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Christian Freischlad - Die Geschichte Jugoslawiens von 1945 - 1990

 

Vorwort

Die Geschichte des zweiten jugoslawischen Staates ist eine Geschichte, die sich durch ihre Einmaligkeit auszeichnet. In einer Zeit, wo die Welt in Ost und West eingeteilt wurde, lag Jugoslawien dazwischen.
Der Krieg fand auf jugoslawischem Boden statt und prägte die Mentalität des Volkes für Jahrzehnte. Der Bruch mit der Sowjetunion erfolgte z.B., weil die Sowjetunion den Sieg über den Faschismus für sich beanspruchte, ebenso wie die Partisanen Marschall Titos und weil Unabhängigkeit ein Bedürfnis war, auf das die befreite Bevölkerung nicht verzichten wollte.
Diese Epoche ist aber auch untrennbar mit einer Person verbunden, die von diesen 45 Jahren 35 uneingeschränkt bestimmte: Josip Broz, genannt Tito.
Tito schuf die Verfassung, die bis 1991 Gültigkeit hatte, er gründete die Gemeinschaft der blockfreien Länder, er gab die Richtung vor auf dem jugoslawischen Sonderweg, führte Arbeiterselbstverwaltung und allumfassende Verteidigung ein. Unter Tito erlebte Jugoslawien einen Wohlstand und eine Periode des relativen Friedens wie nie zuvor.
Doch es war auch jener Tito, der sich selbst an seinem Volk bereicherte, dessen Held er war, der sich unzählige Residenzen im ganzen Land bauen ließ. Er war es, der seine alten Kampfgenossen gnadenlos entfernte, wenn sie seine Macht bedrohten und die kurze Zeit der Demokratie schnell in eine Diktatur umwandelte, indem er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen ließ. Es war Tito selbst, der das Rotationssystem einführte um Machtbündelung zu verhindern, was nach seinem Tod eine völlig destabilisierte Führung hervorbrachte. Doch nach seinem Tod wurde auch sein größter Verdienst offenbar: Er hatte den Vielvölkerstaat Jugoslawien zusammengehalten, hatte eisern für diesen Staat gekämpft.
Die Geschichte blieb nicht stehen, um in seinem Gedenken innezuhalten. Das Jahr Eins nach Tito wurde zum Schicksal für die neue Ära. Die Wirtschaftskrise traf Jugoslawien mit voller Wucht, die Not brachte den Nationalismus der Völker zum Vorschein. Slowenien und Kroatien schrieen nach Unabhängigkeit, im Kosovo wurden die Albaner Opfer der serbischen Wut.
Und dann kam der neue starke Mann, der Nationalist Milosevic. Seine Radikalität brachte ihn an die Spitze der Serben, aber sie spaltete die Republik. Die Autonomie der Kosovo-Albaner wurde eingeschränkt. Die Brisanz der Lage war 1990 kaum zu steigern. Jugoslawien war nur zehn Jahre nach dem Tod Titos ein Pulverfass, das jeden Moment zu explodieren drohte. Doch diese Situation war eine Konsequenz von Ereignissen, die zurückreichen bis zum letzten Krieg und darüber hinaus.

Nachkriegswirren

Das Ende des Partisanenkriegs
Das jugoslawische Verhalten im Zweiten Weltkrieg zeichnete sich durch zwei Dinge aus. Zum einen wogte auf jugoslawischen Boden ein ständiger Kampf zwischen Faschisten und Kommunisten, der hin und her schwankte. Das Land gehörte zu den unglücklichen Plätzen auf der Welt, in der in dieser Zeit beide Strömungen aufeinander trafen.
Der zweite bedeutende Unterschied zu anderen Kriegsschauplätzen war die Kampfart. Der kommunistische Widerstand gegen die Italien freundlichen Faschisten entwickelte sich unter Marschall Tito und in Albanien unter dem Gründer der Nationalen Befreiungsarmee Enver Hoxha zum berüchtigten Partisanenkrieg. Mit Hilfe der sowjetischen Unterstützung gelang es, die Wehrmacht schon Ende 1944 aus Jugoslawien zu vertreiben. Die von den Sowjets gefangenen kroatischen Gegner wurden den Milizen ausgehändigt, dem folgenden Blutbad fielen über 30 000 Kroaten zum Opfer, die sich Titos kommunistischer Bewegung nicht anschließen wollten. Die Entscheidung war gefallen. Die Kommunisten hatten den internen Widerstand beseitigt.

Zwischen Weltpolitik und nationalen Interessen

Die kommunistischen Parteien des Balkans hatten schon 1920 die Gründung einer sogenannten „Sozialistischen Sowjetrepublik des Balkans“ beschlossen. Im Oktober 1944 reiste der britische Premierminister Winston Churchill nach Moskau, um mit Stalin um ein zukünftiges Gleichgewicht der Mächte auf dem Balkan zu verhandeln. Dabei wurde der Einfluss auf Jugoslawien aufgeteilt, Amerika und England waren nicht bereit, ihn den Sowjets zu überlassen. Von der Weltpolitik unbeeindruckt verhandelte Titos Fraktion gleichzeitig mit Vertretern der jugoslawischen Monarchie über eine zukünftige Regierung. Einen Monat später im November 1944 galt es nun bei einer Reise nach Moskau die Zustimmung Stalins zu gewinnen.
Stalin sah die Chance gekommen, das Abkommen zu umgehen und Jugoslawien langfristig an die Sowjetunion zu binden. Man wollte Jugoslawien in das osteuropäische System des Kominform-Paktes einbeziehen. Über diese Pläne wurde auch auf der Jalta-Konferenz der Siegermächte diskutiert. Von der Vorstellung eines sowjetischen Satellitenstaates war man in Jugoslawien weit entfernt. Doch zunächst wurde in voller Einstimmigkeit die Föderative Republik Jugoslawien gegründet. Mitglieder waren Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Makedonien und Serbien.

Der jugoslawische Sonderweg

Während die USA, die Briten und die Sowjetunion sich um Europa stritten, hatte Marschall Tito andere Pläne. Er war weder bereit, dem kapitalistischen Westen beizutreten, noch die sowjetische Vorherrschaft im internationalen Kommunismus anzuerkennen. Als Stalin seinen einstigen Günstling Tito immer stärker unter Druck setzte, kam es zum offenen Bruch. „Der 
Eiserne Vorhang ging herunter – Jugoslawien jedoch war draußen geblieben“.1)
Stalin nahm das persönlich. Die sowjetischen Ideologen machten deutlich, dass Tito den Leninismus verraten und zum „Reaktionismus des Westens“ übergetreten sei. Jugoslawien wurde aus den politischen bzw. wirtschaftlichen Verbindungen Kominform und Comecon ausgeschlossen, man verhängte sogar zeitweise ein Embargo, das zu Nahrungsknappheit führte. Stalin glaubte, Tito stürzen zu können. Er startete einen Feldzug, der nur scheinbar ideologisch begründet war. Während dadurch das jugoslawische Volk nur noch enger zu ihrem Ministerpräsidenten hielt, wurden die anderen Ostblockstaaten dazu gezwungen, sich von Jugoslawien zu distanzieren. Tito war so gezwungen sich seine Verbündeten an anderer Stelle zu suchen.
Der Marschall hielt an seiner Linie eisern fest: Er wollte einen kommunistischen Staat und Unabhängigkeit, beides war in Gefahr, wenn man sich dem Westen zu sehr näherte. Da man auf Seiten der Alliierten gekämpft hatte, wurde ein Teil des Wiederaufbaus von der UNRRA, der zuständigen Organisation der Vereinten Nationen übernommen, die jugoslawische Industrie war zu zwei Drittel zerstört, die Landwirtschaft brachte nur noch 38% des Ertrages von vor dem Krieg2). Man war also auf fremde Hilfe angewiesen. Doch was die Welt fast 45 Jahre besorgt machte, bot für Jugoslawien eine unerwartete Lösung. -
Mit dem Ausbruch des Kalten Kriegs geriet Jugoslawien zwischen Ostblock und die westlich orientierten Staaten. Doch Tito wusste diese Position zu nutzen. Er erklärte, aufgrund der sowjetischen Ablehnung, die man zutiefst bedauere, sei man gezwungen einen jugoslawischen Sonderweg einzuschlagen. Er gründete die Organisation der blockfreien Staaten, der viele Länder Afrikas und Asien beitraten, um der Bedrohung durch den Kalten Krieg zu entgehen. Man bot ihnen Schutz vor den großen Mächten an, wenn sie dem Zusammenschluss beitraten und unterstützte nationale Unabhängigkeitsbestrebungen, solange sie sich nicht gegen den Sozialismus richteten.
Bis zu Stalins Tod war diese Bewegung noch sehr klein, da Freunde Jugoslawiens offiziell Feinde der Sowjetunion waren, doch 1956 begann die Ausweitung mit dem Beitritt Indiens und Ägyptens nach einem Gespräch der Staatsoberhäupter Nasser, Nehru und Tito in dessen Domizil auf der Insel Brioni. Bis zu Titos Tod hatten sich den Blockfreien 100 Staaten angeschlossen und damit ihrem Sprecher großes außenpolitisches Gewicht verliehen. Man war zur Dritten Kraft gewachsen, wie sich Tito das seit 1948 gewünscht hatte. Die Neutralität im Ost-West-Konflikt ließ man sich zunächst vom Westen, ab 1955 sogar von beiden Seiten, bezahlen. Im Westen übernahm diese Rolle die Weltbank, aber auch Darlehen der einzelnen Staaten. Die Arbeitslosen wurden zusätzlich als Gastarbeiter in den Westen geschickt und sandten bedeutende Summen in die Heimat. Nach der Entspannung im Verhältnis zum Ostblock entstand in den 50er Jahren eine lukrative Zusammenarbeit auch in dieser Richtung. Diese Versöhnung war Titos größter Triumph. Stalin hatte ohne Rücksicht auf Verluste einen erbitterten Kampf gegen den Dissidenten geführt. Nach seinem Tod wurde gegen den Willen des mächtigen Außenministers Molotow eine Versöhnung angestrebt. Ein Schuldiger wurde gesucht und gefunden, ein abgesetzter Funktionär wurde für alle Vorwürfe verantwortlich gemacht. Im Mai 1955 besuchte der neue sowjetische Staatschef Chruschtschow Tito in Belgrad, drückte sein Bedauern aus über die Fehler, die gemacht worden seien und bot eine Versöhnung an.
Auch innenpolitisch sah sich Tito schweren Problemen gegenüber. Die Ursachen waren allerdings ebenfalls die Folgen des Krieges, der auf jugoslawischem Boden ausgetragen worden war. Die Wirtschaft lag am Boden und die Arbeiter erwarteten Lösungen. Doch die sozialistische Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild war nicht geeignet, die Wirtschaft anzukurbeln. Es musste also eine Form gefunden werden, die sich mit der titoistischen Ideologie deckte und gleichzeitig massives Wirtschaftswachstum ermöglichte. Tito entwickelte eine Idee: die Arbeiterselbstverwaltung. Wie auch die Blockfreiheit wurde sie 1950 eingeführt. Die Betriebe wurden von Arbeitervertretungen geleitet, die gegenüber anderen Unternehmen in eingeschränkt marktwirtschaftliche Konkurrenz traten. Leider gelang es nicht, die jugoslawische Wirtschaft aufzubauen. Sie wurde nie unabhängig und erwirtschaftete Schulden in zweistelliger Milliardenhöhe. Man konnte sich das erlauben, weil man sich von beiden Parteien des Kalten Krieges bezahlen ließ und diese Unterstützungen ganz einfach fest in den Haushalt einplante. Um die Ausmaße dieser Gelder zu begreifen, muss man wissen, dass allein die Bundesrepublik 1.240.000.000 DM an Krediten gewährte in der Zeit zwischen 1956 und 19731). Als Gegenleistung erhielt man Rechtssicherheit gegen die Ansprüche der jugoslawischen Zwangsarbeiter im Dritten Reich. Auch nach Titos Tod wurde diese Strategie weitergeführt. Diese Quelle begann Ende der 80er Jahre jedoch zu versiegen.

Die Tito-Ära

Der Bauer aus Kumrovec


Tito wurde 1892 in dem kroatischen Dorf Kumrovec als Josip Broz geboren. Seine Eltern waren Kleinbauern. Er besuchte die Volksschule und absolvierte eine Schlosserlehre. Danach zog er nach Kroatien und trat sowohl in die Gewerkschaft als auch in die Sozialdemokratische Partei Kroatiens ein. Auf der Suche nach Arbeit ging Broz 1911 nach Slowenien, nach Deutschland und schließlich nach Wien.
1913 trat Broz in die österreichische Armee ein und wird nach Zagreb versetzt. Im Ersten Weltkrieg geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, kam dadurch mit dem Sozialismus in Kontakt. 1920 kehrte Broz nach Kroatien zurück, heiratete und wurde Mitglied der neu gegründeten Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ), die kurz darauf verboten wurde. In der illegalen kommunistischen Organisation stieg er schnell auf, 1926 war er an Streiks maßgeblich beteiligt. Ein Jahr später war er schon Bezirkssekretär der Gewerkschaft von Zagreb. Er wurde wegen seiner kommunistischen Aktivitäten zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Als Sekretär der illegalen KPJ in Kroatien wurde er 1928 zu fünf Jahren Haft verurteilt, nach der Entlassung wurde er Mitglied des nach Wien umgezogenen Zentralkomitees der KPJ und des Politbüros. Ab dieser Zeit, 1934, nannte sich Josip Broz Tito.
In den Jahren 1935-1938 zog er durch die Sowjetunion und wurde dort zum Generalsekretär der KPJ und organisiert die Parteiführung der KP Kroatiens.
1939 baute Tito die Parteizentrale in Zagreb wieder auf, mit Beginn des Krieges wurde das Hauptquartier der KPJ offiziell von Moskau zurück nach Belgrad verlegt. Tito leitete die Widerstandsbewegung gegen die Deutschen Besatzer und rief den Partisanenkrieg ins Leben. 1943 wurde Tito nach einer Verletzung vom Antifaschistischen Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ) zum Präsidenten und Marschall ernannt. Nach Kriegsende wurde Tito im Einverständnis mit dem Königshaus, mit den Briten und den Sowjets Ministerpräsident der neugegründeten Föderativen Republik Jugoslawiens. 1953 trat er nach der neuen Verfassung das Amt des Präsident an, diese Postion lässt er sich 1963 auf Lebenszeit zusichern.
1980 stirbt Josip Broz Tito nach langer Krankheit in Folge einer schweren Operation im Krankenhaus von Ljubljana.

Titos Gefährten

„Selbst wenn die kommunistischen Führer den Wunsch hätten, einen Rechtsstaat zu errichten, könnten sie dies nicht tun, ohne ihre totalitäre Herrschaft zu gefährden.“1)
Milovan Djilas

Die traurige Geschichte der Gefährten Titos begann schon 1939, als er Gegner innerhalb der KPJ ausschaltete, um sich die alleinige Macht zu sichern. Doch diese Methode erreichte ihren Höhepunkt erst als Tito Staatspräsident von Jugoslawien war.
Milovan Djilas, bisher Propaganda-Chef der Tito-Regierung und Kampfgefährte im Partisanenkrieg, stieß bei der ideologischen Rechtfertigung des Systems in den Jahren 1954 und 1955 auf einen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, zwischen Diktatur des Proletariats und Diktatur des BdKJ. Dies wurde ihm zum Verhängnis, als er den Parteifunktionären vorwarf, sie seien gierig und wollten nun den neuen Wohlstand genießen. Diese Kritik traf natürlich auch Tito persönlich, der daraufhin noch im selben Jahr vor dem Zentralkomitee des BdKJ die Anklage gegen den einstigen Günstling vortrug. Es folgten mehrere Gefängnisaufenthalte in den Jahren 1955 und 1966, bis der Präsident schließlich eingriff und Djilas zunächst begnadigte und unter Hausarrest stellte. Auch als dieser aufgehoben wurde, durfte Djilas das Land nur noch einmal 1969 verlassen. Ebenfalls 1966 wurde der mächtigste Serbe im Land, Sicherheitschef Rankovic entmachtet, woraufhin den Serben nur noch das Kriegsministerium, allerdings nicht der Oberbefehl über das Heer, als wichtiges Gebiet zur Einflussnahme zugestanden wurde.
An diesem Beispiel wird deutlich, wie Tito stets mit großem Geschick in der Lage war, innenpolitische Gegenstimmen zum Schweigen zu bringen, aber auch, dass der Kommunismus immer wieder Opfer in den eigenen Reihen fordert. In Serbien waren davon Ljubo Tadic, Mihajlo Markovic und Svetozar Stojanovic betroffen, die den Kroaten an der Spitze immer wieder ideologisch hinterfragten.
Die Liste der fallengelassenen Günstlinge Titos lässt sich noch lang weiterführen, 1967 erwischte es den späteren kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman. Die größte Aktion zur Trennung von Spitzenpolitikern, die ihm schaden konnten, unternahm Tito 1971 und 1972 als er die Parteispitzen in Kroatien und Serbien entmachtete. Darunter der Kroate Miko Tripalo, der lange als sein Nachfolger gehandelt wurde und der Serbe Koca Popovic, der sich weigerte der „Säuberung“ zuzustimmen und ihr deshalb selbst zum Opfer viel.
Titos Sorgfalt bei der Machtbündelung ging so weit, dass er seine Frau, eine ehemalige Partisanenführerin, seit 1977 aufgrund unbekannter politischer Intrigen von sich und der Macht fernhielt. Der Gipfel lag jedoch in der Verfassung von 1974 in der die Regierungsform nach Titos Tod festgelegt wurde.
Nur wenige Männer hielten es 35 Jahre oder mehr an Seite des Despoten aus. Sein Gefährte aus dem Partisanenkrieg, der Kroate Vladimir Bakaric war einer von ihnen. Trotz eines Disputes in 1971, als Bakaric gegen den Einsatz der Armee im Inneren sprach, die von Tito befürwortet wurde, war der asthmakranke Bakaric 1980 in allen wichtigen Instanzen vertreten, als Mitglied im Staats- und Parteipräsidiums, er war Ministerpräsident Kroatiens, sowie als Vorsitzender des „Komitees zum Schutz der Verfassung“.
Die Ämterrotation überlebte außerdem der Serbe Nikola Ljubicic. Er initiierte die „allumfassende Volksverteidigung“ und blieb unter Titos Oberbefehl 13 Jahre lang Verteidigungsminister. In seiner Macht lag somit die starke Armee und damit eine nicht zu unterschätzende Kraft, die der Marschall nur wenigen zugestand.
Ebenfalls bis zu seinem Tod 1979 an der Seite Titos war der Slowene Kardelj, der die Position des Ideologischen Rückhalts des Präsidenten 1955 von dem gestürzten Djilas übernahm. Auch er war schon im Partisanenkrieg an der Seite Titos gewesen und war einer der Menschen, für die Tito wie ein Vater war, zu dem sie aufschauten. Viele von ihnen waren nicht so glücklich wie Kardelj und kamen eines Tages wegen Kritik an Tito, ein satirischer Witz genügte, ins Gefängnis.

Die Verfassungen

Die Geschichte der jugoslawischen Republik nach dem Krieg zeigt eine Auffälligkeit, den schnellen Wechsel der Verfassungen. In den 45 Jahren zwischen 1946 und 1991 waren vier Verfassungen gültig, die noch einige Male intensiv überarbeitet wurden. Die vierte Verfassung trat nur 28 Jahre nach der ersten in Kraft.

Die Verfassung von 1946 war, wie zu erwarten, von der sowjetischen abgeschrieben. Sie war nur bedingt an die nationalen Verhältnisse angepasst und machte Jugoslawien zu einem Teil des Internationalen Kommunismus. Von einem „Jugoslawischen Sonderweg“ war keine Rede, Tito war Stalins Genosse. Doch mit dem Bruch zwischen den Staatschefs wurde diese Verfassung hinfällig. Tito hatte andere Pläne, 1948 wurde mit der Arbeit an einer neuen Konstitution begonnen. Sie war dem amerikanischen Präsidialsystem nahestehend, wenn auch nur in einigen Punkten, und zeigte liberale Tendenzen. Tito als Staatspräsident, hatte weitreichende Kompetenzen und den Oberbefehl über das Heer. Diese Version trat dann nach vier Jahren 1953 in Kraft und bestimmte zehn Jahre lang die politische Ordnung in Jugoslawien. Doch die Einzelnationen waren damit nie zufrieden. Sie forderten unablässig mehr Unabhängigkeit und so wurde 1963 eine weitere, schon die dritte Verfassung verabschiedet. Sie trug mehr als je zuvor den Stempel Titos und war den Gegebenheiten besser angepasst. Die Regierung übernahm scheinbar ein Staatspräsidium mit 23 Sitzen, allerdings ließ sich Tito als Staatspräsident auf Lebenszeit manifestieren und behielt die Befehlsgewalt, sowie in der Praxis auch über alle anderen Bereiche der Regierung die Macht. Die autonomen Regierungen der Teilstaaten, Kosovo und Vojvodina waren nur eingeschränkt unabhängig, hatten nun mehr Einfluss und Jugoslawien nannte sich nun Sozialistische Föderative Republik (SFRJ).
Die Verfassung von 1974 brachte ein neues Wahlsystem, entwickelt von dem Slowenen Kardelj, der nach Djilas’ Absetzung die Ideologie Titos weiterführte. Obwohl sie dem Rätesystem des Ur-Kommunismus entsprach, bei dem kleinste Organisationen Delegierte wählten, die sie in dem jeweils höheren Gremium bis hoch zur bundesweiten Volkskammer vertraten, wurde sie als weltweit einmalige Neuheit verkauft. Man nannte die ganze Verfassung nach dieser Methode „Delegiertensystem“.
Wirklich neu war Titos Neuregelung zur Staatsführung. Nach seinem Tod war ein Rotationsprinzip geplant, bei dem der Ministerpräsident eines Teilstaates im Jahresrhythmus die Führung im Präsidium übernehmen und damit das wichtigste Amt im Staat ausüben sollte. Eine Legislaturperiode dieses neugeschaffenen Gremiums dauerte fünf Jahre, Wiederwahl war nur einmal möglich. Die komplizierte Regelung der einzelnen Befugnisse, die Tito einbaute um anderen nicht zuviel Macht zu ermöglichen, blähte die Verfassung auf 400 Paragraphen in ihrer ersten Fassung auf. Insgesamt war die zweite Reihe hinter den umfassenden Rechten des Staatspräsidenten auf 70 Parteifunktionäre verteilt, auch in den anderen Gremien wechselten die Vorsitze jährlich. Nach Angaben des Tito-Nachfolgers Mikulic seien 7000 bis 8000 Instanzen zu durchlaufen, wenn ein anderer als der allmächtige Präsident Tito eine Entscheidung umsetzten wolle.

Menschenrechte

Die zweite Republik wurde, wie es sich schon an der großzügigen Unterstützung erkennen lässt, vom Westen positiv eingeschätzt. Obwohl ein kommunistischer Präsident praktisch uneingeschränkt herrschte, wurde er nie als Diktator aufgefasst. Vielleicht war dieses Verhalten darin begründet, dass Tito einen überwältigenden Rückhalt in der Bevölkerung besaß, vielleicht darin, dass über größere Ausschreitungen nie etwas bekannt wurde, trotz der Legitimation für die Armee, innenpolitisch für Ordnung zu sorgen.
Es bleibt jedoch zu beachten, was für Ansprüche per Definition an eine Demokratie zu stellen sind, wie sie die FSRJ auf dem Papier war. Die Freiheit der Person war nur geschützt, solange man sich der Staatsideologie unterordnete. Dies musste sogar Chef-Ideologe Djilas schmerzlich erfahren, er verbrachte insgesamt über zehn Jahre im Gefängnis.
Womit man sich in Jugoslawien am schwersten tat, war zweifellos die Meinungs- und Pressefreiheit. Von beidem gab es keine Spur in der Verfassung. Nach dem Verständnis des Regimes war die Ideologie notwendig zur Erhaltung des Staates. Eine Unterwanderung dieser Vorgaben, sei es nur durch Kritik, galt als Landesverrat und konnte mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Es zeigte sich außerdem in der Folgezeit, dass der Präsident über dem Gesetz stand. Der letzte Zweifel daran verschwand nach der Verfassung von 1963, die ihn nun auch offiziell zum unantastbaren Machthaber auf Lebenszeit machte.
1973 wendete sich Tito in einem Brief an die Partei, in dem er Maßnahmen aufzählte, die zur Stärkung des Kommunismus nötig seien. Daraufhin entfernte man alle unangepassten Menschen aus öffentlichen Ämtern und brachte die Berichterstattung unter staatliche Kontrolle. Der Präsident brachte klar zum Ausdruck, dass der Kommunismus von der revolutionären Bewegung und der Gewaltausübung durch eine kleine starke Gruppe abhängig sei.
Nach 1980 verschlechterte sich die Situation erheblich. Die Menschenrechte verloren in den teilweise bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen ihre Gültigkeit. Vor allem von serbischer Seite wurde massiv gegen die ethnischen Gruppierungen im Kosovo und in der Region Vojvodina vorgegangen. Im Februar 1989, nach Unruhen im Kosovo verhängt Milosevic den Ausnahmezustand über die teilautonome Region. Damit waren die Menschenrechte weitgehend außer Kraft gesetzt und der Einsatz der Armee gerechtfertigt

Pulverfass Balkan

Neue Strömungen


Als Tito starb, wurde klar, wie sehr seine Person mit dem Schicksal Jugoslawiens verbunden war, er selbst hatte diesen Personenkult nach Kräften unterstützt. Das neue System der ständig wechselnden Präsidenten war davon abhängig, dass die Nationen zusammengehalten wurden, wie es bisher durch Tito und den BdKJ geschehen war. Doch Tito starb und der Bund brach auseinander. Gleichzeitig begann auch die Wirtschaftskrise in Jugoslawien, die in neuen Jahren alles veränderte. Die Arbeitslosigkeit stieg, wenn auch unterschiedlich stark, im ganzen Land rapide an. Der Lebensstandard sank auf die Hälfte1). Es brach auf, was Jugoslawien an einem friedlichen Zusammenleben seit jeher gestört hatte: der Nationalismus.
Die Slowenen lebten wie die Kroaten gut vom Tourismus und hatten sich dem Westen immer mehr angenähert und wollte nicht mehr weiter ihr Geld in den Südosten des Landes schicken. In ihren Vorstellungen verbrauchten die faulen Asiaten, was die fleißigen Europäer erarbeiteten. Doch man war skeptisch, ob die Wirtschaft stark genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen. Zwar erwirtschaftete die slowenische Bevölkerung, die zahlenmäßig nur 8% in Jugoslawien ausmachte, einen bedeutend höheren Teil des Bruttosozialproduktes, doch nutzte man dabei, die billigen Industrieerzeugnisse aus dem Süden und verkaufte die eigenen Produkte wiederum an diesen abhängigen Markt.
Die Kroaten waren aufgrund der Religion im ständigen Streit mit den Serben und als dort der Nationalismus aufflammte und sich gegen die ebenfalls moslemischen Albaner im Kosovo richtete, wurde man unruhig. Die Vorstellung der ethnischen Säuberung verschärfte die Situation. Die wirtschaftlichen Interessen gaben schließlich den Ausschlag, Kroatien wollte die Unabhängigkeit und einen möglichst großen Abstand zwischen sich und Serbien bringen. Was sich daraus entwickelte, war die Explosion des Pulverfasses Balkan.
Die jugoslawische Regierung ging ebenfalls neue Wege. Seit 1986 übernahm Branko Mikulic, „ein konservativer serbischer Kommunist aus Titos engster Umgebung“, die Position des jugoslawischen Ministerpräsidenten. Er kritisierte das System des Bundesstaates, da die Regierung nicht handlungsfähig sei, um den akuten Problemen wirksam entgegentreten zu können, es sei zu bürokratisch und er könne keine Verantwortung für die Lage übernehmen.1988 wählte das achtköpfige Staatspräsidium den bosnischen Kroaten Ante Markovic zu seinem Nachfolger. Der Wirtschaftsexperte setzte sich gegen den serbischen Konkurrenten Jovic durch und versuchte das marode Marktsystem zu reformieren. Er forderte die Zulassung neuer Parteien, da die Kommunistische Partei nicht in der Lage sei, 1)Quelle Nr. 2, S 154
die nötige Flexibilität aufzubringen. Sein großes Ziel war jedoch die Umwandlung Jugoslawiens in eine Marktwirtschaft, die nur Seite an Seite mit der Demokratie einhergehen könne und die wirtschaftliche Talfahrt aufhalte.
Doch die Inflation kam dazwischen. Sie erreichte Ende 1989 dramatische Ausmaße und zwang Markovic zu einer Entwertung des Dinar, um sie kurzfristig stoppen zu können. Diese Maßnahme ging jedoch auf Kosten der Slowenen und Kroaten, da der schlechte Wechselkurs ihren Export entwertete. Man warf dem resignierten Reformer vor, er mache den Serben aufgrund seiner Abhängigkeit von der zahlenmäßig stärksten Nation zu viele Zugeständnisse. Ende 1990 machte Markovic in einer Rede deutlich, dass er die Hoffnung auf die Erneuerung des Bundesstaates Jugoslawiens aufgegeben hatte, die Interessen der unterschiedlichen Nationen seien entgegengesetzt und für immer stärkere Spannungen verantwortlich. Er scheiterte schließlich 1991 an der Schwäche seiner Position, doch den Kampf für eine friedliche Einigung hatte er da schon längst verloren. Seine Bemühungen brachten ihm jedoch großes internationales Ansehen ein.

Slobodan Milosevic

Für die Zukunft Serbiens war in der Zeit nach Tito ein Mann verantwortlich, Slobodan Milosevic. Er wurde 1941 in Pozarevac, Serbien geboren. Sein Vater war serbisch-orthodoxer Geistlicher, doch den Sohn zog es in die Wirtschaft, außerdem war er sehr politisch engagiert. Mit 18 Jahren trat er der kommunistischen Partei bei, gleichzeitig studierte er Rechtswissenschaften an der Universität von Belgrad. Nach seinem Examen 1964 stieg er in das große Unternehmen Technogas ein, wo er eine steile berufliche Karriere startete. Fünf Jahre später war er bereits Vize-Direktor, weitere fünf Jahre danach bereits Direktor im Alter von 32 Jahren. Als Führungsperson wechselte er 1978 zur Beobank, der größten Bank von Belgrad, und stieg somit in die Belgrader Finanzwelt ein. Er leitete die Bank bis 1983.
Erst danach, 1984 begann seine hauptberufliche politische Laufbahn. Er wurde zum Leiter der Belgrader Sektion der KP Serbiens ernannt. Von da an leitete er die Geschicke des Serbischen Volkes unbestritten an.1)
Slobodan Milosevic hatte als einziger Ministerpräsident versäumt auf den Zug der Annäherung an Europa aufzuspringen, als er die Zeichen der Zeit erkannte, war es für ihn zu 1) Quelle Nr. 16
spät um einzulenken. Doch eins Verstand er wie kein anderer im Jugoslawien seiner Zeit, die Massen hinter sich zu bringen. In Serbien wuchs die Angst vor Übergriffen der albanischen Bevölkerung auf serbische Minderheiten im Kosovo. Nachdem das Staatspräsidium die Ordnung nicht mehr aufrecht erhalten konnte, ging Milosevics Karriere schnell voran. 1986 wurde er Parteiführer der serbischen Kommunisten, 1987 organisiert er eine Massendemonstration im Kosovo, wo er dessen Eingliederung in Serbien fordert, 1989 als der nationalistische Hass auf die Kosovo-Albaner immer stärker ausbrach, nutzte er die Gunst der Stunde. Sein bisheriger Förderer der serbische Präsident Ivan Stambolic fiel endlich Milosevics Machtstreben zum Opfer, er wurde abgesetzt und der neue Mann nahm seine Position ein. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Festrede am serbischen Nationalfeiertag, dem 28. Juni (Vidovdan), dem Tag einer denkwürdigen Schlacht im Mittelalter zwischen Osmanen und serbischen Widerstandskämpfern, die auf dem Amselfeld im heutigen Kosovo ausgetragen wurde. An dieser Stelle hielt der neue Präsident eine hitzige Rede an das Volk. Er wusste wohl, dass man uneinige Menschen am besten mit einem gemeinsamen Feind einen kann. Der Boden im Kosovo sei von serbischem Blut getränkt und ihnen von den moslemischen Albanern geraubt worden, aber man lasse sich nicht verdrängen. In blumiger Sprache rief Milosevic aus, das Kosovo sei das Zentrum der serbischen Kultur, sei heiliger Boden.1)

Nachwort

Es ist Zeit für einen Rückblick. Die Jahre zwischen 1945 und 1990 sind für die Jugoslawen in zwei Epochen eingeteilt. Die zweite Republik, entstanden aus dem Zweiten Weltkrieg, ist für sie untrennbar mit der Person Josip Titos verbunden. Er steht für den Widerstand gegen den Faschismus, gegen die Einmischung der Sowjetunion. Er ist das Symbol für den bescheidenen Wohlstand der Bevölkerung in den 35 Jahren seiner uneingeschränkten Herrschaft. Dieser Staat ist Tito, wie einst Ludwig XIV. von sich behauptete, so auch der Mann, der sich in der Verfassung Jugoslawiens als Volksheld festhalten lässt, der sich zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennt und keinen Widerstand duldet.
Das Ende Titos ist für den Jugoslawen somit auch das Ende der Föderativen Sozialistischen Republik Jugoslawiens. Er ist Vaterfigur für viele und für alle Nationen und Nationalitäten seines Vielvölkerstaates.
Nach seinem Tod bricht das Land zusammen. Die Frage ist, warum. Die Verfassung lässt keine konsequente Politik zu, alles rotiert ist kurzzeitig und unverlässlich. Als die Welt sich wandelt, kann Jugoslawien nicht mitziehen - der Westen verliert sein Vertrauen.
Mit dem Wohlstand geht auch die Einheit. Gleichzeitig bricht in ganz Jugoslawien der Nationalismus aus. Im Kosovo protestiert man gegen die serbische Einmischung, in Serbien gegen die Besetzung des serbischen Bodens durch die moslemischen Albaner. In Kroatien und Slowenien ist man die Umfinanzierung leid und will raus aus dem Bund. Man ist bereit für die Unabhängigkeit zu kämpfen, man ist wieder ein eigenes Volk.
Ein Mann, der die Nationen einen könnte, fehlt. Ein starker Mann ist in Titos Plänen für das Jugoslawien nach seinem Tod nicht vorgesehen und bis zum Zusammenbruch der Wirtschaft in 1989 bleibt diese Verfassung unverändert gültig. Der Mann, der Jugoslawien 35 Jahre zusammengehalten hat, ist nun mitverantwortlich für den Zerfall. Dieser Prozess beginnt so schon in dem Jahr nach seinem Tod und steigert sich bis es 1991 endlich knallt auf dem Balkan. In Europa hat man es schon immer gewusst.
Doch warum hat man nichts dagegen unternommen? Warum hat man zugelassen, dass sich eine Wirtschaft entwickelt hat, die nie auf eigenen Beinen stand oder auch nur stehen konnte? Warum hat man Jugoslawien nicht unterstützt, als das Geld und die Entschlossenheit fehlte, um die sozialistische Wirtschaft neu zu strukturieren?
Diese Frage muss sich Europa gefallen lassen. Jugoslawien war und ist mit neuem Gesicht ein Teil Europas, doch er scheint vergessen worden zu sein. Erst in neuester Zeit zeigt man wieder Bemühungen, Südosteuropa einzugliedern in die Europäische Union und das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, wenn schon bei Slowenien wie viel mehr in Serbien und Montenegro. Doch die letzten 55 Jahre der jugoslawischen Geschichte stellen genau diese Forderung an den Westen - an uns!