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1. Vorwort
Die folgenden Seiten dieser Hausarbeit sollen die Geschichte Bosnien - Herzegowinas, die politische und wirtschaftliche Situation in Sarajevo, die menschlichen Tragödien und die Empfindungen des Autors Josip Svoboda, der das Buch „Sarajevo - Eine Stadt gibt nicht auf“ verfasste und so die Schicksale und Empfindungen der Menschen wiedergab, so weit wie möglich darstellen.
In dieser schrecklichen Kriegszeit von 3 Jahren (1992-1995) starben schätzungsweise 25.000 Menschen und ca. 2,2 Millionen Flüchtlinge verließen das Gebiet Bosnien-Herzegowinas1.
Aufgrund dieser ungeheuer großen Anzahl an Flüchtlingen und Gefallenen und der Auswirkungen durch diese Krise auf dem Balkan wird jede Auseinandersetzung mit dem Thema gerechtfertigt und verdient vollste Unterstützung.
Noch heute sind große Teile Bosniens zerstört und die Unruhen sind nicht ganz beseitigt, doch ein Lichtstreifen ist am Horizont zu sehen, dass irgendwann Ruhe auf den brodelnden Gebietsteilen des Balkans einkehren wird.
Um diese vorausgegangenen Zerstörungen wieder aufzubauen und die Verletzungen der Menschen zu lindern, fahren jedes Jahr Menschen von kirchlichen Organisationen und Hilfsorganisationen nach Bosnien - Herzegowina und kümmern sich besonders um den Aufbau der Hauptstadt Sarajevo.
Auch ihre Begegnungen mit den verschiedenen Kulturen und Religionen dort sowie der Wiederaufbau und ihre Arbeit dort wird in dieser Arbeit erwähnt werden.
Hinführend und sensibilisierend für die Problematik im Balkan, insbesondere in Bosnien-Herzegowina, sollen die ersten Seiten, nämlich die Geschichte Bosnien-Herzegowinas sein. Dadurch sollen Grundinformationen vermittelt werden und dem Leser somit der Einstieg in die doch relativ fremde Thematik erleichtert werden. Auch Josip Svoboda begann sein Buch „Sarajevo – Eine Stadt gibt nicht auf“ nach ähnlichem Schema und setzt so nur wenig Grundkenntnisse über diesen blutigen Krieg voraus.
2. Bosnien-Herzegowinas politische und geographischen Gegebenheiten
Bosnien-Herzegowina bildete mit den 5 Republiken: Serbien, Montenegro, Makedonien, Kroatien und Slowenien den Staat Jugoslawien.
Die Hauptstadt dieser Republik ist Sarajevo, eine Stadt mit Geschichte und Kultur.
Bosnien-Herzegowina und seine Bewohner, die vielfältiger Religionen zugehörig sind, durchlitten einen 3 Jahre langen Krieg (1992-1995), der mit Ausbeutung, Zerstörung und zahlreichen Opfern endete.
Dieser Krieg war bedingt durch die serbischen Unabhängigkeitswünsche, ihren Eroberungsdrang und ihrem Willen, diese Republik ethnisch zu säubern.
Mit einer ethnischen Säuberung ist gemeint, dass die dort zusammenlebenden Kroaten und Bosniaken (Muslime) vertrieben und ermordet werden sollten, das eroberte Gebiet dann den Serben, die ebenfalls diese Republik bewohnen, zukommen sollte.
Das Ziel der Serben bestand darin, ein sogenanntes „Groß-Serbien“2 zu schaffen. Um dies zu erreichen, sollten Gebiete, die von serbischen Bürgern bewohnt sind, wie Kroatien und Bosnien-Herzegowina mit dem serbischen Teilstaat vereinigt werden, falls Jugoslawien aufgelöst werden sollte. Ein Kampf um und gegen den Erhalt von Jugoslawien kam auf und schließlich gewannen die Gegner eines Gesamtjugoslawiens. Seine Einzelstaaten erklärten nacheinander ihre Unabhängigkeit, was für das Gebiet Bosnien-Herzegowina nicht einfach war, denn es wurde nun wegen seiner Multikulturallität von verschiedenen Forderungen und Erwartungen heimgesucht. Dennoch gelang es Bosnien-Herzegowina 1992 ein Unabhängigkeitsreferendum zu stellen, was mit der Erklärung von serbischer Seite, eine eigene Republik Bosnien-Herzegowinas zu beanspruchen, begleitet wurde und darin endete, dass auch die dort lebenden Kroaten und Bosniaken ihre Ansprüche auf eine eigene Republik geltend machten und ihre „Republik Herceg Bosna“3 ausriefen. Bis heute ist der westliche und südliche Teil Bosnien-Herzegowinas ausschließlich von Serben bewohnt und der restliche Teil, der 49% ausmacht von der muslimischen und kroatischen Bevölkerung4. Dieser Krieg, der sich in Bosnien-Herzegowina abspielte, ist keineswegs eindeutig auf einen vorausgegangenen Faktor zu begrenzen.
Zwar ist eindeutig ersichtlich, dass er erst nach der Unabhängigkeitserklärung begann, dennoch bestreiten einzelne Stimmen, dass ein Kriegspotential in der breiten Masse der Bevölkerung vorhanden gewesen sei5.
Ebenfalls bleibt zu sagen, dass ein solcher Angriff und die Abriegelung der Stadt Sarajevo und sogar der Republik Bosnien-Herzegowina nicht ohne Hilfe des serbischen Präsidenten
Milosevic möglich gewesen wäre, denn dieser hatte bis in die Herbstmonate 1994 den Angreifern der Republik Nachschub an Waffen geliefert.
Geahnt, dass Bosnien-Herzegowina nicht lange als multikulturelle Republik bestehen würde, haben viele Länder, doch keiner hat die Gefahr die vom Balkan, insbesondere von Serbien ausging, ernst genommen.
Beendet werden konnte dieser Krieg nur durch das sogenannte Dayton Abkommen. Dieses Abkommen, das ein Friedensabkommen zwischen Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina darstellt, versteht die staatliche Einheit von Bosnien-Herzegowina als Föderation mit einem kroatisch - muslimischen sowie einem serbischen Teil und der Hauptstadt Sarajevo. Um sicher zu gehen, dass dieses Abkommen eingehalten wird, wurde die UN - Friedenstruppe IFOR unter NATO - Kommando in Bosnien stationiert und diese sind zum Teil noch heute dort stationiert. Dieses Abkommen sieht die oben genannte Aufteilung des Landes unter den Kroaten, Serben und Bosniaken vor.
Vorausgegangen war dem Dayton Abkommen, das auch einige Fehler beinhaltet (es wurde zuviel danach geschaut, dass alle Seiten gleich behandelt werden und man hat dabei nicht bemerkt, dass den Serben Vorteile eingeräumt wurden; man war inkonsequent und ließ am Tag der Übergabe, des noch serbisch besetzten Grbavica, die Serben Häuser niederbrennen; auch ist die Rückkehrmöglichkeit für Flüchtlinge nicht eindeutig geregelt) der Vance - Owen - Plan, der aber vom 1993 regierenden US - Präsidenten Bill Clinton abgelehnt wurde, weil er in ihm eine Bestätigung der Aggressionen, die von serbischer Seite ausgehen, sah.
Vor dieser kriegerischen Auseinandersetzung und Unterdrückung herrschte 1991 der serbisch-kroatische Bürgerkrieg. In diesem Krieg kämpften Serben und Kroaten gegeneinander, um Teile des Landes zu erobern, ihre Macht zu steigern und ihre Religion zu verbreiten, indem sie die kroatischen und später bosnischen Gebiete von anderen Religionen und Kulturen ethnisch säuberten.
3. Geschichte Sarajevos
Die Stadt Sarajevo ist die Hauptstadt der Republik Bosnien - Herzegowina und gehört zu den ältesten Städten der Balkanhalbinsel. Früher besaß diese Stadt einen anderen Namen, sie ist jedoch unter dem Namen Sarajevo schon vor ca. 500 Jahren erwähnt worden.
Man fand heraus, dass schon vor 4000 Jahren auf dem weiteren Stadtgebiet menschliche Siedlungen gestanden haben und dort vor 2400-2000 v. Chr. die älteste Siedlung, die bekannt ist, gestanden haben soll.
In der Bronzezeit, die 1200-800 v. Chr. ihren Lauf nahm, siedelte dort die erste Gruppe, die man ethisch zuordnen kann, nämlich die Illier. Dann in der Zeit des Mittelalters siedelten sich dort die Slawen an, von welchen der Mittelpunkt ihrer Siedlungsfläche in dem Talraum von Sarajevo gelegen war. Im 12. Jahrhundert dann wurde Bosnien unter seinem nationalen Herrscher immer mutiger und befreite sich schließlich von den bis dahin herrschenden ungarisch-kroatisch Hoheiten.
Später dann, nämlich im 15. Jahrhundert wurden die Fundamente für die heute so wichtige Stadt Sarajevo gelegt. Erste moslemische Gebetshäuser entstanden und nach dem Niedergang des damaligen bosnischen Königreiches (1463) verwandelte sich Sarajevo zu einer der bedeutendsten Städte für den Balkan.
Wundern kann man sich nicht über die teils auch muslimische Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas, wenn man an die durchgeführte Eroberung dieses Landes von den Türken denkt, die dort eine Islamierung der ansässigen Bevölkerung starteten.
Das darauf folgende Jahrhundert brachte nun einige Neuerungen mit sich, wie die schnelle Entwicklung von dem wirtschaftlichen Reichtum und auch der Stadtausbau wies eine Steigerung auf. So kam es auch, dass die Religion betreffende und profane Gebäude wie alte orthodoxe Kirchen, Schulen, Synagogen oder Moscheen gebaut wurden, von denen man auch heute nach dem Krieg noch einige bewundern kann.
Nun war die Großstadt geboren und in ihrem Zentrum, das am linken Miljackaufer liegt, steht der Saraj, das ist ein Hof mit den dazugehörigen Gebäuden für eine Familie. Errichtet wurde der Saraj im 15. Jahrhundert von Isa-Beg Ishaovi´c-Hranu_i´c. An der anderen Seite des Flusses Miljacka erstreckt sich, so würden wir sagen, die City, die durch wirtschaftliche Gebäude oder Institutionen der Kultur das Bild der Stadt vervollständigt. Auch erlebte Sarajevo zu dieser Zeit eine ökonomische Blütezeit, die auf den internationalen Güteraustausch des Ostens und Westens zurückzuführen ist.
Verwüstungen allerdings sind nicht neu für die Sarajevoer gewesen, denn schon das Eindringen von Österreich unter seinem Prinzen Eugen von Savoyen und das „Jahr des Unglücks“ brachten 1697 Verwüstungen, mit denen die Stadt noch lange Zeit zu kämpfen hatte. Ausschlaggebend für eine Formierung der Volksregierung in Bosnien-Herzegowina war der Beschluss auf dem Wiener Kongress 1878, der besagte, dass Bosnien-Herzegowina von Österreich okkupiert werden sollte. Daraufhin kämpften die Bewohner dieser Republik gegen die österreichisch-ungarischen Soldaten und mussten, wegen zu geringer Bewaffnung, nach 3 monatigem Widerstand aufgeben. Das Ergebnis war, dass 13000 österreichische Soldaten die Aufstände stoppten und Sarajevo besetzten.
Durch die danach 40 Jahre andauernde Okkupation Österreichs in Bosnien-Herzegowina kann man noch heute Institutionen, Promenaden und Parkanlagen im österreichische Stil bewundern. Ebenfalls stiegen zu dieser Zeit Einwohnerzahlen Sarajevos stetigan. 1879 zählte man 21.377, 1910 dagegen schon 52.000 Einwohner. Die zuvor herrschende feudale Struktur in Sarajevo wandelte sich nun in eine kapitalistische um und als es 1908 zu einer Annexion Bosniens kam, entflammten Aufstände und Widerstände der Bevölkerung, die in dem Attentat 1914 in Sarajevo ausbrachen, wo der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau in einem offenen Auto durch die Stadt fahrend, von einem Gymnasiasten in Sarajevo erschossen wurden. Nach Kriegsende 1918, kam es zu dem neugegründeten Staat, dem späteren Jugoslawien. Am 6. April 1941 wurde dann durch Hitlers Luftwaffe Sarajevo bombardiert und es war vom ersten Tag an in Sarajevo ein starker Drang zur nationalen Freiheit zu spüren. So kämpften Partisaneneinheiten gegen die Angreifer und der Widerstand konnte gebrochen werden, so dass die Stadt am 6. April 1945 befreit werden konnte.
Auch nach dem 2. Weltkrieg ließ die Entwicklung der Stadt nicht nach und ihre Einwohnerzahlen stiegen nach wie vor an. Sarajevo begann sich als gesellschaftspolitisches, wirtschaftliches, Bildungs- , wissenschaftliches, kulturelles und sportliches Zentrum der Republik Bosnien-Herzegowina auszuzeichnen.
Auch kam es nach dem Krieg zu dem Bau eines Flughafens. Ebenfalls wurden Eisenbahn und Busbahnhöfe gebaut. 1946 wurde dann die erste Fakultät gegründet und 1949 eine Universität.
Auch fanden 1984 die Olympischen Winterspiele in Sarajevo statt und tragen somit noch zum Ansehen der Stadt bei.
4. Sarajevo
Sarajevo ist die heutige Hauptstadt der Republik Bosnien - Herzegowina, die seit 1947 besteht. Sie liegt am östlichen Rand des Landes und ihre Einwohnerzahl beträgt nach Stand des Jahres 1997 55.724 Ortsansässige sowie 15.550 Vertriebene. Von den nun dort lebenden 55.724 Menschen schätzt man, dass mindestens 3.081 Rückkehrer, also ehemalige Flüchtlinge sind6.
Im Moment leben etwa 3.000 Flüchtlingsrückkehrer in CENTAR, denn in solch einer Großstadt ist die Integration mehr gewährleistet als auf den Dörfern. Diese Menschen, die im Krieg flüchteten oder schon vor dem Krieg in andere Länder zogen, bezeichnen die dort Lebenden als Vaterlandsverräter. Heute nach dem blutigen Krieg, der durch ethische Anfeindungen entflammte, leben die Menschen, die sich verschiedenen Religionen zugehörig fühlen, in Toleranz und Frieden. Derzeit ist das Wohnverhältnis allerdings sehr schlecht für die zurückgekehrten Flüchtlinge. So kann man schätzungsweise sagen ,dass zur Zeit ca. 450 Familien in Häusern, die allerdings zu mehr als 60 % zerstört sind, leben und 120 Familien zur Untermiete wohnen7. Bevor also die Zerstörung und Beschädigung der Wohnanlagen in Sarajevo und den übrigen Städten nicht gewährleistet ist, dürfte es schwer werden, die Flüchtlinge wieder aufzunehmen und in die Wohngegenden zu integrieren.
Schlendert man durch die Straßen Sarajevos, findet man Universitäten, islamische Hochschulen, eine Nationalbibliothek, zahlreiche Museen, ein Theater und eine Tabakverarbeitung sowie eine Porzellanfabrik.
Ebenfalls kann man die wiederhergestellte orthodoxe Erzengelkirche mit ihrer Ikonensammlung bewundern, auch gibt es dort einige Basargassen und Moscheen, die in große Gebäude übergehen. Im Prinzip gibt es in Sarajevo zwei Stadtteile, der eine ist muslimisch geprägt und der andere besitzt große und moderne Baukomplexe, die an die österreichische Belagerungszeit erinnern.
5. Verwüstung
In der Kriegszeit von 1992-1994 wurden große Teile Bosnien-Herzegowinas zerstört, besonders betroffen war allerdings die Hauptstadt Sarajevo sowie andere, überwiegend muslimisch bevölkerte Regionen und Städte der Republik, so auch Srebrenica.
Politische Maßnahmen, um diesem Landesteil zu helfen, wurden zu Genüge getroffen, allerdings dauerten Waffenstillstände oder sonstige politische Bestimmungen nie lange und waren auch nicht zufriedenstellend.
Erst das sogenannte Dayton – Abkommen ließ die Gemüter auf dem Balkan abkühlen und verschaffte etwas Ruhe. Geregelt wurde in diesem Vertrag, dass die serbische Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas 51 % der Republik und die Kroaten mit den Muslimen 49 % erhalten sollten8.
Serbien war mit dieser Einigung vorerst nicht einverstanden, da sich ihre Gebietseroberungen auf etwa 70 % beliefen und ihnen auch keine Anknüpfung an den serbischen Staat gestattet wurde.
Dagegen riet man den Kroaten und Muslimen des anderen Gebietsteils von Bosnien-Herzegowina, eine Anknüpfung an Kroatien anzustreben und zu vollziehen.
Gerade wegen der ethnischen Säuberungen und dem Bestreben der Serben, alle anderen Religionen und somit Mitmenschen zu beseitigen, die nicht ihre ethischen Vorstellungen vertraten, wurden in Bosnien-Herzegowina und speziell in Sarajevo die Bibliotheken, die Fakultäten und Universitäten sowie die Moscheen und orthodoxen Kirchen durch Bomben zerstört und mit Granaten beworfen. Dadurch sollte ein Ausrotten des muslimischen und orthodoxen Glaubens deutlich gemacht werden und alle Erinnerungen gelöscht werden.
Verwüstet wurden jedoch nicht nur die Bildungseinrichtungen oder staatlichen Bauten. Auch private Gebäude und Wohnungen der Bevölkerung waren und sind teils noch heute von großer Zerstörung und Verwüstung gekennzeichnet. Man kann noch gut die Einschlagstellen der Granaten erkennen und die wie abgebrochen wirkenden zerbombten Gebäude und Häuser. Eine Frau erzählte, dass sie um ein Haar von einem Granatsplitter in den Kopf getroffen worden wäre, hätte sie sich nicht just in dem Augenblick gebückt um eine Haarnadel aufzuheben9. Auch die restlichen Bewohner der Republik können ähnliche Geschichten erzählen und bedauern den Zerfall Sarajevos, der der Stadt aber nicht den unglaublichen Zauber, ihre Geschichte und ihre Kulturen nehmen konnte.
8 Michael W. Weithman, F.Pustet/Styria, Balkan Chronik 2000 Jahre zwischen Orient und Okzident, S.514
9 Josip Svoboda, KOMIZ Verlag, Idstein, „Sarajevo – Eine Stadt gibt nicht auf“ 1994
Dort wo man vor Kriegszeiten noch grünen Rasen gesehen hatte, glich er in der schrecklich blutigen Zeit mehr einem Acker, der frisch umgepflügt wurde und Bäume gab es nach dem bosnischen Winter auch kaum noch. Diese waren von den Einheimischen zum Beheizen ihrer Wohnungen und Häuser verwendet worden.
Auch die einst so gut besuchten Parkanlagen, die eine willkommene Abwechslung boten, wechselten in Zeiten des Krieges ihren Nutzen und wurden zu Friedhöfen.
6. Schicksale und Auswirkungen des Krieges auf die Psyche der Menschen
Der Krieg und seine Kämpfer veränderten jeden einzelnen Menschen, der diese blutige Zeit miterlebte. Es kam zu zahlreichen Morden sowie Vergewaltigungen von Frauen und Qualen für deren Männer
Viele Menschen wollten dort nichts wie Frieden, sie wollten in Ruhe dort leben und keiner war erpicht auf einen Krieg. Zumindest bildete der unzufriedene Teil der Bevölkerung eine Minderheit. Dennoch gelang es diesen Menschen, Andere zu quälen und ihnen Dinge zu verwehren, die sonst selbstverständlich sind und bei uns in Deutschland längst im Grundgesetz sowie den Menschenrechten verankert sind.
In diesen zwei Jahren war es für die serbischen Einheiten, die sogenannten Tschetniks (Freischärler) möglich, die Einwohner durch Heckenschützenzonen und Drohungen sowie ständigen Überwachungen und dem Ausschluss von jeglicher Außenwelt, in ihren Häusern zu arrestieren und ihnen nur Ausgang zu gewähren, wenn sie serbischer Herkunft waren. So mussten kroatische oder muslimische Bürger monatelang in ihren Häusern verharren und der Partner musste Lebensmittel und Geld verdienen, wobei es sich zu dieser Zeit als äußerst schwierig gestaltete, an Lebensmittel und Wasser zu kommen.
Zusätzlich fiel der Strom aus und Bosnien-Herzegowina fror, wie es noch nie im Winter gefroren hatte. Die Not der Menschen war groß, jeden Moment konnte man von einer Granate oder einem Geschoss getroffen werden, doch dies war nicht das einzige Problem, denn auch der Mangel an Nahrungsmitteln und der Stromausfall ließ die Menschen Hunger leiden und frieren.
Josip Svoboda berichtet in seinem Buch: „Sarajevo-Eine Stadt gibt nicht auf“ von Menschen, die trotz all des Elends nicht ihre Freude und ihre Gastfreundlichkeit verloren.
So berichtete er, dass seine Freunde und Bekannten, die er zu Kriegszeit in Sarajevo einige Male besuchte, ihm immer Kaffee und Essen anboten, so dass er sogar zugenommen hatte, als er wieder aus Sarajevo nach Kroatien (Split) zurückkehrte.
Auch erstaunte es ihn zu sehen, dass nach seiner Rückkehr im Winter, nahezu jeder Baum gefällt war. Da es keinen Strom gab, hatten die Leute auf Brennholz umgestellt und feuerten so ihre Öfen an. Für viele allerdings war diese Art der Beheizung bald nicht mehr vorhanden, denn das Holz ging zur Neige und so mussten viele Bewohner ihre Bücher zum Feuer machen verwenden.
Die Gerichte, die bosnische, muslimische und serbische Frauen zu dieser Zeit kochten, glichen einem Armutszeugnis. Bestanden sie doch meist aus Reis und Bohnen oder Fleisch aus Konserven, wenn überhaupt, denn dies waren die meist billig bzw. umsonst zu bekommenden Lebensmittel. Zwar gab es einiges auf dem Schwarzmarkt in Sarajevo zu kaufen, doch die Preise waren derartig überteuert, dass sich dies fast niemand leisten konnte. So sollte ein Ei 5 DM, Zigaretten 4-5 DM, 1 Kilo ungerösteter Kaffee 25 DM kosten usw.
Ebenfalls zu beachten ist, dass niemand ohne zahlreiche Kontrollen aus Sarajevo heraus, geschweige denn herein gelangen konnte. Immer mussten erst Visen beantragt werden und so bezeichnet man Sarajevo als ein riesiges Konzentrationslager. In der Tat gab es in der Kriegszeit dort einige Konzentrationslager, die von den Tschetniks betreut wurden. Diese befanden sich in Städten wie Lukavica, Kula oder Pale. Dort wurden die Menschen geschlagen, man ließ sie hungern und verwehrte ihnen manchmal sogar den Gang zur Toilette. Sollte sich jemand daraufhin beschweren , wurde er bis an den Rande des Todes geprügelt.
Ein weiteres dunkles Kapitel sind die Vergewaltigungen, die an den muslimischen und kroatischen Frauen verübt wurden. Als weitere Demütigung ließ man ihre Männer dabei zusehen.
Auch war es in dem bosnischem Gebiet an der Tagesordnung, dass Menschen zum Militärdienst gezwungen wurden und jeder zur Arbeit musste, egal ob er krank war oder sich der ständigen Gefahr, die die Heckenschützen darstellten, stellen musste. Wer nicht zur Arbeit ging, stand in der Gefahr entlassen zu werden. So machten sich die Menschen täglich mit Furcht auf, um ihre Arbeitsstellen aufzusuchen, kehrten abends wieder in die dunklen Häuser zurück, deren Fenster mit Decken verhangen waren, damit die Heckenschützen kein Licht sehen konnten und keine Granaten und Geschosse das Haus anzogen.
Ein weiterer Faktor, der die Menschen bedrückte, war, dass sie nicht einfach so aus dem kontrolliertem Gebiet und ihren Häusern gehen konnten. Es mussten erst serbische Austauschpersonen gefunden werden, die sich bereit erklärten in dieses Gebiet zu ziehen und das Haus zu bewohnen. Es konnte aber auch der Fall sein, dass plötzlich angebliche Polizisten der Republik Bosnien-Herzegowina vor den Haustüren der Menschen standen und diese zwangen in KZs mitzugehen und deren Wohnungen und Häuser daraufhin den Serben übergaben.
Das Schlimmste für die Menschen muslimischer und kroatischer Herkunft muss jedoch gewesen sein, dass sie sogar von einigen ihrer Freunde und Nachbarn beschuldigt worden sind, gegen die serbischen Regeln verstoßen zu haben oder, dass sie geschlagen und misshandelt wurden. So passierte es nämlich einem Mann, der in einem Stadtteil Sarajevos wohnte, Er wollte morgens etwas aus seinem Auto, das in seiner Garage stand, holen und wurde dabei von seinem serbischen Nachbarn gefragt, was er an dem Auto mache, er antwortete diesem, dass dies sein Auto sei und er etwas aus ihm holen wolle. Da wurde der Nachbar sehr wütend und schrie ihn an, er solle es nicht wagen, das Haus noch einmal zu verlassen und schon gar nicht sein Auto anzufassen. Dabei blieb es nicht, denn er wurde danach noch handgreiflich. Gleichzeitig suchten viele Menschen verzweifelt nach ihren Verwandten, Bekannten, Freunden, Nachbarn oder ihrer eigenen kleinen Familie.
Meist konnten sie erst nach Monaten Kontakt mit ihnen knüpfen und so belastete auch die Ungewissheit, ob der andere noch lebt, sie sehr stark.
Es passierte sogar, dass ein muslimischer Mann in ein KZ mitgenommen wurden, seine Frau, die Serbin war, nichts davon mitbekam, weil sie auf der Arbeit war und abends erschrocken feststellte, dass weder ihr Mann, noch ihre Kinder zu Hause waren, obwohl sie „Hausarrest“10 hatten. Sie machte sich auf die Suche nach ihnen und gelang erst über zahlreiche Umwege ins schützende Ausland, wo sie erst nach etlichen Jahren ihren Mann wiederfand, der sich in sicheres Gebiet retten konnte.
7. Hilfe für Sarajevo und die Sicht helfender Personen auf
Sarajevo und Bosnien-Herzegowina
Heute, nachdem der Krieg schon knappe 9 Jahre vorbei ist, sind immer noch viele Gebäude zerstört und die Hilfsorganisationen, die Sarajevo jedes Jahr aufsuchen und teilweise auch dort ansässig sind haben noch harte Arbeit zu leisten.
So auch eine Jugendgruppe aus Hardehausen, die unter der Betreuung von Jugenddiözesan-Pfarrer Meinolf Wacker, Pastor Bernhard Nahe und Stephanie Grünewich eine Friedensmission starteten, die unter dem Motto „Hand in Hand für Sarajevo“ bekannt ist, starteten und einige Erfolge zu verbuchen hatten. Sie halfen dort Häuser wieder aufzubauen, boten Workshops an und sangen in einer Kirchen, in der schon seit Monaten keiner mehr gesungen hatte. Nennenswert ist auch, dass der bisherige Bosnien Beauftragte Hans Koschnik nach Hardehausen reiste und Rita Süssmuth ihnen einen Förderpreis der Initiative „Demokratie leben“ überreichte. Diese Auszeichnung soll als Würdigung der Aktionen des Jugendhauses in Bosnien verstanden werden.
Sie beschreiben das Bild Sarajevo als eine außergewöhnliche Stadt, das allerdings noch von großen Waffenlagern und zahlreichen Soldaten geprägt sei. Ebenfalls berichten sie, dass die meisten total zerstörten Gebäude Sarajevos eher in den Vorstädten zu finden seien und es sie beeindruckt habe, dass die Stadt von solch unterschiedlichen Besetzerepochen geprägt worden sei, was man noch heute an den zwei grundverschiedenen Vierteln sehen könne. In einem der Viertel finde man große Stadthäuser, welche in österreichischem und europäischem Stil errichtet worden seien. Dieses Viertel ginge dann direkt in das islamisch geprägte Viertel über, wo man einstöckige Holzhäuser finde und welches ein großer Basar darstelle.
Untergebracht sei die Jugendgruppe, die aus Deutschland und Belgien stammen, in dem Kindergarten „Holy Family“ in Stup, welches ein Stadtteil von Sarajevo ist. Dieser Kindergarten sei von der Caritas in den Jahren 1998/99 erbaut worden und es sei nötig gewesen, dass sie von der örtlichen Polizei bewacht wurden um Zwischenfälle zu vermeiden. Schließlich seien die Katholiken in Sarajevo eine geringe Minderheit im Gegensatz zu den 90% Moslems. Beeindruckend fanden die Jugendlichen aus Deutschland und Belgien auch die äußerst langen Menschenschlangen, die sich um das Gebäude der deutschen Botschaft schlängelt. Diese Menschen wollen alle ein Visum nach Deutschland stellen und müssen teilweise sogar bis zu einem Tag dort warten.
Bekanntschaft mit dem Temperament der Bosnier konnten auch sie in der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit machen, denn dieses zeige sich wohl sehr deutlich beim Autofahren, so dass jeder bei einem herannahenden Auto schnell zur Seite springe. Dagegen empfanden sie die Menschen dort auch als äußerst gastfreundlich und wollen unbedingt wieder bei dem nächsten Projekten in Sarajevo dabei sein.
Einen anderen Anfang zu Unterstützungsmaßnahmen für Bosnien-Herzegowina vollführten Wolfgang Busch und seine Ehefrau Johanna Busch. Busch, der als Leiter eines aktiven Verbindungskommandos Ende des Jahres 1999 - April 2000 den Auftrag erhielt Berichte über die Infrastruktur in Nord-Bosnien anzufertigen. Er reiste mit dem Bundeswehr-Erkundungstrupp nach Bosnien um sich vor Ort ein Bild über die wirtschaftliche Lage, die Zustände im Gesundheits, Rettungs- und Bildungswesen, wie auch die Minenlage zu aktualisieren. Busch war damals mit weiteren 1.999 deutschen Soldaten im Lager Rajlovac, das in der bosnischen Förderation und am Rande Sarajevos, genauer in dem Bereich zwischen Mostar und Sarajevo liegt, untergebracht. Dort sollte er sich der Forstwirtschaft widmen, um dem Büro von Hans Koschnick und dem Verteidigungsministerium sowie dem Auswärtigen Amt die Auskunft erteilen zu können, ob in diesem Landstrich wieder Waldarbeiter-Dörfer errichtet werden könnten.
So knüpfte er Kontakte zu einigen Forstwirtschaftsbetrieben in der Umgebung und seine Analyse endete mit dem Fazit, dass die Forst-Inventur noch nicht abgeschlossen sei und so die Errichtung von Waldarbeiter-Dörfern nicht zu empfehlen sei.
Nach seiner Rückkehr aus dem Krisengebiet, in dem er mitansehen musste, wie die Menschen in schlimmster Not leben, erfuhr Wolfgang Busch, dass die Rudolf-Walther-Stiftung, die in der Nähe von Büdingen ihren Sitz hat, in Bosnien-Herzegowina zwei Altenheime und ein Kinderdorf (Selo Mira) gebaut haben. So entwickelte er mit Manfred Müller, einem pensionierten Lkw - Fahrer die Idee für das Kinderdorf eine Obstplantage anzulegen. Auch seine Ehefrau Johanna, die Betreiberin eines Garten- und Landschaftspflegebetriebs in Büdingen ist, war sofort begeistert und wollte mithelfen.
So fuhren die Buschs Ostern 2002 für eine Woche in das Kinderdorf und pflanzten während ihres Aufenthaltes 150 Obstbäume. Desweiteren entstand die Idee das nächste Jahr wieder in das Kinderdorf zu fahren und dieses Mal Jugendliche, die ein Praktikum in Gartenbau und Forstwirtschaft absolvieren wollen dorthin mitzunehmen. Doch bevor dieses Projekt starten kann muss erst die Einverständnisserklärung der dortigen Forstverwaltung eingeholt werden und es wäre hilfreich, wenn Busch zuvor ein Entminungsprojekt starten könnte, doch auch für dies müssen erst die Ortsansässigen ihr Einverständnis abgeben. Die Erkenntnis, die er aus seinem militärischen Aufenthalt in Bosnien-Herzegowina gewonnen hat ist, dass es dort noch eine Menge für ihn zu tun gibt. Man kann also gespannt sein was die zahlreichen Helfenden Hände dort noch bewirken werden um die Not der Menschen zu lindern.
8. Gedichtinterpretation von Radovan Karadizics Werk „Sarajevo“
Ich möchte nun ein Gedicht von Radovan Karadizic interpretieren , welches dieser zwar schon 1971 verfasste, aber da es den Titel Sarajevo trägt und auch durch seine Formulierungen über den von 1992-1995 geführten Krieg gehen könnte, erscheint es mir sehr passend.
Der Psychologe und Dichter Radovan Karadizic ist mittlerweile in der ganzen Welt bekannt und sein Gedicht „Sarajevo“ können die Menschen in seiner Tragik und Bedeutung nachvollziehen und die Stadt bekommt das Geschriebene zu spüren und kann sich hineinfühlen.
Gehört, wie das Unglück schreitet, haben die Menschen nämlich auch. Sie haben bemerkt, wie sich Gruppen postierten und wie der Krieg sich ankündigte und spätestens nachdem die ersten Bomben und Granaten auf ihre Häuser und ihre geliebte Stadt Sarajevo niederhagelten, ihre Lebenswerke zerstören und geliebte Menschen aus dem Leben rissen, war ihnen bewusst, dass die Zeit des Krieges angebrochen war. Die Hoffnung den Unruheherd, in Karadizics Gedicht ein Käfer, zu zerdrücken, hatte auch die bosnische Bevölkerung 1992. Sie leisteten regen Widerstand gegen die serbischen Angriffe, mit ihren Volksmilizen und ihrer Bürgerwehr, doch nur kleine Eroberungen und Siege konnten die Feinde auf kurze Zeit zurückdrängen und ihnen noch etwas Zeit verschaffen.
Um große Siege erringen zu können, waren die Gegner zu gut ausgerüstet, ausgebildet und hatten zu gute Positionen rund um Sarajevo bezogen.
Auch lag die Stadt nach zahlreichen Angriffen und Bombardements in Schutt und Asche, glich also einem „Klumpen Weihrauch“ und war keineswegs mehr als Herz Bosniens zu erkennen. Seine Bewohner wurden traurig, als sie das Ausmaß der Zerstörung betrachteten und so wurde die Stadt eine Herberge des Schreckens, der Vergewaltigung und der Ermordung von vielen unschuldigen Zivilisten. Die achteten nun auf andere Dinge als Reichtum, gute Kleidung oder viel Besitz. Sie besannen sich auf die einfachsten Dinge, wie was sie am nächsten Tag aus den kläglichen Lebensmittelrationen kochen können und ob sie am nächsten Tag noch leben.
Im wahrsten Sinne des Wortes kleiden deshalb nur „leere Kleider“ durch die Stadt, denn die Menschen sind gebrochen in ihrem Stolz, ihrem Lebensmut und haben nur ein Ziel, welches darin besteht, dieser Gefahr zu entkommen.
Rötlich stirbt der Stein, in Häuser eingemauert. Pest! Worauf könnte man diese Zeile beziehen? Vielleicht auf die Heckenschützen? Oder auf die verordneten Hausarreste für die sogenannten Nicht - Serben? Bei beiden Vorgängen waren die Menschen wie eingemauert hinter ihren Häusermauern. Sie konnten krank, tot oder am Verhungern sein, sie mussten in ihren Häusern verharren und wenn nicht, mussten sie auf die Gefahr der Heckenschützen achten, die bei jeder winzigen Bewegung ein Feuer eröffneten.
Frieden, den Karadizic hier schildert, gibt es in Bosnien-Herzegowina nur durch die zahlreichen verordneten Waffenstillstände.
Doch ihr Ziel erreichten diese nicht und die erhoffte Unterstützung von den Blauhelmsoldaten („gepanzerte Pappeln“), die in das bosnische Gebiet vorrückten um die Lebensmitteltransporte zu gewährleisten und den „Aggressor“ aus dem Flughafenbereich zu verdrängen, brachten den Einwohnern des Balkanstaates auch keinen Frieden.
So blieb der Wunsch der Bevölkerung weiter unerfüllt, die sich nach einem militärischen Eingriff von den EU - Staaten sehnten und hofften, dass diese ihre Lage bald beenden könnten, doch sie wurden enttäuscht und so machte sich „des Aggressors Luft in ihren Adern breit“, was bedeutete, dass viele nun nicht mehr freundlich zu den in Sarajevo postierten Blauhelmsoldaten waren und ihnen manchmal das Leben schwer machten.
„Geschöpfe der Luft“ wurden sie wohl, indem sie die Freiheit fühlten oder auf eine Besserung hofften. Dies könnte so gewesen sein, als sie die Gegner zurückschlugen oder ein Waffenstillstand ausgehandelt worden war.
Doch war dies alles nur die allgemein bekannte Ruhe vor dem Sturm, der in Wehgeschrei und somit weiteren Angriffen ausartete. Man sah in jedem Menschen einen potentiellen Aggressor und so kam es nicht selten vor, dass Nachbarn oder Freunde ihre eigenen Freunde und Nachbar anzeigten oder anschwärzten, gegen sie gewaltsam vorgingen und ihnen Leid zufügten. Alles nur, weil man nicht wusste, „was das schwarze Metall in der Garage vorbereitete“.
So beginnt „die Furcht zur Spinne zu werden“, also zu einem Geschöpf, das Ekel und Abscheu nach sich zieht, sobald es auftaucht. Gewiss ging es so auch vielen Menschen, die nicht vor Spinnen Abscheu und Ekel empfanden, sondern für ihre prekäre Lage. Sie wollten einfach frei sein, sich keine Gedanken mehr um morgen machen müssen, nicht jeden Tag ans Sterben denken müssen und sie wollten endlich mal wieder in Frieden leben.
Doch die Furcht vor dem Gang auf die Straße, vor dem Aufstehen am nächsten Tag, wurde immer größer und die verwandelte Furcht, in Form der Spinne, „sucht ihre Antworten im Computer“. Könnte mit dem Computer nicht einfach die Religion gemeint sein? Oder vielleicht doch die Identifizierung mit einer Volksgruppe? Diese beiden Dinge wirken nämlich auf Menschen wie Steuerungsorgane. Oft beeinflussen sie Menschen so lange, bis sie ihre Meinung übernehmen und somit zu Handlangern werden. Auch ist die Religion oft der letzte Halm, an den sich Menschen klammern, in ihr suchen sie dann nach Antworten oder Lösungsmöglichkeiten.
9. Biographie von Josip Svoboda
Josip Ratimir Svoboda erblickte am 21. März 1944 das Licht der Welt in der Stadt Travnik, die in Bosnien-Herzegowina liegt. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges starb sein Vater und seine Mutter heiratete nach einiger Zeit erneut.
Svoboda studierte an der Universität von Sarajevo Germanistik und war schon während seines Studiums im Journalismus tätig. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er später eine Stelle bei der angesehenen Tageszeitung „Oslobodenje“ erhielt. Gelegentlich schrieb er auch für eine Wochenzeitschrift, die „Svijet“, wechselte dann aber später zu dem Fremdenverkehrsverband, wo er PR - Manager wurde.
Ethnologische Forschungsreisen zu unternehmen, das war sein Jugendtraum, den er sich auch später erfüllte. Eine dieser Reisen unternahm er nach Ost - Afrika, wo er für zwei Jahre das Leben von verschiedenen Völkern studierte. Eine andere Reise führte ihn nach Pakistan. Dort lernte er das Volk der Hunza kennen. Die Ziele seiner späteren Reisen bestanden aus Indien, Nepal, Tibet und Thailand sowie nochmals Afrika. Ursprünglich hatte er in den Jahren 1993 - 1995 eine längere Tibetreise geplant, doch der Krieg in seinem Heimatland hinderte ihn an der Reise und so unterbrach er sein geplantes Projekt, um durch Vorträge, als freier Journalist und Autor, seinem Vaterland zu helfen.
Durch diese freiwillige Tätigkeit und sein Engagement entstand das Buch „Sarajevo 1992 - Ein Kriegstagebuch“. Heute ist dieses Buch unter dem Titel „Sarajevo - Eine Stadt gibt nicht auf“ erhältlich und ist die erweiterte Fassung von dem Urspünglichen „Die Stadt stirbt - Die Welt schaut zu“. Aber auch die Veröffentlichungen von zahlreichen Texten und Reportagen über die Geschehnisse in Bosnien-Herzegowina, die sogar zum Teil in der ausländischen Presse veröffentlicht wurden, unternahm er.
Nun einige andere Veröffentlichungen seiner Werke: „Im Hunzaland“ ( Essay, 1976); „Das Testament der Hunza“ (1991); „In den Ländern Buddhas“ und „Allein durch die Mysterien Afrikas“ befanden sich in der Kriegszeit (April 1992) im Druck, wurden aber in dem Durcheinander des Krieges vernichtet, so dass teilweise nur noch Manuskripte gerettet werden konnten.
10.
Rückblickend auf den Krieg und die Ansicht der Menschen in Bosnien-Herzegowina
In Bosnien-Herzegowina ist wieder Frieden eingekehrt und die Menschen bemühen sich zusehends der Welt zu zeigen, dass auch sie „Europa“ sind und sie verabscheuen es als „Balkan“ betitelt und somit abgetan zu werden. Sie bemühen sich vielmehr eine Art Normalität in ihren zerschossenen Städten und Häusern aufzubauen und mit dem Wenigen an Lebensstandard auszukommen.
Um in Sarajevo Pfarrzentren und „Europaschulen“ zu fördern, übergab die Organisation „Pro Europa“ dem Erzbischof von Sarajevo einen Geldbetrag von 850.000 Schilling.
In diesen Europaschulen sollen schon Kinder, die den unterschiedlichsten Konfessionen angehören, lernen miteinander umzugehen. Auf dem Land in Bosnien ist die Situation um einiges schlimmer als für die zurückkehrenden Städter. Die Kriegswitwen bekommen keinerlei finanzielle Unterstützung oder Pension, weil die Massengräber, in denen ihre Männer liegen noch ungeöffnet sind und somit jeglicher Todesnachweis fehlt. Diese Frauen sind also solange auf Almosen angewiesen bis der Todesnachweis erbracht worden ist.
Nun kommen unter anderem auch Flüchtlinge aus Österreich nach Sarajevo und Umgebung zurück. Sie versuchen in den abgelegenen Dörfern ihre Häuser wiederaufzubauen und nehmen dafür finanzielle Hilfe von karitativen Organisationen in Anspruch. Die Schwierigkeit für die Flüchtlinge besteht allerdings darin, dass sie meist nicht in ihre alten Häuser zurückgelassen werden, weil nun Serben oder andere Familien in ihnen wohnen oder die Häuser derart vermint sind, dass auch die dort stationierten Hilfstruppen der Bundeswehr sich nicht an das Entschärfen herantrauen. So sind auch viele Toiletten, Gartenstücke und sogar Tote vermint, um möglichst viele Opfer zu erzeugen. Besonders nötig haben die dort lebenden Menschen allerdings Mehl und Haustiere. Hierzu eigenen sich am besten Ziegen, da sie kostengünstig sind, alles fressen und nicht so schwer sind, so dass sie nicht zwingend die herumliegenden Minen auslösen.
In der Gegend um Travnik herrscht eine Arbeitslosigkeit von 80%, welche auch in den meisten anderen Teilen Bosniens vorfinden wird. Bücher und sonstige kulturellen Gegenstände sind nicht sehr weit verbreitet. Es gibt ca 10 Buchhandlungen über ganz Bosnien verteilt, womit klar sein dürfte, dass ein Mangel an Büchern besteht. Die Zerstörungen vor Ort sind immer noch von gewaltigem Ausmaß und es mangelt an Bäumen und Arbeitsplätzen. Der Bergbau, der den Lebensnerv der Stadt darstellte wurde durch den Krieg weitgehend stillgelegt und kommt nur wieder schwer in Gang. Tourismus in Sarajevo oder Bosnien ist auch heute noch nur in äußerst geringem Maße vorzufinden und viele Menschen, die zuvor in Bosnien lebten sind nun ins Ausland gezogen bzw. sind dort als Flüchtlinge wohnen geblieben. Meist sind dies die intelligenten Menschen und so fehlt es nun auch noch an qualifizierten Kräften und an intelligenten jungen Leuten.
11.
Buchkritik (kritische Auseinandersetzung mit dem Buch
„Sarajevo - Eine Stadt gibt nicht auf“)
Das „Buch Sarajevo - Eine Stadt gibt nicht auf“ von Josip Svoboda ist wohl eines der beeindruckendsten und ungewöhnlichsten Bücher, das ich jemals gelesen habe.
Es fasziniert den Leser durch seine bildhafte Sprache und treibt ihn zu Emotionen und viel Mitgefühl, denn durch seine Tagebuchaufzeichnungen und die Schilderung persönlicher Erfahrungen gelingt es ihm den Leser in die Situationen hineinzuversetzen und ihn in den Bann und das Elend des Krieges mitzunehmen.
Auch spart Svoboda nicht mit Kritik, die er an der restlichen und besonders an der europäischen Welt übt. Fühlt er sich doch und viele andere Menschen in Bosnien im Stich gelassen, weil sie mehr von diesen erwartet hätten. Ebenfalls scheut er keinen Weg um zu fotografieren und so das Geschehen besser einzufangen. Auch als ihm gedroht wird, ihn als Arbeiter zum Ausheben eines Schützengrabes zu stecken, falls er den Bahnhof in Sarajevo fotografieren sollte, fotografiert er diesen zum Trotz. Die Bilder verleihen dem Buch den letzten Schliff und machen es noch eindrücklicher bzw. bestärken die Aussagen, die getroffen werden.
Auch ist es interessant (in seiner erweiterten Fassung des Buches) die Briefe der Menschen an ihn zu lesen. Alle sind sich einig, dass Sarajevo eine Stadt mit einem unglaublichen Charme ist und dass man automatisch von ihr und ihren Düften träumt.
Wie unschwer zu erkennen ist, gerate ich unweigerlich ins Schwärmen, sobald ich über dieses Buch schreibe und spreche, dies hat die eben genannten Gründe und noch einen weiteren, wie ich finde gewichtigen Grund.
Durch dieses Buch bekommt man im Schnelldurchlauf einen Überblick über die prekären Lage in Jugoslawien und besonders Bosnien-Herzegowina zu dieser Zeit. Ohne vor dem Lesen eine Fülle von Informationen gesammelt zu haben, kann man weites gehend und in groben Zügen den Konflikt verstehen. Natürlich erleichtern zusätzliche Literatur und Quellen das Verständnis und verleihen dem Ganzen mehr an Objektivität, da dieses Buch, durch die Subjektivität des Autors, geprägt wurde.
Dennoch bemüht sich Svoboda um Objektivität und ich meine, dass es ihm auch gelingt, obwohl dies nicht so einfach ist. Schon aus Gründen der Unterdrückung, der Wut auf die Serben und weitere vorausgegangene Bedingungen.
Somit komme ich zu dem Ergebnis, dass es wohl kaum ein Buch gibt, das den Einstieg in die Thematik deutlicher und realistischer gestalten und ausdrücken könnte als dieses Kriegstagebuch. Ohne dieses Buch hätte wahrscheinlich auch ich mich mit dem Einstieg in die Thematik schwer getan und lange gebraucht um mich in die Menschen hineinzufühlen, um die Folgen des Krieges verstehen und abschätzen zu können.
12.
Eigene Meinung und Einschätzung über den Konflikt
und die Zukunft von Bosnien-Herzegowina
Mich persönlich haben die Schicksale der Menschen sehr bestürzt und ich glaube, dass es dort noch viel Geld, Arbeit, Mühe und Zeit kosten wird um das Erlebte und die materiellen Zerstörungen verarbeiten und beseitigen zu können. Die seelischen Wunden, die durch Vergewaltigungen, Beschimpfungen, Qualen in den Lagern oder durch Verluste von Verwandten oder Bekannten entstanden sind, werden wohl nie ganz heilen oder zumindest als hässliche Narben auf der Seele der Menschen und des Landes zurückbleiben. Dennoch besteht die Chance, den Staat in die richtige Richtung zu führen, ihn unabhängig zu machen und dem europäischen Niveau anzugleichen. Zwar dürfte sich dies als äußerst schwierig erweisen, da die Republik in zwei politische Teile getrennt ist, nämlich in den serbischen und den bosnischen bzw. kroatischen Teil und somit auch eine politische Führung nicht reibungslos vonstatten gehen kann. Besonders bedenklich finde ich es, dass die Bevölkerung Bosniens es im Krieg so empfunden hat, dass die restliche Welt sich nicht um ihr Schicksal gekümmert hat und sich alleine vorkommen ist. Auch ist es nicht sonderlich erstaunlich, dass die Meinung der dort lebenden Menschen ist, dass der Krieg sich nicht gelohnt habe11 , was die Tatsache bestärkt, dass sich ein Krieg nur in den seltensten Fällen lohnt und selbst dann muss nach einer Rechtfertigung und nach dem Sinn von diesem Krieg gefragt werden.
Positiv überrascht hat mich die Beschreibungen über das bosnische Volk, das als ein sehr gastfreundliches beschrieben wird und über den Zusammenhalt der Menschen in der Kriegszeit sowie den Mut, den Elan beim Wiederaufbau und dem Enthusiasmus, mit dem sie wieder neu ihr Leben ordnen und versuchen die Wunden des Krieges zu heilen.
Woraus die Welt gelernt haben sollte ist, dass kein Land unterschätzt werden darf, wie es bei Serbien passiert ist und dass man energischer hätte durchgreifen müssen. Damit meine ich die zahlreichen gebrochenen Waffenstillstände und Verträge, die alle nichts brachten. Auch sind die Bedingungen und die Forderungen, die in dem Dayton Abkommen stehen zum Teil nicht durchsetzbar, was die Politiker nach und nach einsehen mussten. So ist zu hoffen, dass jeder aus diesem schrecklichen Krieg gelernt hat, die europäischen Länder weiter beim Wiederaufbau helfen werden und sich in Bosnien der Frieden etablieren und eine positive und weltoffene Politik betrieben werden kann.
Anhang:
Original-Gedicht "Sarajevo"
Ich höre wie das Unglück wirklich schreitet
umgewandelt in einen Käfer - wenn die Stunde kommt:
werde ich den Käfer zerdrücken, so wie ein verschlissener Sänger
die Stille die Stille zerdrückt und sie umformt in eine Stimme.
Die Stadt ist ausgebrannt wie ein Klumpen Weihrauch,
in diesem Rauch unser Bewußtsein sich krümmt.
Durch die Stadt gleiten leere Kleider.
Rötlich stirbt der Stein, in Häuser eingemauert. Pest!
Frieden. Eine Truppe gepanzerter Pappeln
marschiert in sich selbst in die Höhe. Der Aggressor
Luft strömt durch unsere Adern
und einen Moment bist du Luft, einen Moment ein Geschöpf der Luft
Das ist die Vorbereitung des Wehgeschreis, ich weiß:
was bereitet das schwarze Metall in der Garage vor?
Sieh - wie die Furcht, zur Spinne verwandelt,
in ihrem Computer die Antwort sucht.
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