Ukrainische Soldaten in Wetzlar

  • Ukraine allgemein
  • Geschichte der Ukraine
  • Kriegsgefangenenlager in Wetzlar
  • Gründe für Kriegsgefangenenlager
    • Aufgaben, Aufbau und das Leben im Lager Wetzlar-Büblingshausen
    • Auflösung des Lagers
    • Wetzlar – ein besonderes Lager
1. Ukraine allgemein

Die Ukraine verdiente schon immer die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn und war nicht umsonst in der Geschichte umworben wie sonst kaum ein anderes Land. Sie umfasste vor dem Ersten Weltkrieg ein Gebiet, das mehr als anderthalb mal so groß war wie das kaiserliche Deutschland oder die französische Republik. Die Ukraine hatte mit 38 Mio. fast so viele Einwohner wie Frankreich.

Karte der heutigen Ukraine  (Quelle: Internet: http://www.simplemaps.iofm.net/ukraine%20.jpg) Als Land der schwarzen Erde war es schon die Kornkammer für Byzanz gewesen und blieb es auch für das Zarenreich und die Sowjetunion, dazu kommt ein großer Reichtum an Bodenschätzen, wie Eisenerz, Mangan, Quecksilber und Salz. Im Donez-Becken liegt eines der größten Kohlefelder der Welt und die gewaltigen Flüsse sind ein ungeheures Energiereservoir.
2. Geschichte der Ukraine

Die Ukraine ist ein Land mit langer Tradition. Sie hat ihre Wurzeln in dem Fürstentum von Kiew, das sich im 9. Jh. bildete, sich sehr schnell ausbreitete und erst im 13. Jh. durch die Mongolen zerstört wurde. Im 14. Jh. geriet das Land in die Gewalt des polnisch-litauischen Reiches, das jede Eigenentwicklung sowie den griechisch-orthodoxen Glauben gewaltsam zu unterdrücken versuchte. Immer wieder kam es zu Aufständen, zuerst gegen die Polen, später gegen die Türken. Ein ukrainisches Kosakentum versuchte im Dnjepr-Raum Glauben, Bräuche und Freiheitsliebe zu bewahren, in dem es in Form von militärisch organisierten Wiederstandsnester bildete.

In der Mitte des 17. Jh. gelang es dem Kosakenhetman Bogdan Chmelnycky durch einen blutigen Aufstand, das Land zu befreien und den Katholisierungsbemühungen Einhalt zu gebieten. Die Ukraine suchte Rückhalt bei dem orthodoxen Russland, das ihr auch zunächst Selbstständigkeit versprach. Peter der Große nahm den Ukrainern jedoch nach einem erneuten Aufstand jegliche Freiheiten.
Bei den polnischen Teilungen gegen Ende des 18. Jh. fiel auch der westliche Teil der Ukraine an Russland. Nur ein Rest, Gallizien und Wolhynien, verblieb bei Österreich. Das zentralistisch regierte Zarenreich unterdrückte im 19. Jh. die ukrainische Literatur, verbot ukrainische Bücher, schloss ukrainische Schulen und versuchte das Land zu russifizieren.
Das rief nationale Bewegungen auf den Plan, die sich den Ausbruch aus dem riesigen Völkergefängnis zum Ziel setzten. Die Ängstlicheren hofften wenigstens auf Autonomie innerhalb des Zarenreiches, andere forderten die völlige Eigenständigkeit des Landes.

Um 1900 entstand eine „Revolutionäre Ukrainische Partei“ mit Sitz in Kiew und Außenstellen in Lemberg im österreichischen Gallizien. Die Partei propagierte heimlich die Befreiung des Landes und entwickelte sich zu einer ernstzunehmenden Kraft, die 1905 in die erste Duma (russ. Volksvertretung) 52 Abgeordnete entsandte. Diese Abgeordneten verlangten jetzt (vorerst) die Autonomie der Ukraine innerhalb Russlands.
Der eigentliche Widerstand gegen das Zarenreich entwickelte sich aber auf österreichischem Boden. In Lemberg etablierte sich 1913 ein „Bund zur Befreiung der Ukraine“. Er verlegte Zeitschriften, veröffentlichte ukrainische Literatur und machte die Welt auf das ukrainische Problem aufmerksam.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges verlegte der „Bund zur Befreiung der Ukraine“ seinen Sitz nach Wien und erfreute sich von nun an der besonderen Unterstützung der österreichischen und schließlich der deutschen Regierung, die beide dieser Bewegung in den Kriegsgefangenenlagern sehr viel Spielraum einräumten.
Wetzlar hat vieles von der damaligen Entwicklung am Rande aber hautnahe miterlebt, weil das ukrainische Gefangenenlager Spiegel und Bestandteil der Politik jener Tage war.


3. Kriegsgefangenenlager in Wetzlar

3.1. Gründe für Kriegsgefangenenlager

Nachdem im September 1914 die deutsche Blitzkriegstrategie im Westen im Prinzip gescheitert war, musste man zum Stellungskrieg übergehen. So waren die oberste Heeresleitung und insbesondere das Kriegsministerium für Ukraine-Fragen darauf angewiesen auf längerfristige anzulegende Aktivitäten zu setzen. So suchte man Ukrainer (insbesondere Mitglieder des mehr sozialrevolutionär und sozialdemokratisch eingestellten „Bundes zur Befreiung der Ukraine“ im folgenden: BBU -), die insbesondere an der deutsch-österreichisch-ungarischen Südfront gefangen genommen werden konnten, heraus und führte sie in speziellen Lagern zusammen. Sie bekamen hier besondere, bessere Bedingungen geboten, um sie als mögliche, spätere Bündnispartner gegen Russland zu gewinnen und einzusetzen. So erhofften sich die Reichsleitung und die oberste Heeresleitung, dass durch die angenehmeren Lagerbedingungen als in den normalen Kriegsgefangenenlagern und durch die gezielte antirussische Unterrichtung über die ukrainische Geschichte, Sprache und Kultur, sowie die ausgewählten militärpolitischen Informationen und durch die guten Bildungs- und kulturellen Selbstbetätigungsmöglichkeiten eine gewisse Sicherheit dafür gegeben sei, die Ukrainer als potentielle Juniorpartner von morgen für die deutschen Ziele in Osteuropa zu gewinnen. Diese Rechnung ist allerdings kaum aufgegangen.

3.2. Aufgaben, Aufbau und das Leben im Lager Wetzlar-Büblingshausen

Der „Wetzlarer Anzeiger“ vom 14. und 15. September 1914 berichtet kurz, dass demnächst ein größeres Kriegsgefangenenlager für rund 10.000 Mann auf und neben dem Exerzierplatz der Unteroffiziersschule an der Frankfurter Straße errichtet würde.

Ankunft der Kriegsgefangenen am Wetzlarer Bahnhof  (Quelle: Stadtarchiv Wetzlar)Am 15. November 1914 hieß es dann, dass die ersten Gefangenen, 16 verwundete Russen, in Wetzlar eingetroffen sind. In einer geheimen „Denkschrift über die ukrainischen Kriegsgefangenenlager in Deutschland“ hieß es 1915, dass in 3 Kriegsgefangenenlagern (Rastatt, Wetzlar und Salzwedel) 40.000 Ukrainer seien.

Daraus lässt sich schließen, dass in jedem Lager, also auch in Wetzlar, ca. 13.000 Ukrainer gewesen sein müssten.

Die Funktionen und Strukturen der ukrainischen Kriegsgefangenenlager waren sich sehr ähnlich. Im Lager von Wetzlar wirkten ein deutscher Kommandant und Offiziere, insbesondere Aufklärungsoffiziere, die Unteroffiziere und Wachmannschaften, die sich an die entsprechenden deutschen Kriegsgesetze zu halten hatten. Der Kommandant gab in deutscher und ukrainischer Sprache Befehle, Anordnungen, Instruktionen, Bekanntmachungen und so auch Verordnungen und ein Statut für die ukrainischen Baracken- , Block- und Lagerältesten heraus. Generell gab es für die Mannschaften Arbeitspflicht, die zumeist auf Außenkommandos ausgeführt wurde. Sie erhielten bei Arbeiten in der Landwirtschaft 50 Pfennig Lohn pro Tag.

Anfang des Jahres 1916 erhielt das Lager seine eigene Druckerei. Dies schaffte zusätzlich Arbeitsplätze und nun konnte eine eigene Lagerzeitung „Pros’vitnij listok“ (Unterrichts- und Aufklärungsblättchen) herausgegeben werden. Es erschien an jedem 01. und 15. eines Monats im DinA4 Format mit durchschnittlich 8 Seiten und einem Preis 5 Pfennig. Es enthielt Erzählungen, Gedichte von Ukrainern und über bedeutende Vertreter ihres Landes, über ihre Heimat, interessante Nachrichten vom Weltgeschehen (aus Sicht der Mittelmächte und auf Basis der deutschen Zeitungsmeldungen) und es berichtete relativ ausführlich von der Bildungsarbeit und das kulturelle Leben im Lager. Außerdem brachte man 3 Auflagen eines ukrainischen Liederbuchs, mit 20 Liedern, eine Ausgabe mit Märchenerzählungen, je einen Kalender für 1916 und 1917 mit Gedichten und Artikeln von Gefangenen und anderen Ukrainern, weiterhin ein Gedenkheft zum 102 des großen ukrainischen NationaldichtersTaras Sevcenko (1814 – 1861) mit Portrait und Bildern heraus.

Das Wirken zahlreicher Kultur- und Bildungsvereine, Gesellschaften und Interessengruppen sowie die Durchführung einer großen Zahl von Veranstaltungen verschiedenster Art, konnte unter besonderen Bedingungen, z. B. Arbeitsfreistellung, nicht nur an Sonntagen und werktags in den Abendstunden, sondern auch tagsüber erfolgen. Diese Sonderbedingungen wurden nur in solchen Speziallagern gewährt.

In einer Annonce wies die Gesellschaft „Landwirtschaft“ auf das kleine Landwirtschaftliche Museum und die entsprechende Fachbibliothek im Lager, auf Kurse, Seminare und den organisierten Erfahrungsaustausch hin. Alleine aus diesen Angaben wird deutlich, dass die deutsche und die ukrainische Seite den Gefangenen (nicht ohne eine bestimmte Zielsetzung) auch zahlreiche Bildungsmöglichkeiten boten, die den Ukrainern nach dem Krieg zu Gute kommen konnten.

Die Entwicklung des Lagers lässt sich in sechs Perioden einteilen:

- In der erste Periode war nur der Unterrichtsausschuss mit Hilfe der Lagerleitung aktiv und die Gefangenen blieben passiv.

- In der zweiten Phase wurde die Neugier der Lagerinsassen allmählich geweckt, so dass mehr propagandistische Veranstaltungen durchgeführt werden konnten.

- Die dritte Etappe diente dazu, möglichst viele Gefangene mit der Propaganda gegen Russland zu erfassen und Ängste vor späteren Strafen in Russland zu unterdrücken.

- In der vierten Phase waren die Gefangenen beruhigt und gewannen Vertrauen in die militärische Stärke des deutschen Reiches. Sie kritisierten sogar selbst die politischen Verhältnisse in Russland und hörten aufmerksamer bei den Darlegungen über die ukrainische Frage zu.

- In der fünfte Periode wurden die Vorträge durch anschließende Diskussionen mit den Gefangenen ergänzt. Es gab aber noch keine einheitliche Meinung über ein selbstständiges ukrainisches Reich.

- Während der sechsten Etappe stieg das Selbstständigkeitsgefühl der Gefangenen so, dass man die Autonomie des Untersuchungsausschusses angriff. Dieser Konflikt kam im Oktober 1916 zum Höhepunkt und der U.-A. zerfiel in zwei Fraktionen. Die Mehrheit beharrte auf der alten Position, die Minderheit setzte sich für größere Autonomie der ukrainischen Gesellschaften und Vereine im Lager ein.

Durch diese Auseinandersetzung sprach man von einer Reform. Es gab eine erfreuliche Belebung des Lagerlebens: Mehr Vereine mit mehr Mitgliedern sind aktiver geworden und mehr Massenversammlungen zu solchen Themen, wie „Unabhängiger ukrainischer Staat“, Schulwesen, Kirche, militärische Organisationen u.a. fanden statt.
Die oberste Heeresleitung sprach von einer Lager-Revolution und meinte, dass es praktisch keine Unterrichts-Ausschüsse mehr gebe, weil die Gefangenen Ukrainer die Sache mehr oder weniger selbst in die Hand nahmen.

Im Februar 1917 fanden in sechs Wahlbezirken des Lagers allgemeine, gleiche und geheime Wahlen zu einer Volksrada statt, die dann am 25. März 1917 das erstemal zusammentrat und für drei Monate gewählt war.

Im Februar 1917 entstand ein Komitee für die Errichtung eines Friedhofsdenkmals zur Erinnerung an verstorbene Kriegsgefangene, das für Spenden warb. Der Entwurf eines solchen Denkmals erschien zum Beispiel in der Lagerzeitung vom 24. Juni 1917.

Schule im ukrainischen Kriegsgefangenenlager (Quelle: Wetzlarer StadtarchivSeit Ende 1917 nahm die Berichterstattung über die Waffenstillstands und Friedensverhandlungen einen relativ großen Raum ein.

Es ist hier nicht möglich auf die umfangreiche Bildungs- und Kulturarbeit im Lager einzugehen, da es ein ganzes System von Bildungsmöglichkeiten gegeben hat. So gab es zum Beispiel eine Volksuniversität, eine Drei-Klassen-Schule, die mit Zeugnissen und Teilnahmebescheinigungen sowie den Unterschriften der Lehrkräfte abgeschlossen werden konnten.

Ukrainisches Orchester im Kriegsgefangenenlager (Quelle: Wetzlarer StadtarchivDazu gab es Orchester- und Chorkonzerte, Theateraufführungen (Dramen und Komödien) und Festveranstaltungen.
 

Man kann das Kriegsgefangenenlager in Wetzlar, als „Stadt in der Stadt“ bezeichnen. Die meisten Berührungspunkte gab es für die Bürger Wetzlars (sie umfasste um diese Zeit etwa 13 500 Einwohner) und der Umgebung im Rahmen des Außenkommandos, der Arbeit der Gefangenen in der Landwirtschaft und den Industriegebieten.

3.3. Auflösung des Lagers

Ukrainerdenkmal  am Friedhof in der Frankfurter Straße (Quelle: selbstgeschossene Fotos)Im Februar 1918 verließen die ersten 800 ukrainischen Kriegsgefangenen das Lager. Sie zogen mit blau-weißen Fahnen zum Bahnhof. Am 13. August 1919 berichtet der „Wetzlarer Anzeiger“, dass „das Kriegsgefangenenlager in Wetzlar, als Stammlager für russische Kriegsgefangene aufgelöst“ wird. Wenige Tage später fand die Enthüllung und Einweihung des hier bekannten Ukrainerdenkmals an der Ostmauer des Friedhofs in der Frankfurter Straße statt.
Einer der Gedenkstein auf dem Kriegsgefangenenfriedhof in Büblingshausen (Quelle:  selbstgeschossene Fotos) Zum Bau des Denkmals wurden unter anderem auch Gelder des Spendenkomitees für das Friedhofsdenkmal verwendet. In Ansprechen von deutscher und ukrainischer Seite wurde der Sinn des geschaffenen Denkmals gewürdigt und der Toten gedacht. Ebenso wurden zwei Gedenksteine auf dem Gefangenenfriedhof in Büblingshausen für die in Wetzlar gestorbenen Kriegsgefangenen des ersten und zweiten Weltkrieges aufgestellt. Auf ihnen sind die Namen und die Sterbejahre eingetragen.

In den Jahren 1921 – 1923 ist auf dem Gelände des Gefangenenlager Wetzlar - Büblingshausen eine Siedlung mit 84 Wohnungen entstanden. So mancher Balken von den Baracken des Lagers soll in den Häusern verbaut worden sein.

Auch heute erkennt man an dem Straßenverlauf nach 90 Jahren immer noch den planmäßig angelegten Grundriss des Lagers.

Manche Ukrainer traten den Rückweg in ihre Heimat nicht an, sondern blieben in Wetzlar und fassten hier Fuß. Zum Aufbau ihres neuen Lebens, dienten ihnen auch die Erfahrungen und die Bildung die sie im Lager erfahren hatten.

Der letzte direkte ukrainische Kriegsgefangene verstarb im Jahre 1997.


3.4. Wetzlar – ein besonderes Lager?

Aus den Darlegungen geht hervor, dass es sich nicht um ein normales Kriegsgefangenenlager gehandelt hat. Es kennzeichnet sich vor allem durch drei Besonderheiten.

Zum ersten, die Absichten die durch die zuvorkommende Behandlung der Kriegsgefangen verfolgt wurde. Man versuchte so einen stärkeren Rückhalt der ukrainischen Bevölkerung, gegen Russland zu erzielen.
Zum zweiten erfuhren die Kriegsgefangenen eine gezielte politische Aufklärung (Erziehungsarbeit). Auf dieses wurde die ganze Struktur des Lagers ausgerichtet.
Zum dritten profitierten sie von der Kulturarbeit, so konnten sie ihre Kenntnisse über Sprache, Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Natur ihrer Heimat vertiefen. Dazu lernten sie noch die Sitten und Geflogenheiten der deutschen Gesellschaft kennen.



Quellenangaben:

Textquellen:
- „Das Ukrainerlager Wetzlar-Büblingshause (1915 – 1918) - ein besonderes Lager?“ von Claus Remer
- „Das ukrainische Gefangenenlager in Wetzlar“ von Jürgen Runzheimer aus „Heimat an Lahn und Dill“ Nr. 284, erschienen Ende April 1994

Bildquellen:
- Wetzlarer Stadtarchiv
- http://www.simplemaps.iofm.net/ukraine%20.jpg
- selbstgeschossene Fotos in Wetzlar
 


©2004 Christian Drucker, Andreas Gilbert