohl sich die Absicherung der Souveränität gegenüber den Nachbarstaaten als schwierig heraus stellte, da man von dem jungen Staat Gebietsansprüche erwartete. Makedonien erholte sich dank einer klugen Staatsführung innen- und außenpolitisch sehr gut, die Wirtschaft allerdings kam nur sehr schwer in Schwung und es ist zu vermuten, dass die Mehrheit der Makedonier unter der Armutsgrenze lebt.19
4.7. Bundesrepublik Jugoslawien
Als Reaktion auf die Abspaltung Kroatiens, Sloweniens, Bosniens und Makedoniens gründeten Montenegro und Serbien am 27.4.1992 die Bundesrepublik Jugoslawien, die allerdings erst 1996 durch die EU anerkannt wurde. Beide Teilrepubliken hatten ein eigenes Parlament. Ab 1997 war Slobodan Milosĕvić Staatsoberhaupt. Unter serbischer Staatsführung begann die Republik Kriege zu führen, die erst nach Interventionen der NATO und militärischen Erfolgen von Kroaten und Bosniern beendet werden konnten.20
5. Bilanz
5.1. Folgen der Kriege
Die größten Schäden durch die Kriege sind in Bosnien-Herzegowina und im östlichen Teil Kroatiens entstanden, da in diesen Ländern die Kriege am heftigsten tobten. In Slowenien dagegen waren die Schäden durch unmittelbare Kriegseinwirkung relativ gering und auch Serbien, Montenegro und Makedonien blieben weitestgehend verschont. Dennoch wurde auch in diesen Ländern die Wirtschaft stark geschwächt. In den vom Krieg direkt betroffenen Gebieten fanden sich neben mindestens 200 000 Toten, Hunderttausend Verletzten und Millionen Vertriebene und Flüchtlinge ein vollkommen verwüstetes Land, eine nicht funktionsfähige Infrastruktur, sowie eine zum Stillstand gebrachte Wirtschaft.21
5.2. Perspektiven
Der Zukunft der Nachfolgestaaten ist mit einem vorsichtigem Optimismus entgegen zu treten. Trotz kleiner Erfolge steht Europa vor großen Herausforderungen, was den wirtschaftlichen Wiederaufbau, die Rückführung der Flüchtlinge in ihre Heimat, die Normalisierung der Beziehungen zwischen den einzelnen Nachfolgestaaten und die Entschärfung der regionalen Konflikte angeht. Die Erfüllung dieser Ziele hängt wohl in erster Linie von den Parteien vor Ort ab, aber auch die Aufgabe der internationalen Gemeinschaften ist nicht zu unterschätzen, denn diese können helfen beim Aufbau von Stabilität und Demokratie, sowie bei der Verwirklichung einer sicheren Zukunft für die Balkanstaaten.
Die seelische Verwüstung, die der Krieg bei unzähligen Menschen - Tätern, wie auch Opfern, hervorgerufen hat, ist nur zu erahnen. Die heranwachsende Generation wird eine große Verstörung aufzeigen, da z.B. Kinder unfreiwillig Zeugen von Massakern und Vergewaltigungen wurden. Solche Opfer ziehen unweigerlich Rachegefühle nach sich und da immer nur die Untaten der anderen gesehen werden, wird es schwierig werden, diese Konflikte zu beenden.
6. Eigene Einschätzung
In meinen Augen steht Jugoslawien nicht nur für das Leid von Millionen Menschen, sondern auch für die Ohnmacht der Weltgemeinschaft und die Handlungsunfähigkeit Europas, denn vielleicht wäre die Welt dem gewaltsamen Zerfall Jugoslawiens nicht sprach- und tatenlos begegnet, hätten die Integrationsprobleme des Vielvölkerstaates frühzeitig mehr Aufmerksamkeit gefunden. Auch jetzt noch erscheint es mir, als wäre die Union überfortdert mit den nach wie vor völlig unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen in Kroatien, Serbien, Montenegro, Makedonien, Bosnien und auch Albanien.
Diese Länder werden nicht mehr dem Balkan aber noch nicht dem Westen zugeordnet. Für die neuen Nationalstaaten, die aus dem ehemaligen Jugoslawien entstanden sind, lässt sich hoffen, dass der Demokratisierungsprozess weiter geht, dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt und dass durch ein Anschließen an den Westen, zum Beispiel durch die Ermöglichung eines EU-Beitritts, der Konfliktherd auf Dauer ausgeschaltet werden kann. Ich denke, dass für diese Länder und besonders für Kroatien eine rasche Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU das wirkungsvollste Instrument wäre, um die Hindernisse, die dem Rechtsstaat, der Demokratie und der Marktwirschaft noch im Wege stehen, zu beseitigen.
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